SPIEGEL ONLINE: Herr Mädel, wie hätten Sie's denn gern? Müssen wir beide Vornamen nennen - Bjarne Ingmar - oder reicht Bjarne?
Mädel: Ich kannte mal einen Regisseur in Erlangen, der hieß Frank D. Müller. Der hatte sich das Mittelinitial dazugemogelt, weil er seinen Vor- und Nachnamen langweilig fand. Aus Spaß habe ich deswegen auf ein Theater-Programmheft bei mir meinen Zweitnamen Ingmar dazuschreiben lassen. Als ich dann ans Deutsche Schauspielhaus nach Hamburg kam, sagte der damalige Intendant Tom Stromberg zu mir: "Was soll das denn? Das ist albern. Du kannst auch ohne Ingmar berühmt werden."
SPIEGEL ONLINE: Seit Sie bei "Stromberg" spielen, ist das "Ingmar" wieder da ...
Mädel: Nur um gegen Christoph Maria Herbst und Oliver K. Wnuk nicht abzustinken. Was die können, kann ich auch!
SPIEGEL ONLINE: Welche Hänseleien muss man mit diesem Namen in der Kindheit aushalten?
Mädel: Der Klassiker ist natürlich: Bjarne reimt sich auf Banane. Und mit dem Nachnamen kollidierte dummerweise meine Körpergröße: Da, wo die anderen ihre Hosen hatten, hörte ich auf. Ich war bis zur fünften Klasse 1,33 Meter klein und hatte auch noch lange Haare. Da wurde ich oft aufgezogen mit: "Bjarne, das Mädchen!"
SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Zeitlang in den USA gelebt, dort studiert. Was kann man von den Amerikanern lernen?
Mädel: Wie man Allzweckreiniger verkauft.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?
Mädel: Mein Studentenjob. Das war eine Paste namens "Magic", mit der man alles machen konnte: Fenster putzen, Flecken entfernen, Sofas aufhellen. Ich bin von Tür zu Tür gegangen, jedes Mal erwartete mich eine neue Situation. Ich musste alles geben, um "Magic" an den Mann zu bringen. Das war meine erste schauspielerische Aufgabe.
SPIEGEL ONLINE: Als Schauspieler haben Sie auf die harte Tour angefangen, sind in Provinztheatern aufgetreten.
Mädel: Das Volkstheater in Rostock zum Beispiel hat 600 Plätze, aber manchmal kamen nur 14 Leute. Und ab 15 mussten wir spielen. Manchmal wussten wir kurz vor Beginn nicht, ob wir auftreten. Da war oft der Gedanke da: Komm, lass uns doch die Zuschauer ins Kino einladen.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin läuft es heute beruflich so gut wie nie zuvor. Welche Vorzüge bringt das mit sich?
Mädel: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen Geld. Früher war ich lange Zeit verschuldet und musste immer darauf achten, davon runterzukommen. Deshalb würde ich auch nie Kollegen verteufeln, die in einer schlechten Daily Soap mitspielen, die aber eine Familie ernähren müssen.
SPIEGEL ONLINE: Im "Stromberg" spielen Sie den Ur-Verlierer Berthold "Ernie" Heisterkamp. Und liefern Pointen, die - für deutsche Comedy - gewagt sind. Wenn Ernie erzählt, dass seine alte Mutter starb, weil deren Inkontinenz einen Kurzschluss bei der Heizdecke hervorrief, muss man lachen - und darf es eigentlich nicht.
Mädel: Absolut. George Tabori hat immer gesagt: "Hinter jedem guten Witz steckt eine Katastrophe." Diese Art des jüdischen Humors, dass man auch lachen kann, wenn man viel Leid ertragen hat, das liegt mir.
SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie Comedy-Formate wie "Dittsche"?
Mädel: Aber bidde ... bidde!!?? Der ist genial! "Dittsche"-Gucken hat was von Fußballgucken: Manchmal sieht man ein 5:1, einen Ausgleich in letzter Minute oder auch mal ein 0:0.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Ernie - mögen Sie den eigentlich?
Mädel: Ja, zum Glück. Ich bin sogar stolz auf ihn, weil er so authentisch ist, dass man mir das abkauft, obwohl er echt extreme Sachen macht: Er leckt seinen Apfel ab, bevor er reinbeißt, und er schiebt sich mit einem Lineal das Hemd in die Hose. Ist ja auch logisch: Mit der Hand kommt man nicht bis zum Oberschenkel und wenn man sie wieder rauszieht, rutscht das Hemd wieder hoch. Aber wie krank ist das? Das macht kein normaler Mensch.
SPIEGEL ONLINE: Einmal Ernie, immer Ernie - haben Sie keine Angst vor der Rollen-Schublade?
Mädel: Doch natürlich, das hat man immer. Deswegen habe ich auch mal einen Kinofilm abgesagt, das war die pure Kopie von Heisterkamp. Und ich nehme bewusst Rollen mit einem anderen Profil an, auch wenn man mich verpasst, wenn einem kurz die Fernbedienung aus der Hand fällt. Ich möchte diesen Beruf noch so lange wie möglich machen.
