Leihmütter in Indien Gebärmutter zu vermieten

Indische Leihmütter sind unter kinderlosen Paaren im Westen begehrt. Die Frauen tragen im Auftrag der Kunden das Wunschbaby aus. Ein lukratives Geschäft - doch das Wohl der Leihmütter bleibt auf der Strecke.

Von Leila Knüppel und Nicole Scherschun, Mumbai

Ultraschalluntersuchung einer Leihmutter in Indien: "Lass den Traum wahr werden"
REUTERS

Ultraschalluntersuchung einer Leihmutter in Indien: "Lass den Traum wahr werden"


Im Gewirr der schwarzweißen Pixel zeichnet sich etwas ab, ein Fuß, ein Arm, der Kopf. "Es sieht aus, als wenn die Zwillinge Fußball spielen", sagt die Ärztin, als sie mit dem Ultraschallgerät über den Bauch von Preeti* fährt. Für Preeti ist es etwas Fremdes, genährt und bewahrt durch Spritzen, Hormone, bewacht durch zahlreiche Gesundheitstests.

Preeti ist Leihmutter, die Szene ist Teil der kürzlich fertiggestellten Dokumentation "Can we see the baby bump, please?" ("Können wir bitte den Babybauch sehen?") von Surabhi Sharma. Preeti hat sich im Auftrag eines gut zahlenden Paares einen befruchteten Embryo einpflanzen lassen und trägt das Wunschkind aus. Oder in ihrem Fall: die Wunschkinder.

Indiens Leihmütter wissen oft kaum, was mit ihrem eigenen Körper vor und während der Schwangerschaft geschieht. Nur so viel wird ihnen gesagt: Sex ist nicht notwendig. Sie werden in den indischen Leihmutterkliniken mit Hormonen behandelt und künstlich befruchtet. Den englischsprachigen Vertrag bekommen die Frauen nach der Unterzeichnung oft nicht mehr zu sehen, erzählt Filmemacherin Sharma, die für ihre Dokumentation mit Frauen aus Mumbai gesprochen hat.

Die Frauen wollen unerkannt bleiben, auch Preeti behält ihren Namen für sich. Aus Scham und Angst. "Die Leihmütter geben alle Rechte für neun Monate ab. Sie werden zu Unsichtbaren", sagt Sharma.

"Mit Liebe aus Indien"

Für ungewollt kinderlose Paare ist die Leihmutterschaft oft die letzte Hoffnung. Denn auch wenn Eizellen und Sperma funktionsfähig sind, werden viele Frauen nicht schwanger. Dann können sie sich ein genetisch eigenes Kind von einer Leihmutter austragen lassen. In anderen Fällen stammen Sperma oder Eizellen oder auch beides von Spendern.

Viele westliche Paare führt der Kinderwunsch nach Indien: Mit medizinischen Dienstleistungen werden dort Millionen verdient, die Umsätze wachsen stetig. Tarang Mahajan von der Frauenorganisation Sama schätzt den Gesamtumsatz in der Reproduktionsmedizin auf rund 400 Millionen Euro jährlich.

Gut ausgebildete Ärzte machen Indien zu einem gefragten Medizin-Standort, die Kliniken erfüllen hohe Standards. Und für Paare mit Kinderwunsch hat das Land einen weiteren Vorteil: Es gibt genügend Frauen, die sich aus finanzieller Not auf die Arbeit als Leihmutter einlassen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.

"Miete eine Gebärmutter", "Mit Liebe aus Indien", "Lass den Traum von deinem eigenen Baby wahr werden", so werben indische Leihmutter-Kliniken um ihre internationale Kundschaft. Die Suche nach Leihmüttern übernehmen Agentinnen, das Lockmittel: die Aussicht auf viel Geld. Zwischen 1700 und 6000 Euro sind für eine Schwangerschaft drin, heißt es in einer Studie der Frauenorganisation Sama.

"Wie sollen die Frauen das ihren Nachbarn erklären?"

