Lebensmittel aus Fukushima Verbotene Pilze

In der japanischen Katastrophenprovinz Fukushima sind stark verstrahlte Shiitake-Pilze gefunden worden. Die Behörden untersagten daher Produzenten aus mehreren Städten, ihre Ware auszuliefern. Noch wenige Stunden zuvor hatte Regierungssprecher Edano für Lebensmittel aus der Region geworben.

REUTERS

Tokio - Yukio Edano hat keinen leichten Job in diesen Tagen: Der japanische Regierungssprecher ist seit der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom 11. März im Dauereinsatz, vor allem wegen des Desasters in der AKW-Ruine Fukushima I. Am Dienstag propagierte er bei einer PR-Aktion noch die Unbedenklichkeit von Lebensmitteln aus der Katastrophenregion - und biss beherzt in Tomaten und Erdbeeren aus der Stadt Iwaki. Am Mittwoch musste er nun ein Verkaufsverbot für bestimmte Shiitake-Pilze aus der Präfektur Fukushima verkünden.

Der Lieferstopp gelte für unter freiem Himmel gewachsene Shiitake-Pilze aus insgesamt 16 Städten und Dörfern im Gebiet um das havarierte Atomkraftwerk, so Edano. Es sei aufgrund eines hohen Maßes an Radioaktivität verhängt worden. Pilze, die in Gewächshäusern gezüchtet werden, seien jedoch sicher und daher von dem Verbot ausgenommen, sagte Edano der Nachrichtenagentur Kyodo.

Bei den betroffenen Orten handelt es sich um Datum, Soma, Minamisoma, Tamura, Iwaki, Shinchi, Kawamata, Namie, Futaba, Okuma, Tomioka, Nahara, Hirono, Iitate, Katsurao und Kawauchi. Nordöstlich von Iwaki waren bereits in der vergangenen Woche verstrahlte Pilze entdeckt worden. Laut Gesundheitsministerium war in Shiitake-Pilzen Jod 131 gefunden worden, dessen Konzentration um das 1,55fache über dem gesetzlichen Grenzwert liegt. Bei Cäsium war es das 1,78fache. Die Provinzregierung hatte daraufhin 23 Pilzbauern in der Stadt angewiesen, keine der Pilze mehr auszuliefern.

Verseuchtes Wasser wird abgepumpt

Im zerstörten AKW setzen Arbeiter ihren Kampf gegen den Super-GAU fort. Sie pumpten am Mittwoch weiter hochgradig verseuchtes Wasser am Reaktor 2 ab. Mit Behelfspumpen leiteten sie Wasser, das aus dem Meiler stammt und in das Untergeschoss des Turbinengebäudes sowie angeschlossene unterirdische Tunnel gesickert war, in einen Auffangbehälter des Turbinengebäudes, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press meldete.

Der Betreiber der Atom-Ruine schätzt die Menge an Wasser in dem Tunnelschacht auf rund 20.000 Tonnen. Die verseuchte Brühe behindert die Bemühungen zur Kühlung der Reaktoren.

Am Dienstag hatte das nukleare Desaster in Fukushima eine neue Dimension erreicht, zumindest auf dem Papier. Die japanische Regierung hob den Atomunfall von der Gefahrenstufe 5 auf Stufe 7 an - was bedeutet, dass es Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld gibt. In der Geschichte der zivil genutzten Kernenergie wurde zuvor nur ein atomarer Vorfall offiziell in die gleiche Kategorie eingeordnet: Tschernobyl. Bei beiden Reaktorvorfällen handelt es sich laut der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) per Definition um einen "katastrophalen Unfall".

