Katholischer Orden: Legionäre Christi unter Missbrauchsverdacht

Von Simone Utler

Es geht um mindestens sieben Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger: Die Legionäre Christi haben dem Vatikan mehrere mutmaßliche Vergehen ihrer Priester gemeldet. Der verstorbene Gründer Marcial Maciel Degollado brachte den Orden in Verruf, weil er sich an Kindern vergangen hatte.

Legionäre Christi: Konservativer Orden in der Kritik Fotos
AP

Hamburg - Der Mexikaner Marcial Maciel Degollado bescherte dem Vatikan einen der größten Skandale des 20. Jahrhunderts. Der vor vier Jahren verstorbene Gründer und frühere Leiter des konservativen Ordens Legionäre Christi predigte Keuschheit, Armut und Gehorsam - und verging sich jahrzehntelang an Seminaristen. Außerdem zeugte er mehrere Kinder, die er ebenfalls sexuell missbraucht haben soll.

Seit Jahren wird gemutmaßt, dass das System Maciel auch andere pädophile Priester schützte und es weitere Fälle gab. Der Orden bestritt dies jedoch stets und distanzierte sich postum von Maciel.

Nun haben die Legionäre Christi eingeräumt, mehrere wegen Missbrauchs von Minderjährigen und anderer Vergehen verdächtige Priester an den Vatikan gemeldet zu haben. Insgesamt seien der Kongregation für Glaubenslehre in Rom neun Fälle gemeldet worden, heißt es in einer aus den USA geschickten Stellungnahme der Legionäre Christi, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Es handelt sich demnach um sieben Fälle von mutmaßlichem sexuellem Missbrauch, die nach ersten Untersuchungen "den Anschein machen, wahr zu sein", so die Einschätzung der Legionäre selbst. Sechs Fälle liegen mehrere Jahrzehnte zurück, in einem Fall gehe es um aktuelle Geschehnisse, wie es in der Mitteilung heißt. Außerdem beschäftige die Kongregation sich mit zwei weiteren, weniger schweren Vergehen. Laut der Nachrichtenagentur AP sollen die Geistlichen ihre Stellung missbraucht haben, um sich Frauen zu nähern.

Genaue Angaben zu Ort und Zeitpunkt der mutmaßlichen Missbräuche machte der Orden nicht. "Über die vergangenen Jahre gingen bei Leitern der Legionäre Christi in verschiedenen Länder Anschuldigungen über schwere moralische Vergehen und weitaus ernstere Delikte (delicta graviora) einiger Legionäre ein", heißt es in der Erklärung lediglich. Es habe außerdem einige Anschuldigungen gegeben, die sich nach umfassender Prüfung bereits als unbegründet erwiesen hätten.

Kein Fall in Deutschland

Die deutsche Sektion des Ordens betonte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass kein Fall in Deutschland bekannt sei. Die in anderen Ländern eingegangen Vorwürfe würden nun untersucht: "Die Legionäre Christi gehen jedem Hinweis auf sexuellen Missbrauch nach." Die Ordensgemeinschaft arbeite eng mit den staatlichen Behörden zusammen. "Die erforderlichen Ermittlungen führen die zuständigen staatlichen Behörden in den jeweiligen Ländern und vor Ort durch", heißt es in dem Schreiben. Entsprechend den Vorgaben des Kanonischen Rechts hätten die Legionäre Christi darüber hinaus die dafür im Vatikan zuständige Glaubenskongregation informiert.

"Bis zum Abschluss der Prüfung der Anschuldigungen und der Ermittlungen durch die staatlichen Behörden bleiben die Beschuldigten in jedem Fall von ihrer Arbeit als Seelsorger mit Minderjährigen suspendiert", heißt es weiter. Die Ordensgemeinschaft lege großen Wert auf "respektvollen, achtsamen und verantwortungsvollen Umgang mit Minderjährigen", insbesondere "vor dem Hintergrund ihrer jüngsten Geschichte".