Für die meist ungelernten Frauen ist der Job als Leihmutter eine gute Alternative zur Arbeit in der Fabrik oder als Hausangestellte. Der Großteil des Geldes wird nach der Geburt ausgezahlt und reicht, um ein Haus zu kaufen oder eines ihrer Kinder auf eine gute Schule zu schicken. Langfristig ändere sich die Lebenssituation der Leihmütter aber nicht, sagt Frauenrechtlerin Tarang Mahajan. "Der Traum von einem besseren Leben bleibt ein Traum."

Obwohl Leihmutterschaft in Indien keinen rechtlichen Beschränkungen unterliegt, fürchten die Frauen die Verurteilung durch Nachbarn und Freunde. Leihmutterschaft wird nicht selten gleichgesetzt mit Babyverkauf und Sexarbeit. "Das Kind kann auch weiß sein", sagt Filmemacherin Surabhi Sharma. "Wie sollen die Frauen das ihren Nachbarn erklären?"

Je nach Vertrag bleiben die Frauen während der Schwangerschaft bei sich zu Hause oder werden gemeinsam in angemieteten Wohnungen untergebracht, sogenannten Leihmutter-Herbergen.

Bauch-Schau per Skype

Die Schwangeren in Sharmas Dokumentarfilm wohnen in einer dieser Herbergen. Hier wird ihr Alltag genau kontrolliert. Sie warten, reden und essen Kekse. Etwas Anderes können sie kaum tun. Wegen der wertvollen Ware in ihren Bäuchen ist ihnen Bewegung verboten. "Iss deine Kekse auf", ermahnen die Frauen eine Zimmerkollegin. "Auch wenn sie dir nicht schmecken." Schließlich seien die Kekse für das Kind. Genau wie alles andere: die Tabletten, die Spritzen, die Vitamine.

Rechtliche Bestimmungen zur Leihmutterschaft gibt es in Indien nicht, und so bleiben die Interessen der schwangeren Frauen oft auf der Strecke. Kliniken und Auftragseltern können abstruse Forderungen stellen: Etwa, dass die Leihmutter Vegetarierin sein oder helle Haut haben soll.

Seit dem Jahr 2008 wird an Gesetzentwürfen gearbeitet. Diese sollen aber vor allem die Rechte der Kliniken und Auftragseltern stärken, sagt Mahajan. Dennoch: Die Frauenrechtlerin möchte kommerzielle Leihmutterschaft keinesfalls verdammen.

Auch Surabhi Sharma hält ein Verbot der Leihmutterschaft für falsch. "Stattdessen brauchen wir klare Gesetze, die dafür sorgen, dass die Frauen finanziell abgesichert sind und medizinisch gut versorgt werden", sagt die Filmemacherin. Denn nach der Geburt und bei Fehlgeburten hört die ärztliche Luxus-Behandlung schlagartig auf. Bei medizinischen Beschwerden zahlen die Kliniken die Behandlungskosten nur selten, sagt Sharma.

In ihrem Film sitzt Leihmutter Preeti mit einer Übersetzerin vor dem Computerbildschirm. Die Auftragseltern haben zum Skype-Gespräch gebeten. 10.000 Kilometer entfernt, in Norwegen, bewundern sie nun den wachsenden Bauch der Schwangeren. Preeti muss sich vor dem Bildschirm hin und her drehen, damit die Wölbung unter dem Sari besser zu erkennen ist. Die Geburt steht kurz bevor. In wenigen Wochen wird Preeti in ihr altes Leben entlassen: ohne Hightech-Medizin, ohne Arzt und ohne Geld für Folgebehandlungen.

