Elterncouch

Elterncouch Papa, Mama, macht mal langsam!

Guck mal, was der guckt
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Guck mal, was der guckt

Von Theodor Ziemßen


Schnelligkeit hat heute ein grotesk gutes Image. Zum Glück gibt es Kinder. Sie zeigen uns den Wert der Langsamkeit - und wir hören auf, ständig das Beste zu verpassen.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

"Ey! Das hier ist deine Familie und nicht deine Arbeit."

Gut, dass Therese mich nicht angeschrien hat. Dann hätte ich diesen Satz sicher längst vergessen. Aber sie war ganz ruhig, ihre Worte waren kein Vorwurf, sondern eine Diagnose. Ich weiß noch genau, wie mich dieser Satz getroffen hat. Und ich weiß noch genau, warum: Sie hatte recht.

Das ist schon ein paar Jahre her, Benjamin (jetzt vier) war damals noch ein Baby, Willem (heute acht Monate alt) noch lang nicht geboren. Und ich? Ich habe in den vergangenen Jahren einiges über den Unterschied zwischen Arbeit und Familie gelernt. Zum Glück.

Damals habe ich sehr viel, nein, zu viel gearbeitet. Und das Schlimme daran: Ich habe das mit Erfolg verwechselt. In Wahrheit war meine Arbeit, die eigentlich helfen sollte, unser gemeinsames Leben zu finanzieren, klammheimlich zum Hauptinhalt meines Lebens geworden. Therese, Benjamin, Hobbys, Träume, der Wunsch, jemand zu sein, der die Welt ein bisschen besser macht - das alles war von der Arbeit verdrängt worden. Von außen mag das täuschend echt nach etwas ausgesehen haben, das mich hätte glücklich machen müssen. Hat es nicht. Von innen fühlte es sich an, als hätte ich all meine guten Seiten zusammengepackt und wäre mit ihnen ins Büro gezogen, während zu Hause der jämmerliche Rest verkümmerte.

"Okay" ist in einer Familie besser als "perfekt"

Heute habe ich mich davon verabschiedet, meinen Job wichtiger zu nehmen als Familie, Freunde, mich selbst oder einen faulen Spätnachmittag mit Bier und Buch. Das war nicht ganz einfach, ich verdiene weniger Geld - aber dafür ist mein Job heute Teil meines Lebens und nicht mehr umgekehrt.

Trotzdem passiert es immer wieder, dass mir die Perspektive verrutscht. Die Familienmitglieder werden zu Kollegen, die gefälligst ihren Job vernünftig machen sollen. Kann Therese in der Elternzeit nicht echt ein bisschen mehr aufräumen?! Nee, kann sie nicht. Muss sie auch gar nicht. Hat sie nämlich noch nie besonders gut gekonnt. Sie bemüht sich sehr - aber es ist nicht ihr Ding. Wusste ich schon immer, hab ich mitgeheiratet. Wir verlieben uns ja in Menschen und nicht in Geräte voller Drehknöpfe, an denen sich nach Belieben Eigenschaften auf null oder zehn drehen lassen.

Also versuchen meine Frau und ich uns zu arrangieren. Wir diskutieren, ziehen Grenzen, machen aus, wer sich worum kümmert und so weiter. Geht immer wieder schief. Wird immer wieder schiefgehen. Aber mittlerweile wissen wir immerhin ungefähr, bei welchen Konflikten wir uns auch direkt über uns selbst lachend in die Arme fallen können. Und manchmal gelingt uns das sogar. Das ist nicht perfekt. Aber okay. Und meistens - auch das habe ich in den vergangenen Jahren gelernt - ist "okay" in einer Familie viel besser als "perfekt".

Geschwindigkeit genießt ein grotesk hohes Ansehen

Am ätzendsten ist es, wenn ich bei Benjamin zum Vorgesetzten mutiere. Wenn ich ihn antreibe, sich schneller anzuziehen, schneller zum Kindergarten zu gehen, schneller aufzuräumen.

Geschwindigkeit genießt in unserer Gesellschaft ein geradezu grotesk hohes Ansehen. Wie praktisch dieses noch schnellere Internet ist, wie fix jemand seine Arbeit erledigt oder wie schnell ein Amazon-Paket ankommt. Aber wer ständig versucht, alles stromlinienförmiger und ökonomischer zu machen, verliert sich in den stumpfen Details des Lebens. Glauben Sie mir, ich hab's ausprobiert. Und wer durch sein Leben hetzt als wäre es eine To-do-Liste, verpasst das Beste: den ganzen herrlichen Kram, der links und rechts unserer Erledigungs-Highways liegt.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, warum Erwachsene und Kinder Zeit unterschiedlich wahrnehmen, warum ein Jahr sich für Kinder viel länger anfühlt. Und jetzt wird es ein wenig traurig: Weil das Gehirn alles, das wir schon erlebt zu haben glauben, unter "mehr vom selben" und deshalb als nicht so wichtig abspeichert.

"In meinem Kopf sind eine Million Gedanken, Papa!"

Für Kinder sind etliche Dinge neu, unbekannt, interessant und aufregend. "In meinem Kopf sind eine Million Gedanken, Papa!", ruft Benjamin manchmal plötzlich. In den guten Momenten frage ich, was gerade am wichtigsten ist und ob ich mitdenken darf. Oft genug denke ich aber auch schon an den nächsten und den übernächsten Programmpunkt des Tages, wenn wir zusammen sind. Oder daran, was noch alles zu erledigen ist. In den guten Momenten weiß ich, dass das meiste davon unwichtig ist.

Benjamin ist zum Glück noch kein multitaskender Lebenserlediger. Er ist ganz dabei, wenn er sich für eine Sache entschieden hat - Lego-Raumschiffe bauen, ein Buch anschauen, beim Backen helfen. Wenn es ihn langweilt, macht er was anderes. Oder hängt er einfach nur rum und lässt die Gedanken schweifen. Manchmal, wenn wir zusammen sind, gelingt mir das auch. Dann laufen Benjamins und meine innere Uhr eine Zeit lang gleich schnell. Dann bewohnen wir eine Welt, und er teilt mit mir seinen Blick auf die unzähligen Details und Geschichten, die Erstaunlichkeiten und Fragen, die seine Augen und sein Gehirn zum Glück noch lange nicht unter "mehr vom selben" verbuchen.

Diese Zeiträume sind Geschenke, die ich viel zu selten öffne. Warum eigentlich? Ach ja, weil Benjamin sich gefälligst schneller anziehen soll.



Liebe Leserinnen und Leser, Fällt es Ihnen oder ihrem Partner auch oft schwer, sich auf die Geschwindigkeit ihrer Kinder einzulassen? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin (5) und Willem (1)

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.




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8 Leserkommentare
andreasclevert 31.03.2017
alexanDA 31.03.2017
srj 31.03.2017
spontanistin 31.03.2017
alsterherr 31.03.2017
jujo 31.03.2017
Lestarte 03.05.2017
g_bec 04.05.2017

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