Tödliche Flucht im Flugzeug Blinder Passagier war Waisenkind aus Mosambik

Ein blinder Passagier, der sich im Fahrwerk eines Flugzeugs versteckt hatte, fiel aus großer Höhe auf ein Hausdach in London und starb. Jetzt konnte die Leiche identifiziert werden - und die Geschichte einer Flucht erzählt.

Haus, auf dem Leiche gefunden wurde: Toter identifiziert
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Haus, auf dem Leiche gefunden wurde: Toter identifiziert


Mitte Juni 2015 fand die britische Polizei auf dem Dach eines West-Londoner Geschäfts eine Leiche. Die Ermittler vermuteten damals, dass es sich bei dem Toten um einen blinden Passagier handeln könnte, der aus einem Flugzeug der British Airways gestürzt war.

Jetzt ist die Leiche identifiziert worden. Wie der "Guardian" berichtet, soll es sich bei dem Toten um den Mosambikaner Carlito Vale handeln, der in einem Fahrwerksschacht einer Maschine von Johannesburg in Südafrika fast 13.000 Kilometer bis nach London geflogen war. Ein Waisenhaus in der mosambikanischen Stadt Beira soll der Zeitung zufolge die Identität bestätigt haben.

Demnach wurde Vale vermutlich 1985 geboren; er soll als kleines Kind und Bürgerkriegsopfer in das Heim gebracht worden sein. Er war dem Bericht zufolge keine Vollwaise. Seine Mutter soll noch leben, allerdings unter einer schweren psychischen Erkrankung leiden und auf eigenen Wunsch auf der Straße leben.

In dem Waisenhaus in der von Armut, Bürgerkrieg und HIV heimgesuchten Region leben etwa 30 Kinder im Alter von neun bis 18 Jahren. "Er war ein einfacher Junge", beschreibt der Waisenhaus-Gründer den Verstorbenen. "Er konnte ein bisschen rechnen und sehr wenig lesen und schreiben. Er war ein liebes und sehr anständiges Kind." Sein Zögling habe in den Tag hineingelebt, "das war seine Welt".

"Er suchte nach einem legalen Weg, einzureisen"

Auf einer Reise in die USA im Jahr 2001 soll Vale erstmals die Idee gekommen sein, Mosambik zu verlassen und sich woanders ein neues Leben aufzubauen. Als er volljährig wurde, verließ Vale das Waisenhaus, ging zunächst nach Südafrika und später nach Uganda. Dem Waisenhausleiter aus Beira zufolge hatte er dort wohl Probleme mit seiner Aufenthaltserlaubnis. Dann verlor sich Vales Spur.

Einem Freund zufolge soll Vale später versucht haben, legal nach Europa einzureisen, berichtet der "Guardian". Vor zwei Jahren habe er angerufen und nach Möglichkeiten gefragt, nach Amsterdam kommen zu können. "Er klang nicht verzweifelt, er suchte nach einem legalen Weg einzureisen", sagte João Mapengue der Zeitung. "Aber es kann sein, dass er irgendwann während der Beschaffung der nötigen Unterlagen aufgegeben hat."

Jetzt scheint es erwiesen, dass Vale sich im Sommer 2015 entschloss, heimlich ein Flugzeug von Johannesburg nach London zu besteigen. Elf lange Stunden dauerte der Flug. Selbst wenn der blinde Passagier die Temperaturen von bis zu minus 50 Grad zunächst überlebt hätte - als das Fahrwerk ausgefahren wurde, fiel er hinaus.

Dem Flugdatenschreiber zufolge befand sich die Passagiermaschine auf einer Höhe von 427 Metern, als sie über den Londoner Vorort Richmond flog, wo die Leiche gefunden wurde. Ein weiterer blinder Passagier auf demselben Flug überlebte die Landung. Er konnte am Morgen des 18. Juni 2015 lebend aus dem Fahrwerk gerettet werden.

ala

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