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Lehrer stoppte Blutbad: "Erschieß mich doch!"

Ein mutiger Geschichtslehrer hat den Erfurter Amoklauf gestoppt, indem er Robert Steinhäuser in einen Klassenraum drängte und einschloss. Mittlerweile schließt die Polizei aus, dass es einen zweiten Täter gab. Die Ermittler sind sich sicher, dass der 19-Jährige ohne sein Training im Schützenverein die Tat nicht hätte begehen können.

Rainer Heise, der "Held von Erfurt": Den Täter in Raum 111 geschubst und abgeschlossen
REUTERS

Rainer Heise, der "Held von Erfurt": Den Täter in Raum 111 geschubst und abgeschlossen

Erfurt - Zeitungen feiern ihn bereits als den Helden von Erfurt: Der Geschichtslehrer Rainer Heise war es, der offenbar weitere Todesopfer verhinderte. In Interviews erklärte Heise, er habe sich auf dem Flur vor dem Zeichensaal plötzlich dem Täter Robert Steinhäuser gegenüber gefunden. Steinhäuser hielt diesen Berichten zufolge erst die Pistole vor Heises Brust. Dann habe der Täter selbst die Maske abgenommen. "Kannst mich erschießen, aber sieh mir dabei in die Augen", will Heise dann gesagt haben, und Steinhäuser habe geantwortet: "Nein, Herr Heise, für heute reicht's". Dann schubste der Lehrer den enttarnten 19-Jährigen Ex-Schüler des Gymnasiums in einen Klassenraum im ersten Stock der Schule und schloss diesen von außen ab. Wenig später erschoss der Attentäter sich selbst. Ein Polizeisprecher bestätigte diesen Ablauf des Vorgangs.

Ohne diese Aktion hätte das Blutbad wohl noch größere Ausmaße angenommen. Wie bereits am späten Freitagabend mitgeteilt wurde, fanden sich auf einer Toilette der Schule noch 500 Schuss Munition, die der Amokschütze dort deponiert haben soll. Auch in der Wohnung des Amokläufers wurden nach der Tat noch erhebliche Mengen Munition sichergestellt. Die Ermittler vermuten deshalb, dass er seinen Amoklauf gegen die Lehrer seiner Ex-Schule fortsetzen wollte. In Erfurt wird deshalb von dem Lehrer Heise wie von einem Held gesprochen. "Ohne ihn wäre die Sache sicher noch schlimmer ausgegangen", sagte ein Schüler des Gymnasiums.

Kein zweiter Schütze beteiligt

Unabhängig davon teilte die Polizei am Samstagabend mit, dass es keinen zweiten Attentäter gab. Die Spur habe sich nicht erhärtet, sagte ein Polizeisprecher. Mehrere Schüler hatten ausgesagt, dass neben dem 19-jährigen Amokläufer noch ein zweiter Schütze in der Schule war.

Erfurt: Lage des Gutenberg-Gymnasiums
SPIEGEL ONLINE

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Unterdessen wurden weitere Details über die Vorgeschichte des Amoklaufs bekannt. Nach Aussagen zweier Mitschüler hat der Amokschütze noch vor der Tat Warnbotschaften abgeschickt. Er soll per SMS und E-Mail Mitschüler aufgefordert haben, am Tattag zu Hause zu bleiben, hieß es. Manfred Scherer, Staatssekretär im thüringischen Innenministerium, bestätigte, dass diesen Aussagen momentan nachgegangen werde.

Seit Oktober 2001 im Schützenverein

Außerdem berichtete die Polizei, dass Steinhäuser seine beiden Waffen legal besaß. Er war mit einer Pistole und einer so genannten Pump-Gun, einem Schrot-Repetiergewehr wie es etwa die amerikanische Polizei benutzt, ausgerüstet, als er am Freitag in das Erfurter Gymnasium eindrang und 16 Menschen erschoss. Für beide Waffen besaß er den Polizeiangaben zufolge eine ordnungsgemäße Besitzkarte. Die Karte, für die man eine Ausbildung in einem Schützenverein braucht, hatte er ordnungsgemäß erworben.

Rettungskräfte behandeln unter Feuerschutz einen Verletzten
DDP

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Steinhäuser war über mehrere Monate aktives Mitglied des Erfurter Schützenvereins PSV "Domblick" und hatte offenbar sämtliche Übungen und Wettbewerbe absolviert, die zum Erwerb der Karten nötig sind. Aus dem Verein hieß es, Steinhäuser sei ein "ganz normales Mitglied" in dem Verein, der etwa 90 Mitglieder, darunter auch mehrere aktive Polizisten, hat. Der 19-Jährige war seit Oktober 2001 regelmäßig zu allen Trainings erschienen, im Jahr 2002 wurden seine Besuche unregelmäßig. Über die Schussqualitäten oder sonstige Eigenschaften des Amokläufers wollte sich kein Mitglied von "Domblick" äußern.

Verwirrung hatte es am Samstag gegeben, weil es hieß, Steinhäuser sei auch Mitglied in einem Polizeischützenverein gewesen. Dies scheint nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE ein Missverständnis zu sein. In der Tat heißt der Verein, in dem Steinhäuser trainierte, "Polizeisportverein Domblick". Das Kürzel PSV ist jedoch mehr ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten, da der Verein aus dem ehemaligen Schießplatz der Volkspolizei hervorging und dort auch immer noch trainiert. Die Polizei betonte, dass der Club kein offizieller Polizeiverein sei.

Die Ermittler sind sich mittlerweile sicher, dass der Amokläufer seine Tat nicht ohne das Training im Schützenverein hätte begehen können. Denn mittlerweile ist klar, dass fast alle Schüsse gezielt abgegeben wurden. So wurden die meisten Opfer in der Schule in den Kopf getroffen. Auch Ministerpräsident Berhard Vogel sagte auf einer Pressekonfernz, dass der Schütze offenbar "gut ausgebildet" war. Mittlerweile hat die Spurensicherung herausgefunden, dass Steinhäuser nur mit seiner Pistole geschossen hatte, die Pump-Gun kam nicht zum Einsatz. Der thüringische Innenstaatssekretär Manfred Scherer sagte, es seien rund 40 Patronenhülsen in der Schule gefunden worden.

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