Letzte Minuten von AF 447: "Mach du, übernimm die Steuerung"

"Da müsst ihr aufpassen": Die Piloten des Unglücksflugs AF 447 wussten um die Gefahren, die dem Flugzeug bevorstanden. Jetzt veröffentlichte Wortwechsel aus dem Cockpit zeugen vom Kampf, die Maschine zu retten - offenbar führten defekte Tempomesser die Männer in die Irre.

Air-France-Absturz: Was geschah auf Flug AF447? Fotos
REUTERS/ BEA

Paris - Viele Monate lang gab es keinerlei Informationen darüber, weshalb es bei Flug AF 447 am 1. Juni 2009 zum Absturz über dem Atlantik kam. Nun hat die französische Untersuchungsbehörde BEA anhand der Daten auf den Flugschreibern der Unglücksmaschine die letzten Gespräche im Cockpit ausgewertet, übersetzt und veröffentlicht. Die Geräte haben dokumentiert, wie in wenigen Minuten aus einem Routineflug eine Tragödie wurde.

Die Aufzeichnungen zeugen von den vergeblichen Bemühungen der Co-Piloten, die Maschine in den Griff zu bekommen. Die beiden Männer sind zu Beginn des Sturzflugs auf sich gestellt. Der Kapitän hat das Cockpit verlassen, um eine Pause zu machen.

Gegen 2 Uhr: Der Co-Pilot am Steuer sagt zu seinem Kollegen: "Die kleine Turbulenz, die du gerade erlebt hast (...) eine von dieser Art dürfte vor uns liegen (...). Wir sind leider in der Wolkenschicht, wir können im Moment nicht viel höher gehen, denn die Temperatur sinkt langsamer als vorhergesehen. (...) Das Logon mit Dakar hat nicht geklappt."

2.06 Uhr: Der Co-Pilot am Steuer sagt zu einem Flugbegleiter: "In zwei Minuten dürften wir in eine Zone geraten, in der es ein wenig turbulenter zugehen wird als im Moment, da müsst ihr aufpassen. (...) Ich rufe dich zurück, sobald wir wieder draußen sind."

2.08 Uhr: Der zweite Co-Pilot sagt zum Co-Piloten am Steuer: "Du kannst eventuell etwas weiter nach links steuern." Die Maschine wird leicht nach links gebracht, um den Turbulenzen auszuweichen. Der Autopilot schaltet sich ab.

2.10 Uhr: Der Co-Pilot am Steuer sagt: "Ich habe die Steuerung übernommen." In diesem Moment fangen die Probleme an: Das Flugzeug beginnt nach rechts abzukippen, und der Co-Pilot zieht es nach links hoch. Sein Kollege antwortet: "Wir haben die Geschwindigkeiten verloren."

Der Geschwindigkeitsmesser zeigt einen dramatischen Tempoverlust von etwa 509 auf nur noch 111 Knoten an. Der Abfall der Geschwindigkeit wird knapp eine Minute später auch auf einem zweiten Messgerät angezeigt. Der zweite Co-Pilot versucht mehrfach, den Flugzeugkapitän ins Cockpit zurückzurufen. Das Flugzeug steigt unterdessen immer weiter nach oben und schwankt stark.

2.12 Uhr: Trotz eines Warnsignals, dass das Flugzeug zu steil nach oben und deswegen zu langsam fliegen könnte, wird die Maschine weiter nach oben gezogen. Daraufhin fällt die Geschwindigkeitsanzeige komplett aus. Nach Ansicht von Experten könnte dies daran liegen, dass das Flugzeug tatsächlich viel zu langsam wurde. Der Co-Pilot am Steuer sagt: "Ich habe keine Angaben mehr."

Erst jetzt kehrt der Pilot ins Cockpit zurück. Er bestätigt: "Wir haben keine gültigen Angaben mehr." Der Kapitän hatte das Cockpit wenige Minuten zuvor verlassen, um sich auszuruhen. Nach Angaben der BEA ist es üblich, dass jeweils einer der drei Piloten sich hinlegen kann, sofern die beiden anderen im Cockpit bleiben.

2.13 Uhr: Der Co-Pilot zieht das Flugzeug nach unten, woraufhin die Geschwindigkeitsanzeige wieder funktioniert. Erneut gibt es ein Warnsignal. Der zweite Co-Pilot greift zum Steuerknüppel, und der bisher steuernde Co-Pilot sagt: "Mach du, übernimm die Steuerung." Laut BEA übernimmt der Kapitän den Steuerknüppel nicht mehr.

2.14 Uhr und 28 Sekunden: Die Aufzeichnungen der Flugschreiber enden. Aus den letzten aufgezeichneten Daten ergibt sich, dass die Maschine zuletzt mit einer Geschwindigkeit von etwa 200 Kilometern pro Stunde auf die Meeresoberfläche zuraste.

Der technisch nüchtern gehaltene Bericht der BEA enthielt noch keine Schlussfolgerungen aus den Daten und benannte auch noch keine Verantwortlichen. Die Ermittlungsbehörde hatte erklärt, sie wolle "erste Feststellungen" über die Umstände der Katastrophe veröffentlichen, weil bereits "bruchstückhafte und mehr oder weniger widersprüchliche Informationen" an die Medien durchgesickert seien. Es handele sich um "faktuelle Elemente über den Ablauf des Fluges" und "auf keinen Fall die Ursachen" des Absturzes. Ein Etappenbericht soll laut BEA bis Ende Juli vorliegen.