Die Stufen der INES-Skala
7 - Katastrophaler Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Schwerste Freisetzung von Radioaktivität, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld Katastrophe von Tschernobyl 1986 (UdSSR, heute Ukraine)

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

6 - Schwerer Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Erhebliche Freisetzung von Radioaktivität, voller Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Katastrophe von Kyschtym 1957 (UdSSR, heute Russland)

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

5 - Ernster Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Begrenzte Freisetzung von Radioaktivität, teilweiser Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Reaktorkern / radiologische Barrieren schwer beschädigt Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1957 (Großbritannien), Three Mile Island 1979 (USA) und Tokaimura 1999 (Japan)

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

4 - Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung etwa in Höhe natürlicher Quellen Reaktorkern / radiologische Barrieren erheblich beschädigt, Strahlen- belastung von Mitarbeitern mit Todesfolge Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1973 (Großbritannien), Saint-Laurent 1980 (Frankreich)

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

3 - Ernster Störfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Sehr geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung in Höhe eines Bruchteils natürlicher Quellen Schwere radioaktive Kontaminierung, Mitarbeiter erleiden akute Gesundheits- schäden Beinahe-Unfall: keine weiteren Sicherheits- vorkehrungen, die einen Unfall verhindert hätten Störfall von Vandellòs 1989 (Spanien)

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

2 - Störfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Erhebliche radioaktive Kontaminierung, unzulässige Strahlen- belastung von Mitarbeitern Störfall mit erheblichen Ausfällen von Sicherheits- vorkehrungen Störfälle von Philippsburg 2001 (Deutschland) und Forsmark 2006 (Schweden)

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

1 - Störung
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiel
Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Anlagenbetrieb Störung durch Ventilschaden im südhessischen Atomkraftwerk Biblis, Block A im Dezember 1987

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

0
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiel
Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

Nachbeben der Stärke 5,8

Am Mittwoch wurde die Unglücksregion Fukushima von einem weiteren Nachbeben der Stärke 5,8 heimgesucht. Berichte über Schäden oder Verletzte lagen nicht vor. Auch eine Tsunami-Warnung gab es nicht.

Die Regierung korrigierte ihre Einschätzung der allgemeinen Wirtschaftslage im Land wegen der Katastrophe erstmals seit sechs Monaten nach unten. Das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März hätten erhebliche Auswirkungen auf die wichtigen Exporte, die Produktion und den Privatverbrauch, hieß es am Mittwoch.

Die Regierung zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass die wirtschaftlichen Folgen in relativ kurzer Zeit überwunden werden können. "Die Auswirkungen des Bebens werden vorübergehend sein. Es wird indirekte Folgen geben, wie eine Dämpfung der Konsumlaune, aber die Konjunktur wird zum Jahresende wieder anziehen", sagte Wirtschaftsminister Kaoru Yosano. Er räumte aber ein, dass die Wiederherstellung der Energieversorgung und die weitere Bewältigung der Atomkatastrophe mit erheblichen Unsicherheiten verbunden seien. Auch werde es Jahre dauern, die zerstörten Regionen des Landes wieder aufzubauen.

Der weltgrößte Autobauer Toyota muss wegen Engpässen beim Teilenachschub in Folge der Katastrophe die Fertigung an fünf europäischen Standorten vorübergehend einstellen. Betroffen sind Montageanlagen und Motorfabriken in Großbritannien, Montagewerke in Frankreich und der Türkei sowie ein Motorenwerk in Polen. Der Betrieb werde zwischen dem 21. April und 2. Mai für fünf Tage ausgesetzt, hieß es. Toyota hatte bereits zuvor angekündigt, Ende des Monats die Produktion in den meisten seiner 14 Werke in Nordamerika für vier bis fünf Werktage einzustellen.

Flughafen Sendai wieder geöffnet

In der Unglücksregion gehen die Aufräumarbeiten weiter. Der Flughafen Sendai, der von dem gewaltigen Tsunami überschwemmt worden war, nahm am Mittwoch wieder teilweise seinen Betrieb auf. Die Wiedereröffnung des Airports erleichtert Helfern aus dem Großraum Tokio und dem Westen des Landes die Reise in die Katastrophengebiete.

Eine Maschine der Japan Airlines landete um 8 Uhr morgens (Ortszeit) auf dem Flughafen. Eine Sprecherin der japanischen Fluglinie ANA, die den Flughafen ebenfalls anfliegt, zeigte sich erfreut über die rasche Inbetriebnahme des vor vier Wochen überschwemmten Airports. "Das Gebiet war zerstört und wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass es länger dauern würde", sagte sie.