* Der wahre Name von Preeti ist unbekannt

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Seite 1
erika_mustermann 08.12.2012
1. Leihmütter
Trotz der kritischen Untertöne kommt die Leihmutterschaft im Artikel noch viel zu positiv weg. Weniger als 6000 Euro dafür, dass die Frauen mehrere Monate nicht arbeiten können, wahnsinnige Schmerzen bei der Geburt ertragen müssen und gesundheitliche Schäden und Komplikationen befürchten müssen. Zwar stirbt heutzutage nur noch ein sehr geringer Anteil der Frauen bei der Geburt, aber es kommt vor und Schwangerschaftskomplikationen sowie bleibende Veränderungen des Körpers nach der Geburt sind gängige "Nebenwirkungen" einer Schwangerschaft. Die Behandlung bestimmter Folgebeschwerden wird in einigen Fällen mehr kosten als die Frau als Schwangerschaftsprämie erhalten hat. Bei dieser Ausgangssituation kann man die Kunden solcher Leihmutterkliniken nur als entweder extrem naiv oder als skrupellos und verantwortungslos bezeichnen. Ich frage mich, was die Kinder später davon halten, wenn herauskommt, dass ihre Eltern bequem einen Monatslohn nach Indien überwiesen haben und in Kauf nahmen, dass eine andere Frau aus bitterer Armut für sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzte.
tjivi 08.12.2012
2. widerlich
......ich bin grundsätzlich gegen "Leihmutterschaft". In einer Welt, in der Millionen Kinder leiden und sich Eltern wünschen, sollte man sich für eine Adoption entscheiden. Wer das nicht will und die Mutter nach der hellen Haut aussucht, wird nicht warhaft lieben können. Ich habe mich weil wir schon zuviel Menschen auf der Welt sind, bewußt für die Adoption entschieden.
a.weishaupt 08.12.2012
3. Find diesen Dienst gut
Auch in den USA gibt es eine organisierte Wirtschaft um die Leihmutterschaft. Die Frauen sind oft sehr stolz darauf, anderen zum Kindersegen verholfen zu haben. Und gesundheitsgefährdender als typische Männerarbeit wie z.B. auf der Hochbaustelle ist es auch nicht. Aber klar dass sich wieder jemand findet, der in der typischen Art darüber berichtet!
matthias_b. 08.12.2012
4. Unreflektiertes Geblubber
Zitat von erika_mustermannTrotz der kritischen Untertöne kommt die Leihmutterschaft im Artikel noch viel zu positiv weg. Weniger als 6000 Euro dafür, dass die Frauen mehrere Monate nicht arbeiten können, wahnsinnige Schmerzen bei der Geburt ertragen müssen und gesundheitliche Schäden und Komplikationen befürchten müssen. Zwar stirbt heutzutage nur noch ein sehr geringer Anteil der Frauen bei der Geburt, aber es kommt vor und Schwangerschaftskomplikationen sowie bleibende Veränderungen des Körpers nach der Geburt sind gängige "Nebenwirkungen" einer Schwangerschaft. Die Behandlung bestimmter Folgebeschwerden wird in einigen Fällen mehr kosten als die Frau als Schwangerschaftsprämie erhalten hat. Bei dieser Ausgangssituation kann man die Kunden solcher Leihmutterkliniken nur als entweder extrem naiv oder als skrupellos und verantwortungslos bezeichnen. Ich frage mich, was die Kinder später davon halten, wenn herauskommt, dass ihre Eltern bequem einen Monatslohn nach Indien überwiesen haben und in Kauf nahmen, dass eine andere Frau aus bitterer Armut für sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzte.
Das pro-Kopf-Einkommen liegt laut auswärtigem Amt bei 1000 Euro pro Jahr. Die Frauen verdienen also in einem Jahr sechs Mal so viel wie ein durchschnittlicher Inder, entsprechend ungefähr 200.000 Euro hier. Wenn das mal kein gutes Geschäft ist. Gesundheitliche Schäden und Komplikationen gibt's auch aufm Bau für nen Hungerlohn.
diehoffnungstirbtzuletzt 08.12.2012
5. Sklaverei abgeschafft und dann sowas.
Das ist wohl eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Wo bliebt der Aufschrei der Feministinnen wie Frau Schwarzer? Eigenartig auch dass amerikanische (und sicher auch andere) Bürger so etwas machen dürfen ohne vor einen internationalen Gerichtshof gestellt zu werden. Bald werden in diesen Ländern sicher auch Kinder als Ersatzteillager für Organe erzeugt. Da regen wir uns noch wegen fehlendem Brandschutz in deren Fabriken auf. Schöne Zeiten stehen uns bevor wo die technischen und medizinischen Möglichkeiten doch sicher erst am Anfang stehen.
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