Der Massenmord von Las Vegas Angriff aus dem 32. Stock

Stephen Paddock zertrümmerte zwei Hotelfenster, legte an und feuerte: In Las Vegas tötete der 64-Jährige mindestens 59 Menschen und verletzte Hunderte. Was bisher über die Tat bekannt ist.

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Von , New York


Die ersten Schüsse fallen um 22.08 Uhr, sie klingen wie ein Feuerwerk. Country-Star Jason Aldean steht auf der Bühne, der Schlussakt des "Route 91 Harvest"-Musikfestivals. Aldean singt weiter, dann bricht er ab und rennt nach hinten weg. Panische Schreie gellen durch die Menge, erst vereinzelt, bald von überall. Und immer mehr Schüsse - "nonstop", so ein Augenzeuge.

Binnen Minuten wird der legendäre "Strip" in Las Vegas vom Entertainment-Paradies zum Ort des Grauens. Am Ende sind mindestens 59 Menschen tot, mehr als 500 werden verletzt, als ein Attentäter in der Nacht zum Montag aus einem Hotel heraus auf ein Open-Air-Konzert feuert. Es ist die schlimmste Massenschießerei in der Geschichte Amerikas.

Noch in der Nacht beginnt das gleiche reflexhafte Ritual wie immer. Politiker beten, allen voran Präsident Donald Trump. Die TV-Sender strahlen erschütternde Augenzeugenberichte aus. Die Waffendebatte flammt wieder einmal auf - zu früh, sagen die einen empört, nicht früh genug, sagen die anderen.

Und auch das Fazit dürfte wieder das gleiche sein: Nichts wird sich ändern.

Dabei hat der Massenmord in Las Vegas eine neue, noch erschreckendere Dimension als frühere Massaker, die oft an relativ überschaubaren Orten stattfanden. Der "Strip" in Las Vegas ist an normalen Tagen schon ein sieben Kilometer langes Chaos aus Touristen, Zockern und Partygängern inmitten schriller Reklame und Endlosbeschallung von allen Seiten - vor allem spätabends.

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Las Vegas: Angriff auf das Country-Konzert

Mehr als 22.000 Fans haben sich zu dem Musikfestival am Südende des "Strips" versammelt, gegenüber den berühmten Casino-Hotels "Luxor" und "Mandalay Bay", als das Feuer auf sie niederprasselt. Panisch versuchen die Menschen, sich in Sicherheit zu bringen, sie rennen, stürzen übereinander, trampeln auf anderen herum. Die Schüsse hallen so weit, dass auch die Gäste anderer Hotels in Deckung gehen.

"Es war eine Horrorshow", sagt Ivetta Saldana der Lokalzeitung "Review-Journal". "Die Menschen fielen einfach um." Lange weiß keiner, wo die Schüsse herkommen, wie viele Schützen am Werk sind. Später sehen die Leute zwei zerbrochene Scheiben, aus denen Vorhänge flattern, hoch oben im 32. Stock des "Mandalay Bay".

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Zugleich melden Hotelgäste offenbar, dass in der Etage der Feuermelder losheult. Als ein Einsatzkommando der Polizei das entsprechende Zimmer stürmt, hat sich der mutmaßliche Täter, ein 64-jähriger Mann namens Stephen Paddock (Was über den Täter bekannt ist, lesen Sie hier), bereits das Leben genommen. Er habe mehr als zehn Schusswaffen dabei gehabt, darunter Gewehre, sagte Sheriff Joe Lombardo. An den Fenstern habe er zwei Plattformen gebaut, um besser zielen zu können, hieß es.

Trump tritt Stunden später vor die Kameras im Weißen Haus und verurteilt die Schießerei als einen "Akt des absolut Bösen". Er spricht sechsmal von Gott und fünfmal vom Beten und zitiert die Bibel, Psalm 34:18. Das Wort "Terror", das er sonst immer schnell parat hat, fällt nicht.

Die Terrormiliz IS reklamiert das Massaker für sich, doch die Behörden schließen einen terroristischen Hintergrund zunächst aus. Ein FBI-Sprecher sagt, es gebe bisher keine "Verbindung zu internationalen Terrorgruppen". Konservative Websites - darunter die von Alex Jones, ein Trump-Freund und prominentester US-Verschwörungstheoretiker - propagieren diese Version trotzdem weiter.

Unterdessen werden die ersten Informationen über den mutmaßlichen Schützen bekannt. Paddock ist ein bisher unbescholtener Pensionär aus Mesquite, ein Ort 130 Kilometer nördlich von Las Vegas, an der Grenze zu Arizona. Er checkte am Donnerstag im "Mandalay Bay" ein. Sein Bruder Eric zeigte sich in mehreren Interviews schockiert: "Er war ein ganz normaler Typ. Irgendwas muss da passiert sein."

Karte: Mapbox, Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

So oder so: Es dauert kaum Stunden, bis die Waffendebatte neu losbricht. Aktivisten erinnern daran, dass mehr Amerikaner durch US-Waffengewalt sterben als durch internationalen Terrorismus. Das letzte Massaker fand am 12. Juni 2016 statt: In einer LGBT-Disco in Orlando starben 49 Menschen.

"Seither haben wir Tausende durch Waffengewalt verloren", sagt der demokratische Senator Richard Blumenthal. "Ich bin mehr als frustriert. Ich bin rasend." Auch andere Demokraten zeigen sich entsetzt und fordern neue Waffenkontrollen, während sich die Republikaner, wie immer, dagegen verwehren. Kein Wunder: Der Kongress debattiert gerade ein Gesetz, wonach Beschränkungen für Schalldämpfer abgeschafft werden sollen - was, so Kritiker, ein Massaker wie in Las Vegas noch schlimmer machen würde.

Ein paar Stunden nach Trumps Erklärung äußert sich seine Sprecherin Sarah Sanders zur Waffenproblematik. Der heutige Tag müsse im Zeichen der Trauer stehen, des Trostes für die Angehörigen der Opfer: "Es wäre verfrüht, jetzt über Politik zu sprechen, wenn wir noch nicht einmal alle Fakten kennen."

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