Geschwindigkeits-Messsonden könnten zeitweise vereist gewesen sein

Die BEA machte keine Angaben zur Rolle der Pitot-Sonden, mit denen die Geschwindigkeit des Flugzeugs gemessen wird und deren mögliche Fehlfunktion Experten bislang als wahrscheinlichste Unglücksursache betrachten. Die Pitot-Sonden liegen noch immer am Grund des Ozeans. Der angezeigte dramatische Tempoverlust könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Sonden zumindest zeitweise vereist waren.

Zudem äußerte sich die Behörde nicht dazu, ob die Abwesenheit des Flugkapitäns aus dem Cockpit auf den Hergang der Ereignisse auswirkte. Der französische Nachrichtensender France Info hatte am Donnerstag unter Berufung auf die Ergebnisse der BEA berichtet, die Besatzung habe versucht, die Maschine mit einem "klassischen" Verfahren zu retten, das in der Ausbildung gelehrt werde. Dieses Vorgehen sei in dem Fall aber "ungeeignet und wirkungslos" gewesen.

Die Maschine der Air France war am 1. Juni 2009 auf dem Flug von Rio de Janeiro nach Paris in einer Unwetterfront abgestürzt. Alle 228 Menschen an Bord kamen ums Leben, darunter 28 Deutsche. Gegen die Fluggesellschaft und den europäischen Flugzeugbauer Airbus ermittelt die französische Justiz wegen fahrlässiger Tötung.

Die Ermittler hoffen, dass die Flugschreiber ihnen dabei helfen werden, die Unglücksursache herauszufinden. Die Aufzeichnungsgeräte waren Anfang Mai vom Grund des Atlantischen Ozeans geborgen worden.

ulz/dpa/dapd/AFP

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insgesamt 191 Beiträge
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    Seite 1    
1. Fahrlässige Tötung
☺☺☺ 27.05.2011
Kann eine Firma einen Straftatbestand erfüllen ? Muss dann die Firma ins Gefängnis ? So mit ganzer Belegschaft und Aktionären ? Wär auch mal was...
2. Der Überblick,
jardinalegre 27.05.2011
Zitat von sysop"Da müsst ihr aufpassen": Die Piloten des*Unglücksfluges AF 447 wussten um die Gefahren, die dem Flugzeug bevorstanden. Jetzt veröffentlichte Wortwechsel aus dem Cockpit zeugen vom Kampf, die Maschine zu retten - offenbar führten defekte Tempomesser die Männer in die Irre. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,765400,00.html
er leidet sehr. 3 threads zum gleichen Thema Absturz AF447, wenn ich Argumente aus einem der anderen beiden threads hier anführe, dann ist die Verwirrung perfekt. JardinAlegre
3. ...
M. Michaelis 27.05.2011
Zitat von sysop"Da müsst ihr aufpassen": Die Piloten des*Unglücksfluges AF 447 wussten um die Gefahren, die dem Flugzeug bevorstanden. Jetzt veröffentlichte Wortwechsel aus dem Cockpit zeugen vom Kampf, die Maschine zu retten - offenbar führten defekte Tempomesser die Männer in die Irre. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,765400,00.html
Falsche Geschwindigkeitswerte und Nacht sind eine tödliche Kombination, da sehr schnell die Orientierung völlig verlorengeht.
4. Was ich nicht verstehe, ...
Glasperlenspiel 27.05.2011
Zitat von sysop"Da müsst ihr aufpassen": Die Piloten des*Unglücksfluges AF 447 wussten um die Gefahren, die dem Flugzeug bevorstanden. Jetzt veröffentlichte Wortwechsel aus dem Cockpit zeugen vom Kampf, die Maschine zu retten - offenbar führten defekte Tempomesser die Männer in die Irre. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,765400,00.html
(ich kenne mich nur etwas mit Segelflug aus) warum haben sie mit ihrer Maschine überhaupt auf die Unwetterzone zugehalten? Das war ja noch nicht mitten auf dem Atlantik, wo man ja auf sich allein gestellt ist. Zumal, wenn man riskiert, dass unter solchen Umständen wichtige Messgeräte ausfallen können? Kann es daran gelegen haben, dass sie (vielleicht aus Kostengründen) Kerosin sparen und sich damit einen Riesenumweg sparen wollten? Wenn ja, hat Air France einiges zu erklären. Und warum muss man noch immer damit leben, wichtige Mess-Systeme total ausfallen können? Wäre das nicht eine vordringliche Aufgabe für Airbus und Boing, bzw. die Zulieferer? Gibt es hier einen Profi, der dazu etwas schreiben kann?
5. ich weiss
the_dark_side 27.05.2011
ich werd jetzt ordentlich Flak bekommen von den ganzen Flugspezis hier, aber fuer mich klingen die Aufzeichnungen aus dem Voice Recorder nicht so als waeren da erfahrene Piloten am Werk gewesen. Das klingt ziemlich hiflos.
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