Das System Maciel

Gründervater Maciel hatte sich jahrzehntelang an Kindern und Jugendlichen vergangen. Um wie viele Fälle es sich handelt, ist unklar: In einigen Berichten ist von mindestens 20 Taten die Rede, in anderen von mehr als 70 angeblichen Missbrauchsopfern. Außerdem zeugte Maciel mindestens drei Kinder mit zwei Frauen. Nach seinem Tod war bekannt geworden, dass er Vater einer Tochter ist. Später meldete sich noch eine Mexikanerin, die sagte, sie habe eine langjährige Beziehung mit Maciel geführt, aus der zwei Söhne hervorgegangen seien. Ein dritter Junge sei von ihm adoptiert worden. Nur eines seiner Kinder soll Maciel nach Angaben der Frauen nicht missbraucht haben.

Der Vatikan wurde scharf kritisiert, weil er Maciel jahrzehntelang nicht stoppte. Erst im Jahr 2006 wurde Maciel vom Vatikan gemaßregelt und angewiesen, sich aus dem pastoralen Dienst zurückzuziehen und ein "Leben des Gebets und der Buße" zu führen. De facto bedeutete dies: Maciel wurde in ein Kloster verbannt, kam aber bis zu seinem Tod ohne Prozess und Strafe davon. Er starb 2008 im Alter von 87 Jahren in den USA.

Dokumente aus den Vatikan-Archiven belegen laut AP, dass der Heilige Stuhl schon in den fünfziger Jahren Beweise hatte, wonach Maciel drogenabhängig und pädophil gewesen sein soll. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge ermittelten damals drei sogenannte Visitatoren, das Ergebnis sei jedoch bis heute nicht veröffentlicht worden. 1998 sollen sogar einige seiner Opfer Anzeige erstattet haben.

Doch Papst Johannes Paul II. verband eine enge Freundschaft mit Maciel, die sich seit dem ersten Zusammentreffen im Januar 1978 entwickelt hatte. Der Papst verehrte den Mexikaner, führte ihn gern als Vorbild an und widmete ihm noch 2001 eine Festmesse auf dem Petersplatz. Dass das Kirchenoberhaupt Maciel wissentlich gewähren ließ, wird jedoch vom Vatikan bestritten.

Maciel, der 1944 zum Priester geweiht worden war, hatte sich über Jahrzehnte hinweg eine besondere Machtposition aufgebaut. Die 1941 von ihm in Mexiko gegründeten Legionäre Christi wuchsen auf einen weltweit organisierten Orden an, aus dem sich eine große Zahl des Priesternachwuchses rekrutierte und der in Rom glänzend vernetzt war. Maciel war ein effizienter Spendensammler und Netzwerker - zu seinen Unterstützern zählten mächtige Kirchenmitglieder ebenso wie Politiker.

"Weg der Reinigung"

Heute sind die Legionäre Christi in 20 Ländern aktiv, vor allem in Mexiko und Spanien. Die katholische Gemeinschaft zählt nach eigenen Angaben mehr als 900 Priester und 2500 Seminaristen. In Deutschland sind die Legionäre Christi seit 1988 tätig und haben heute Niederlassungen in Bad Münstereifel und Düsseldorf.

Der Anstoß zu neuen Untersuchungen und die Verbannung Maciels zählten zu den ersten Aktionen, die Papst Benedikt XVI. 2005 in seinem neuen Amt vollzog. Doch auch er geriet im Zusammenhang mit Maciel in die Kritik: Als Chef der Glaubenskongregation hatte Kardinal Joseph Ratzinger Ende der neunziger Jahre eine Untersuchungskommission im Vatikan geleitet, deren Aufgabe es war, die Vorwürfe gegen Maciel aufzuklären. Doch das Verfahren wurde eingestellt. Welche Rolle Ratzinger dabei spielte, ist umstritten.

Der Vatikan brauchte noch einmal mehrere Jahre, bis er endgültig handelte. 2009 ordnete der Heiligen Stuhl eine Apostolische Visitation an, 2010 übernahm Rom die Leitung der Legionäre und drückte eine Reform durch. Maciel habe ein Machtsystem errichtet, das es ihm erlaubt habe, ein Doppelleben "ohne Skrupel und echte religiöse Gefühle" zu führen, erklärte der Vatikan damals. Dadurch sei es ihm möglich gewesen, junge Menschen zu missbrauchen.

Der Papst ernannte einen Gesandten als Übergangsleiter, hielt an dem Orden jedoch weiter fest: Benedikt XVI. werde den Ordensmitgliedern "auf dem Weg der Reinigung" beistehen und sie nicht alleinlassen, hieß es damals.

mit Material von AP

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1. optional
Steffmann40 11.05.2012
Sind wir uns doch mal ehrlich. Welcher halbwegs normal aufgewachsene Jugendliche verspürt heutzutage schon den Wunsch Priester zu werden ? Wir reden von einem Verein, der uneingeschränkten Schutz gegenüber seinen oft nicht reinen Schafen gewährt. Das zieht die Schmeissfliegen an, ist doch logisch. Man mag das polemisch nennen, aber es trifft des Pudels Kern.
2. yoooh
geotie 11.05.2012
Wasser predigen, Wein saufen. Wer noch in der Kirche ist und diesen Gläubigen ein schönes Leben beschert, ist selber Schuld. Mich ärgert es, dass schon durch die normale Steuern diese Glaubensgemeinschaft unterstützt wird. Um ein guter Mensch zu sein, muss man da wirklich in der Kirche sein? Muss man sich gen Mekka verbeugen? Muss man da wirklich obskure Rituale befolgen? In Brasillien gab vor kurzem ein Prister der seinen Schäfchen um Geld bat, weil er Mercedes fahren wollte. Er hat es bekommen! Ob diese edle Spender trotzdem in den Himmel kommen, wage ich zu bezweifeln. Ebenso, dass es einen Gott gibt der Gerechtigkeit walten lässt.
3. Missbrauch
hubertrudnick1 11.05.2012
Zitat von sysopEs geht um mindestens sieben Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger: Die Legionäre Christi haben dem Vatikan mehrere mutmaßliche Vergehen ihrer Priester gemeldet. Der verstorbene Gründer Marcial Maciel Degollado brachte den Orden in Verruf, weil er sich an Kindern vergangen hatte. Legionäre Christi räumen Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,832679,00.html)
Wenn man über all das nachdenkt, dann könnte man darauf kommen, dass Missbräuche an Kindern, Jugendlichen und Untergebenen imgrunde in der gesamten Gesellschaft vorkommen. Nur standen die Untergebenen nie im Vordergrund, sie hatten das eben zu erdulden und zu schweigen und das in allen Ländern. HR
4.
prosperosbluebeard 11.05.2012
Zitat von sysopEs geht um mindestens sieben Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger: Die Legionäre Christi haben dem Vatikan mehrere mutmaßliche Vergehen ihrer Priester gemeldet. Der verstorbene Gründer Marcial Maciel Degollado brachte den Orden in Verruf, weil er sich an Kindern vergangen hatte. Legionäre Christi räumen Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,832679,00.html)
„Es handelt sich demnach um sieben Fälle von mutmaßlichem sexuellem Missbrauch, die nach ersten Untersuchungen "den Anschein machen, wahr zu sein", so die Einschätzung der Legionäre selbst.“ Wenn überhaupt,werden an die Glaubenskongregation im Vatikan nur schwere Fälle gemeldet – die leichteren werden in Diözesen von deren Offizialatgerichten (siehe kürzlich der Ex-Bamberger Domkapitular) bzw. bei Ordensgemeinschaften von deren Ordensoberen verhandelt. Die selben Mechanismen des Ordensgründers beim Schweigekult des Ordens über seine zahllosen Straftaten (für die er nie bestraft wurde!) haben also auch andere Priester ermutigt.Die angeschlossenen Internate für die zukünftigen Legionäre waren ja, wie in allen katholischen INternaten, die ideale Brutstätte für sexuelle Gewakttaten in Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen.
5. Legionäre??!
buntbarsch 11.05.2012
Neben den im Artikel aufgeführten Missetaten dieses bigotten Scheinheiligen Maciel sollte nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Unheilige es durch seine Aktivitäten auch noch zum Millionär gebracht hat, um damit sein sündiges, luxuriöses Zweitleben zu finanzieren. Was ist das für ein fragwürdiger, armseliger katholischer Verein, der sich LEGIONÄRE Christi nennt und damit an die traurige, gewalttätige, grausame, todbringende Tradition römischer Landsknechte erinnert? Die sexuellen Verfehlungen, der Missbrauch von Kindern durch pädophile Priester dieser fragwürdigen Legionärs-Institution sind wieder nur ein weiterer Beweis für die traurige Realität in der RKK, die unbeirrt auf dem unnatürlichen Zöllibat besteht, offensichtlich ein Hort für Pädophile ist und ein völlig gestörtes Verhältnis zur (gottgegeben!?) Sexualität hat, einfach nur traurig!
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