SPIEGEL ONLINE: Ab dem 7. Januar sind Sie in der ARD in der Krimi-Serie "Mord mit Aussicht" zu sehen. Sie spielen den trotteligen Dorfpolizisten Dietmar. Ist die Erniefalle nicht schon zugeschnappt?
Mädel: Nein, Dietmar ist anders angelegt, bei dem ist das eine andere Form von Trotteligkeit, die wir auch äußerlich unterstreichen. Dietmar trägt einen leichten Vokuhila-Schnitt, Vollbart und Brille. Es soll ja nicht so sein, dass der Zuschauer denkt: 'Oh, das ist Heisterkamp in Uniform!'
SPIEGEL ONLINE: Für viele "Stromberg"-Fans markiert der Tod der Figur "Erika", gespielt von Martina Eitner-Acheampong, den Schlusspunkt bei "Stromberg". Geht’s trotzdem weiter?
Mädel: Wir haben das lange diskutiert. Und letztendlich haben wir gesagt: Wenn Ralf Husmann, Produzent und Autor von "Stromberg", noch eine Idee hat, dann machen wir weiter.
SPIEGEL ONLINE: Hat er?
Mädel: Ja, es soll eine große Veränderung geben. Was genau, wissen wir Schauspieler selbst noch nicht. Geplant ist ein "Stromberg"-Film und im Anschluss sechs Folgen und dann ist Schluss. Mehr darf ich dazu noch nicht sagen.
SPIEGEL ONLINE: Keine Sorge, dass die "großen Veränderungen" hanebüchen sind, und man den Kultbonus verspielt?
Mädel: Wir verlassen uns auf Ralf Husmann. Dadurch, dass er Produzent und Autor in einer Person ist und viele geniale Projekte gezündet hat, kann er Sachen durchdrücken, bei denen andere vor verschlossenen Türen landen.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Mädel: Ich hatte immer den Wunsch, einmal im deutschen Fernsehen "Ich muss mal groß!" zu sagen. Das ist ein so typisch deutscher Satz. Und vor der dritten "Stromberg"-Staffel sagte Husmann, ich hätte einen Satz frei. Dann kam Ernie mit Magenproblemen in die Kantine und nach einem Blick auf den Nachtisch unterbricht er ein Gespräch, weil er "mal groß" müsse. Den Satz hätte ich in der ARD nie durchgekriegt.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie was zu sagen hätten: Wie würden Sie deutsches TV aufmöbeln?
Mädel: Auweia. Generell finde ich, dass man immer dieselben Leute sieht, nur weil sie Zuschauer anlocken. Und obwohl immer alle etwas anderes wollen, machen alle das gleiche. Viele haben zu wenig Mut.
SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen dagegen ziemlich mutig zu sein. Sie wagen sich in Hamburg als HSV-Fan ins FC-St.-Pauli-Revier.
Mädel: Ja, ich werde als HSV-Fan oft angefeindet oder belächelt. Ich war mit fünf Jahren erstmals beim HSV, als dort noch Kevin Keegan, Horst Hrubesch und Manfred Kaltz spielten, das hat mich schwer beeindruckt und geprägt.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie also so ein richtig fanatischer Fußballfan?
Mädel: Nicht wirklich. Nur, wenn es um meinen Patensohn geht, der mutierte auf einmal zum Bayern-Fan. Da habe ich ihm zur Einschulung ein HSV-Trikot geschenkt. Ich finde, da muss man knallhart einen Riegel vorschieben: Kinder müssen auch eine gewisse Leidensfähigkeit lernen.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie selbst denn gut verlieren?
Mädel: Nein, ganz schlecht. Ich kann nicht aus Spaß Tischfußball spielen - schon gar nicht mit Kindern, wenn man bewusst Sachen falsch machen muss, damit die nicht verlieren und weinen.
SPIEGEL ONLINE: Im März werden Sie 40. Gibt es schon Anzeichen von Midlife Crisis?
Mädel: 40 ist schon komisch, weil ich mich gar nicht so alt fühle. Von meinem Inneren her komme ich mir einfach noch wie Ende 20 vor. Ich lebe auch noch so.
SPIEGEL ONLINE: Wie denn?
Mädel: Ich habe kein Haus, kein Boot, kein Feriendomizil. Ich lebe auch nicht auf großem Fuß, eher wie ein Student. Außer dass man im Restaurant nicht mehr erst auf die rechte Seite sieht, bevor man auswählt.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht's denn mit dem Projekt Familiengründung aus?
Mädel: Das habe ich echt verpasst. Da tickt schon die Uhr, denn wenn nicht jetzt, wann dann? Mit 40 hat man die Hälfte seines Lebens erreicht! Kürzlich hatte ich 20-jähriges Abitreffen – allein das auszusprechen ist schon grauenhaft! – und einige Schulkameraden sind schon geschieden oder deren Kinder ausgezogen. Und irgendwie bin ich schon auch neidisch darauf. Womit ich jetzt nicht unbedingt die Scheidung meine!
Das Interview führte Julia Jüttner
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Leute | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH