Nach Sherpa-Unglück Am Mount Everest droht Streik

Viele Tote, viele Verletzte, viele Verzweifelte: Nach dem schweren Lawinenunglück am Mount Everest überlegen die Bergführer jetzt erstmals, ihre Arbeit niederzulegen. "Wir haben genug gelitten", sagen die Sherpas.


Katmandu - Als sie am Freitagmorgen losmarschierten, freuten die Bergführer sich, ein bisschen aufgeregt waren sie auch. Wie immer, wenn sie den Mount Everest um diese Jahreszeit bestiegen. Bepackt mit Seilen, Zelten und Lebensmitteln, um die Routen vor Saison-Beginn zu reparieren für die vielen hundert Bergsteiger, die Jahr für Jahr auf den Berg der Berge wollen.

Aber dann kam die Katastrophe, die vielleicht alles verändern wird:13 Bergführer, Sherpas genannt, starben am Freitagmorgen, begraben unter Tonnen von Eis und Schnee. Drei Menschen sind noch vermisst, doch die Behörden haben die Suche inzwischen eingestellt; sie haben keine Hoffnung mehr, die Bergführer lebend zu finden.

Ein schlimmeres Unglück hat es - soweit bekannt - am Mount Everest bislang nicht gegeben. Die Sherpas können und wollen danach nicht zur Tagesordnung übergehen. Sie sprechen von Streik. Einer von vier Überlebenden ist der 39-jährige Kaji. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus und will nie mehr als Bergführer arbeiten.

Die Sherpas hätten genug gelitten, sagte er der "New York Times".

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Unglück am Mount Everest: "Wir müssen uns zusammenreißen"

Im Krankenhaus erinnert sich Kaji an das Unglück: Eine Wand aus Schnee und Eis raste direkt auf sie zu, viele seiner Kollegen starben sofort. Die Überlebenden konnten nicht fliehen, sondern mussten auf Hilfe warten, vier Stunden lang. Kaji hörte die Schreie der sterbenden Sherpas, vereinzelt ragten ihre Hände und Beine aus dem Schnee.

40.000 Rupien, rund 300 Euro, hat die Regierung in Nepal den Angehörigen der Toten als Entschädigung geboten - was viele Sherpas empört. Schließlich zahlt jeder einzelne Ausländer Tausende Euro für den Aufstieg, unter anderem für die Genehmigung, und die Tourismusindustrie in Nepal verdient daran kräftig mit. Ohne Sherpas wäre es für den allermeisten Bergsteigern nahezu unmöglich, den Everest zu erklimmen. Einige hundert warten auch jetzt, unmittelbar nach der Katastrophe, im Basislager auf ihren Aufstieg.

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Unglück am Mount Everest: "Eine Wand aus Schnee"
"So viele von uns sind verängstigt"

Bislang sei noch keine Expedition abgesagt worden, teilt das Tourismusministerium mit. Die Regierung denke derzeit aber darüber nach, berichtet der britische "Guardian" unter Berufung auf das Ministerium. Noch sei aber keine Entscheidung getroffen. Überhaupt wehrt sich der Staat gegen den Vorwurf, sich nicht zu kümmern. Die Regierung helfe den Sherpas, sagte der stellvertretende Premierminister Prakash Man Singh. "Wir tun, was wir können."

Offenbar reicht das nicht. Viele Sherpas hätten bereits gekündigt, teilte der Präsident der Bergsteiger-Gesellschaft mit. "Nachdem wir so viele Brüder und Freunde verloren haben, ist es einfach nicht möglich, weiterzumachen", sagt ein Sherpa. "So viele von uns sind verängstigt, unsere Familienmitglieder sind verängstigt und bitten uns umzukehren."

Für andere steht hingegen fest: Sie werden festhalten an ihrer lukrativen Arbeit. Schließlich verdient ein erfahrener Sherpa bis zu 5000 Dollar in drei Monaten Hochsaison, das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt in Nepal bei 700 Dollar. "Wir verdienen mehr Geld als die meisten anderen Menschen im Land", sagt ein 28-jähriger Sherpa. Ohne die Ausländer seien sie arbeitslos. "Sie brauchen uns, und wir brauchen sie."

Sollten die Sherpas sich tatsächlich für einen Streik entscheiden, dann hätten sie zumindest einen Bergsteiger auf ihrer Seite. Der 67-jährige Ed Marzec, ein pensionierter Anwalt aus Los Angeles, sagte der "New York Times": "Der Berg wird die nächsten Jahre noch da sein, und die nächsten tausend Jahre. Das hier ist die erste Chance der Sherpas, sich bemerkbar zu machen, und ich hoffe, sie werden davon profitieren."

fln/AP

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Delago 21.04.2014
1. "13 Bergführer, Sherpas genannt"
Zitat von sysopAFPViele Tote, viele Verletzte, viele Verzweifelte: Nach dem schweren Lawinenunglück am Mount Everest überlegen die Bergführer jetzt erstmals, ihre Arbeit niederzulegen. "Wir haben genug gelitten", sagen die Sherpas. http://www.spiegel.de/panorama/lawine-am-mount-everest-sherpas-wollen-streiken-a-965384.html
Wann ENDLICH kapieren die Leute, dass Sherpa nicht die Berufsbezeichnung von Trägern ist? Die Sherpa sind ein Bergvolk, die v.a. im Osten Nepals leben. Viele von ihnen verdingen sich als Bergführer und Träger. Diese Begriffs-Schlamperei ärgert mich seit Jahrzehnten. Wikipedia bildet hier übrigens.
peterpahn 21.04.2014
2. Reinhold Messner hat ...
Reinhold Messner hat unlängst in einem Interview angekündigt, dass es bald zu einem tragischen Lawinenunglück am Mount Everest kommen MUSS, weil der Mount Everest eben derart überlaufen ist, dass die Bergsteiger teilweise dicht an dicht im Entenmarsch den Berg hinausgehen. WENN dann aber eine Lawine käme - so Messner - dann läge es in der Natur der Sache, dass dann direkt sehr viele Menschen mitgerissen würden. Er sprach damals in dem Interview noch von rund 50 Toten.
norman.schnalzger 21.04.2014
3. Die Bergsteigerei
Ist neunmal eine gefährliche Angelegenheit, was viele in der modernen rundum sorglos Generation gerne vergessen. Für die Bergführer lukrativ, für die Touristen eine Sache von Prestige und Kick. Also, wo ist das Problem, das ist hier einfach Berufsrisiko.
paulsen2012 21.04.2014
4. Bergsteigertourismus,
dazu unnötige Tote u. Verletzte . Nicht zu vergessen in doppeltem Sinne : den Müll-Tourismus !
wi_hartmann@t-online.de 21.04.2014
5. Mount Everest
Wann wird Schluss gemacht mit dem Bergtourismus am Everest? Die Regierung von Nepal mit ihren Sherpas verhilft für viel Geld durchgeknallten Typen den Hype den Everest "bezwungen" zu haben. Hoffentlich wehrt sich der Berg (Natur) gegen den Auto- bahnverkehr zum Gipfel. Harry
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