Die komplette Infrastruktur ist nach Angaben der Fluglinien aber bislang noch nicht wieder hergestellt. Bei dem Tsunami waren Hunderte Autos, Flugzeuge und Häuser des großen Geländes auf die Landebahnen gespült worden. Auch das Terminalgebäude wurde überflutet.

wit/dpa/Reuters/AFP

insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
outdoor 13.04.2011
1. In Deutschland
Würde bitte Spiegel Online zumindest in einem Nebensatz schreiben das 90% der Shiitake-Pilze in Deutschland in Deutschland hergestellt werden! Mit solchen Überschriften schießen sie hier Arbeitsplätze ab, die nun wirklich nichts dafür können.
Jonny_C 13.04.2011
2. Die japanische Bevölkerung tut mir leid !
Eigentlich kann man nur noch eines machen: Alles betonieren. Erst die AKWs in Fukushima und dann alles im Radius von 40 km. Wenn man bedenkt das 25 Jahre nach Tschernobyl immer noch die Pilze und die Wildschweine in Bayern radioaktiv belastet sind. Die japanische Bevölkerung tut mir leid ! Ein Schrecken ohne Ende.....und alle 2 Tage ein Nachbeben....
kdshp 13.04.2011
3. Billiger Atomstrom
Zitat von sysopIn der japanischen Katastrophenprovinz Fukushima sind stark*verstrahlte Shiitake-Pilze gefunden worden. Die Behörden untersagten daher Produzenten aus mehreren Städten, ihre*Ware auszuliefern. Noch*wenige Stunden zuvor hatte Regierungssprecher Edano für Lebensmittel aus der Region geworben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,756671,00.html
Hallo, hier wird deutlich das atomstrom verdammt teuer ist. Umgerechnet zahlen japaner jetzt 50cent je kw also ist atomstrom verdammt teuer.
Websingularität 13.04.2011
4. Sowas aber auch
"Atompilze" sind für Japaner nichts neues. Trotz des Elends bei dieser atomaren Katastrophe, muss man auch sagen dürfen: wer nicht lernen will muss fühlen. Das ist eben ein natürliches Prinzip und gilt auch für ein ganzes Volk.
Yukichan 13.04.2011
5. Genau...
Zitat von outdoorWürde bitte Spiegel Online zumindest in einem Nebensatz schreiben das 90% der Shiitake-Pilze in Deutschland in Deutschland hergestellt werden! Mit solchen Überschriften schießen sie hier Arbeitsplätze ab, die nun wirklich nichts dafür können.
...was soll so eine Meldung... Und dann... 1) Wer futtert in Deutschland dauernd die Shiitake anstelle der hier ja wohl weitaus populäreren Champignons, Pfifferlinge und Co.? 2) Will man jetzt jeden Tag eine Meldung absondern a la "Erdbeeren sind radioaktiv und dürfen nicht verkauft werden", "Pilze sind radioaktiv und dürfen nicht in den Verkauf", bald ist es dann der radioaktive Reis... 3) Die Japaner sind nicht weltfremd und so ANDERSartig gestrickt, wie das einige hier im Forum evtl. vermuten, die noch nie selbst in Japan waren und keine Sprachkenntnisse besitzen. In Japan ist man sich sehr wohl bewusst über den Ernst der Lage, aber eine Riesen-Panikmache führt momentan auch zu nichts. Es wird keine kurzfristige Lösung für die vielen aktuellen Probleme geben, leider... Ich halte mich lieber an meine jap. Freunde und Bekannte. Wir skypen und mailen uns über die die aktuelle Lage und dann beratschlagen wir lieber mal im Freundeskreis, wie wir -abgesehen von normalen Spenden- unsere jap. Freunde irgendwie (auch moralisch) unterstützen können. Das finde ich jetzt angebrachter.
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