Leben in Hongkong: "Nur mit Maske und mit schlechtem Gefühl"

Die Schulen sind geschlossen, in Märkten wird Dosennahrung knapp, Menschen tragen Masken und Latexhandschuhe. Seit dem Ausbruch der mysteriösen Lungenkrankheit leben Millionen Hongkonger in Angst. Tilmann Harder, Chemiker an der Hongkong University of Science and Technology, schilderte gegenüber SPIEGEL ONLINE, wie die Seuche das Leben verändert.

Junger Buspassagier in Hongkong: Viel zu groß sind die Handschuhe, mit denen sich das Kind vor der Ansteckung zu schützen sucht
AP

Junger Buspassagier in Hongkong: Viel zu groß sind die Handschuhe, mit denen sich das Kind vor der Ansteckung zu schützen sucht

SPIEGEL ONLINE:

Wie ist im Moment die Situation in der Stadt?

Tilmann Harder: Es ist Angst erregend. Ich war gerade heute Morgen in Downtown Hongkong. Die Straßenszenen erinnern an den Film "Outbreak" (in dem sich die Menschen vor dem Killervirus Ebola zu schützen suchen). Hier weiß man wirklich nicht mehr, ob man sicher ist. Da hilft auch der Gesichtsschutz nicht. Dazu sitzen die Masken nicht fest genug. Ich selbst besitze mehrere Masken. Die halten ja nur wenige Stunden. Dann muss man einen neuen Filter drauf setzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es an Ihrem Arbeitsplatz aus?

Harder: Unsere Universität liegt etwas außerhalb im Grünen. Hier ist die Panik noch nicht so groß. Bei der Arbeit tragen wir keine Masken. Aber in vielen Unternehmen nehmen die Arbeitnehmer ihren Gesichtsschutz den ganzen Tag nicht ab.

SPIEGEL ONLINE: Fahren Sie noch Bus?

Harder: Ja, aber nur mit Maske. Und mit einem schlechten Gefühl. In den Bussen versuchen sich die Menschen gegenseitig nicht zu nahe zu kommen. Wenn jemand hüstelt oder niest, rücken alle sofort um mehrere Meter ab. Dasselbe spielt sich in Aufzügen ab: Um den Knopf zu drücken, benutzen die Menschen nur noch Hilfswerkszeuge, wie Schlüssel. Es wird aufgefordert, Latexhandschuhe zu tragen und sich ansonsten möglichst häufig die Hände zu waschen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch kulturelle Veranstaltungen?

Straßenszene: "Wenn jemand hüstelt oder niest, rücken alle sofort um mehrere Meter ab"
AFP

Straßenszene: "Wenn jemand hüstelt oder niest, rücken alle sofort um mehrere Meter ab"

Harder: Alle Events, bei denen viele Menschen aufeinander treffen, sind abgesagt. Die Schulen sind geschlossen. Vorlesungen finden nicht mehr statt. Kinos sind zwar nicht geschlossen. Trotzdem wird in den Medien davon abgeraten, ins Kino zu gehen. Restaurants werden auch weiterhin besucht - obwohl die Menschen ja dann sogar ihre Masken abnehmen müssen. In Supermärkten wird Dosennahrung und Reis knapp. Das könnte an einem Gerücht liegen, das gestern kursierte: Danach soll ganz Hongkong unter Quarantäne gestellt werden. Offenbar war das aber nur ein Aprilscherz.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Empfinden in den vergangenen Tagen verändert?

Harder: In der letzten Woche waren die Maskenträger noch deutlich in der Minderheit. In den Nachrichten wurde immer gesagt, dass Erkrankte Masken tragen sollten. Nun heißt es in den Medien ganz deutlich, dass in den Ballungszentren und öffentlichen Verkehrsmitteln alle Menschen Masken tragen sollen. Heute Morgen hab ich im Bus gezählt: Mindestens achtzig Prozent der Menschen versuchen nun, durch Gesichtsschutz das Virus von sich abzuhalten.

Das Interview führte Jule Lutteroth

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Sars
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback