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19. Januar 2004, 13:11 Uhr

Leichenpräparationen

Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen gegen Hagens

Der umstrittene Leichenpräparator Gunther von Hagens gerät zunehmend unter Druck: Die Staatsanwaltschaft erwägt, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Von Hagens hat nach einem SPIEGEL-Bericht für die Herstellung seiner Präparate offenbar auch Körper von in China hingerichteten Strafgefangenen verwendet.



Hagens, Ausstellungsstück: "Doch sehr schwer wiegende Vorwürfe"
DPA

Hagens, Ausstellungsstück: "Doch sehr schwer wiegende Vorwürfe"

Frankfurt am Main - "Wir werden prüfen, ob ein Ermittlungsverfahren einzuleiten ist", sagte die Heidelberger Oberstaatsanwältin Elke O'Donoghue heute der Nachrichtenagentur Reuters. Die Sprecherin des Instituts für Plastination, das der Leichenpräparator in Heidelberg betreibt, wollte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern. Sie kündigte jedoch für voraussichtlich Donnerstag eine Pressekonferenz in Frankfurt an. Dort wird seit der vergangenen Woche Hagens Leichenschau gezeigt. "Die Vorwürfe sind doch sehr schwer wiegend und vielfältig, daher brauchen wir für eine fundierte Stellungnahme entsprechend Zeit."

Hagens' Ehefrau Angelina beim Entfernen von Luftbläschen aus einer plastinierten Körperscheibe eines Mannes

Hagens' Ehefrau Angelina beim Entfernen von Luftbläschen aus einer plastinierten Körperscheibe eines Mannes

Nach einer Inventurliste aus dem November 2003, die dem SPIEGEL vorliegt, lagern in Hagens Firma "Von Hagens Plastination Ltd." im chinesischen Dalian insgesamt 647 "Ganzkörper", die für Ausstellungen und den Verkauf an Universitäten aufbereitet werden sollten. Der Präparator hatte immer angegeben, bislang lediglich 250 Leichen von "Körperspendern" erhalten zu haben. Unter den in China gelagerten Leichen befinden sich offenbar auch die sterblichen Überreste von hingerichteten Strafgefangenen.

Nach internen Geschäftsunterlagen wurden im Dezember 2001 die Leichen eines jungen Mannes und einer jungen Frau angeliefert, die offenbar erst kurz zuvor exekutiert worden waren. So wiesen die Köpfe der Toten "ein Einschussloch" auf. Hagens räumte gegenüber dem SPIEGEL ein, dass Mitarbeiter seines Unternehmens die Leichen damals angenommen hätten. Er selbst sei über den Vorgang allerdings "entsetzt" gewesen und habe die Mitarbeiter später entlassen.

Hagens selbst schreibt im Ausstellungskatalog, er präpariere Menschen, "die ihren Leichnam testamentarisch der Wissenschaft vermacht" hätten. Zu Beginn des Kataloges heißt es: "Wir danken den Körperspendern, ohne die diese Ausstellung nicht möglich wäre."

Den kompletten SPIEGEL-Titel über Gunther von Hagens können Sie hier lesen. Das Dossier enthält insgesamt drei Artikel und kostet 0,85 Euro.

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