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23.08.2007
 

Das 41-Jahre-Ehe-Interview

"Du warst nicht mein Typ" - "Du meiner schon!"

2. Teil: "In der Liebe ist es besser, zwei zu bleiben"

Verhoeven: Ich muss mir solche Ausdrücke auch gar nicht verbeißen, weil ich sie gar nicht sagen will. Aber selbstverständlich streiten wir uns. Es kann doch auch gar nicht sein und wäre wahrscheinlich furchtbar, wenn wir immer das Gleiche dächten. Manches muss man ausstreiten, und das tun wir bis zu einem gewissen Grad erfolgreich. Einiges bleibt folgenlos, obgleich ich mir Mühe gebe, mich so zu entwickeln, wie die Senta das gern hätte, aber es gelingt einfach nicht immer, weil ich zu sehr ich bin. Und umgekehrt ist das auch so.

Berger: Ich glaube, das ganze Zusammenleben spielt sich zwischen diesen beiden Polen ab, dem Realismus und der ständigen Erwartung, es werde sich noch etwas so verändern, wie man es sich erhofft.

SPIEGEL: Mit Realismus meinen Sie, dass man den anderen so akzeptiert, wie er ist?


Berger: Ja, in dem Moment fällt das Zusammenleben viel, viel leichter. Aber natürlich rede ich dann viel mit mir selbst und sage: "Na ja, aber jetzt sag mal nichts." Mein Mann ist nämlich Chaot, wissen Sie. Das macht natürlich ein Zusammensein - mir zumindest - sehr schwer, denn ich habe so eine gewisse Ästhetik im Kopf.

Verhoeven: Die habe ich auch. Im Kopf habe ich sie auch.

Berger: Das war schon immer so, aber früher habe ich darüber gelacht. Als wir zusammengezogen sind, hatte der Michael ein Arbeitszimmer, da konnte man regelmäßig alle Vierteljahr die Türe nicht mehr aufbekommen. Er ist nicht nur Chaot, er ist auch Sammler. Sammler und Chaot.

Verhoeven: Ist das hier jetzt ein Beschimpfungstermin? (beide lachen)

Berger: Nein, aber vielleicht macht das jetzt größere Wirkung, wenn du es später gedruckt siehst. Natürlich schwanke ich immer zwischen "lass es, sei still, sag nichts, er hat ja auch wirklich viel zu tun. Es interessiert ihn nicht, sein Zimmer aufzuräumen, lass ihn, lass ihn" und: "Aber wieso eigentlich? Ich wohne ja auch hier."

Verhoeven: In meinem Zimmer wohnst du nicht.

Berger: Ich möchte es einfach auch gern mal so haben, wie ich es sehe.

SPIEGEL: Aber Ihr Mann findet sich zurecht?

Berger: Er findet nichts.

SPIEGEL: Glauben Sie an den Satz, von den Gegensätzen, die sich anziehen?

Berger: Die Frage stellt sich doch gar nicht. Ich meine, das, was da passiert, diese Leidenschaft, die lässt sich doch gar nicht steuern, die lässt sich auch gar nicht erklären. Wenn ich mich in unserem Freundeskreis umschaue, da gibt es kaum Paare aus unserer Jugend, die noch zusammen sind. Ich bin die einzige verheiratete Frau unter all meinen Cousinen.

SPIEGEL: Sind Sie stolz darauf?

Berger: Ich denke nicht darüber nach. Man denkt ja nicht in diesen Kategorien.

Verhoeven: Wenn man sieht, wie früh offenbar die Menschen ihre Attraktivität für das andere Geschlecht verlieren durch den Prozess, den man Alterung nennt, dann liegt vielleicht schon da der Schlüssel für das Scheitern vieler Beziehungen. Ich sehe natürlich diese Alterung, auch bei Senta, und sie sieht sie bei mir, aber ich finde, es ist nicht ein Gran weniger an Attraktivität da. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Senta sich verändert hat. Ich bin halt mitgewachsen.

Berger: Was du da sagst, dieses Mitgewachsene, hat noch eine viel nachhaltigere und tiefere Bedeutung. Man kann schon sagen, dass ich mit 23 Jahren sehr jung war, als ich mich verlobt habe, und ich war 25, als wir geheiratet haben. Michael ist drei Jahre älter als ich. Eigentlich waren wir noch Kinder, das würde ich heute so sehen. Es war aber dieses unbedingte Vertrauen von Anfang an da. Und das war natürlich ein wechselseitiges, ein gegenseitiges Vertrauen. Dass wir sehr stark eigenständige Menschen geworden und geblieben sind, ist auch ein großes Glück. Alfred Polgar hat geschrieben: "In der Liebe ist es besser, nicht - wie die festlich erotische Formel lautet - eins zu werden, sondern zwei zu bleiben." Das bedarf natürlich auch der Klugheit, und wenn schon nicht Klugheit, dann Intuition.

Verhoeven: Du meinst jetzt aber nicht mein Zimmer?

Berger: Natürlich nicht, aber das fällt auch da hinein, dass es zwar zu einem Zank kommen kann, dass es aber letztendlich nichts wirklich Trennendes ist. Es sieht ja in der Öffentlichkeit immer so aus: Das ist die starke Frau, und das ist der sensible Künstler. Aber in unserem Verhältnis ist es ganz bestimmt umgekehrt. Da ist er der Lebenskünstler, der immer nach vorn geht, und der auch die Kraft hat, mich, wenn ich mal ganz klein bin - und ich bin oft ganz klein -, mitzunehmen. Das ist sicherlich auch eine Erklärung, warum ich mich mit ihm von Anfang an so aufgehoben gefühlt habe. Und es immer noch tue. Obwohl man natürlich, wenn man dann älter wird, nicht mehr so beschützt ist.

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