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Laubbläser im Herbst: Der große Krach

Herbst in Deutschland: Laubsaison Fotos
DPA

Pünktlich zum Herbstbeginn dröhnen Laubbläser durch die Straßen, um herabfallende Blätter zu beseitigen. Im österreichischen Graz sind die Geräte nun verboten worden - damit ist das Laubproblem jedoch noch nicht gelöst.

Hamburg - Der Herbst ist an schönen Tagen die Zeit der langen Spaziergänge. Das Laub raschelt, die Kastanien glänzen, in der Luft knistert schon ein Stück Winter. Der Herbst ist aber auch die Zeit großer Quälgeister. Laubbläser und -sauger kommen zum Einsatz. Ihre Aufgabe: Zehntausende Tonnen Laub beseitigen, die jedes Jahr in den zehn größten deutschen Städten fallen.

Unter großem Getöse und mit einer Schnelligkeit von zweihundert, manchmal dreihundert Kilometern pro Stunde faucht die Luft aus den Geräten über Spielplätze und Straßen, treibt Blätter auf Gehwegen und in Parks zusammen. Abgasschleudern, Lärmbelästiger - es gibt wohl kaum Gartengeräte, die so unbeliebt sind und so emotional diskutiert werden wie die dröhnenden Laubbeseitiger.

  • Lärmbelästigung

Laut dem Umweltbundesamt in Dessau (UBA) lärmt der Laubsauger zwischen 80 und 100 Dezibel - so laut wie eine Kreissäge oder sogar ein Presslufthammer. Bereits 60 Dezibel können die Gesundheit beeinträchtigen. "Von einem Laubbläser wird man noch nicht krank", sagt Lärmexperte Thomas Myck vom UBA, "aber belästigt." Über sein Büro breche jedes Jahr eine Beschwerdewelle hinein. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Lärm krank machen kann. In Deutschland gibt es daher Einschränkungen, wann die Laubbläser benutzt werden dürfen: in Wohngebieten zwischen 9 und 13 Uhr sowie zwischen 15 und 17 Uhr; an Sonn-und Feiertagen gar nicht. So ist es im Bundesimmissionsschutzgesetz festgehalten.

  • Gefährlich für Flora und Fauna

Umweltverbände kritisieren, dass die Nutzung der Laubbläser den Lebensraum vieler Kleintiere zerstöre. Ohne Laub keine Nährstoffe. Es kann kein Humus gebildet werden, in dem sich wiederum Larven und Insekten als Futter für Vögel und andere Kleintiere ansiedeln. "Schlimmer noch sind die Geräte mit Häckselfunktion", sagt Ilka Bodmann vom Naturschutzbund Hamburg (NABU). Frösche, Igel, Spinnen, Vogeljunge, Regenwürmer - sie werden mit den Blättern von den Maschinen zerstückelt wieder ausgespuckt.

  • Umweltbelastung

Viele der motorbetriebenen Geräte laufen auf Benzin. Vor allem ältere Modelle spucken laut UBA Schadstoffe aus. Durch das Gepuste wird auf Straßen und Gehwegen Feinstaub aufgewirbelt - und zwar eine nicht unerhebliche Menge. Laut einer Studie der Technischen Universität Graz von 2013 wirbelt der Laubbläser beim Säubern von Straßen sechs- bis zehnmal so viel Feinstaub auf wie ein einfacher Besen.

Das feinstaubgeplagte Graz hat nun gehandelt. Seit dem 1. Oktober darf in der österreichischen Stadt und einigen umliegenden Regionen nur noch mit der Hand geharkt und gefegt werden. Die lauten Geräte seien "im gesamten Stadtgebiet von Graz und Leibnitz sowie im Gemeindegebiet von Kaindorf an der Sulm ganzjährig verboten", heißt es in dem Beschluss. Wer trotzdem zur Maschine greift, muss bis zu 7250 Euro Bußgeld zahlen.

Ein Jahr wollen sie den Verzicht auf die Geräte in der Steiermark nun testen. "Hinsichtlich der Feinstaubproblematik ist das ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Gutachten-Autor Peter Sturm, Professor und Stellvertreter des Grazer Instituts für Verbrennungskraftmaschinen und Thermodynamik. "Aber es ist ein Anfang."

In Graz freuen sich jetzt zwar viele, dass die Maschinen mit Rücksicht auf Ohren und Umwelt abgeschaltet werden. Von anderer Seite gibt es aber Kritik. Die Stadtreinigung pustete das Laub jedes Jahr von Straßen und Gehwegen, um die Unfallgefahr zu mindern. Sie steht nun vor der Aufgabe, die 250.000-Einwohner-Stadt ohne ihre 30 Blasgeräte laubfrei zu halten. Eine Maschine ersetzt vier händische Arbeiter - das ist die Rechnung der städtischen Holding Graz. "Wir werden versuchen, intern umzuschichten, um das zu stemmen", sagte Sprecher Gerald Pichler, "aber das wird dauern." Schwierig zu erreichende Stellen, etwa unter Autos, fallen ganz weg. Wesentlich härter dürfte das Verbot private Landschaftspfleger treffen.

Auch in Deutschland stehen die Laubbläser und -sauger seit Jahren in der Kritik. Es gibt wohl kaum einen Bezirksausschuss, der nicht schon einmal das Thema diskutiert hat. 2002 hatte der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) mit der Umsetzung der EU-Richtlinie 2000/14/EG eine striktere Handhabe motorisierter Gartengeräte gefordert: "Es darf mehr geharkt werden", lautete die Parole. Es reichte jedoch nur für einen besseren Lärmschutz.

Die Beschwerden über den Lärm waren weiterhin so groß, dass einige Städte Alternativen ausprobierten. Hamburg, München und Stuttgart sattelten teilweise auf leisere Akkugeräte um. Die machen zwar weniger Lärm. Das Problem für Flora und Fauna bleibt jedoch bestehen.

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insgesamt 119 Beiträge
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    Seite 1    
1. Um effizient...
fatherted98 08.10.2014
..zu arbeiten sind die Dinger nötig...allerdings können die auch leiser...technisch ist das ja schon möglich..und leise Laubbläser gibts ja schon...eben nur teuer. Also...hier würde mal eine Gesetzesregelung helfen...für jeden Sche... gibts ne Vorschrift...warum nicht dafür?
2. Meine herren...
superfunk3000 08.10.2014
Spiegel online lässt aber auch nichts aus.
3. ... herabfallende Blätter ...
premiummails 08.10.2014
Das ist auch schwer, die Blätter mit dem Laubbläser im Flug zu erwischen (= herabfallend). Oder meinte hier jemand herabgefallene Blätter?
4. Hausmeisters Spielzeug
Sterbenswörtchen 08.10.2014
Die Laubkanonen sind die Pest. Die ganze Straße stinkt und man kann vor Lärm keinen klaren Gedanken mehr fassen, telefonieren ist nicht mehr möglich... Nach Verboten schreie ich selten aber bei dem Thema: Ja, weg damit! Es gibt auch Besen. Ein gestresster Münchner.
5.
brooklyner 08.10.2014
Als ich diese Dinger zum ersten Mal 89 in Kalifornien sah, dachte ich was für ein umweltfreundlicher Scheiss, nimm nen Besen und nen Rechen und mach das Laub so weg. Unfassbar, dass sich diese Mistdinger hier auch etabliert haben. Faules Pack.
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