SPIEGEL ONLINE: Frau Müller, es gibt Leute, die Sie für so überdreht halten, dass sie sich fragen: Welche Drogen nimmt diese Frau?
Ina Müller: Ich habe jahrelang in einer Apotheke gearbeitet. Da habe ich Frauen um die 50 gesehen, die sich mit Tranquilizern vollgestopft haben, außerdem jede Menge Leute in Methadon-Programmen. Das hat mich so abgetörnt, dass ich mich lieber auf eine muntere Mischung aus harmlosen Arzneien eingeschossen habe: Bei mir gibt es jeden Tag Ginkgo Biloba für mein Gedächtnis und 100 Milligramm Aspirin für meine Gefäße. Weil ich unter der Wahnvorstellung leide, eines Tages auf der Bühne tot umzufallen, außerdem ein Magnesium-Kalium-Gemisch. Ansonsten keine Drogen außer Alkohol! Damit bin ich aufgewachsen, damit kann ich umgehen.
SPIEGEL ONLINE: In ihren Kabarett-Programmen reißen Sie gern Zoten über reife Pickel oder Frauen mit Zellulite und buschigem Achselhaar. Nicht jedermanns Sache. Gab es kabarettistische Ausfälle, für die Sie sich schämen?
Müller: Absolut. Ich war im Juni 2006 in "Waldis WM-Club" zu Gast, einer Live-Sendung mit Waldemar Hartmann, Bernd Schuster und weiteren Gästen. Ich war ganz stolz auf meine Einladung und dachte, die wollen, dass ich das WM-Spiel kommentiere. Aber eigentlich wollten sie nur eine blonde Quotenfrau da sitzen haben, und ich habe mich fürchterlich blamiert, weil ich Fußball sehr persönlich nehme und zu allem meine Meinung gesagt habe. Die Männer am Tisch sackten buchstäblich in sich zusammen, und der Hartmann konnte damit so gar nicht umgehen. Ich habe mich danach drei Tage zu Hause versteckt, weil ich mich so geschämt habe.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Ex-Freund auf Konzerten als Langweiler und ewige Klette ins Rampenlicht gerückt und später gesagt, das habe Ihrer Beziehung nicht gut getan. Warum haben Sie es dann getan?
Müller: Wenn er so eine Schnarchnase gewesen wäre, hätte ich es wohl kaum acht Jahre mit ihm ausgehalten. Das ist ein ganz toller Mann, der leider dafür herhalten musste, dass ich meine Gags loswerden wollte. Damals war ich einfach unprofessioneller als heute. Ich würde so etwas nie wieder tun.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn schon einen Nachfolger, der in Deckung gehen muss?
Müller: Kann sein. Ich habe früher geglaubt, jede Frau trifft acht Traummänner in ihrem Leben. Weil bei mir sechs davon schon weg sind, hab ich den Durchschnitt aber inzwischen auf elf erhöht.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, mit über 40 Single zu sein, höre sich so eklig tragisch an. Fühlt es sich auch so an?
Müller: Überhaupt nicht. Man darf halt nicht glauben, dass alle unverheirateten Männer über 40 geschieden, schwul oder komplett gestört sind. Das kann ja nicht stimmen, schließlich bin ich ja auch über 40, weder lesbisch noch verheiratet und geistig vollkommen gesund. Ich bin eigentlich ganz toll. Mit mir zusammen zu sein ist sozusagen ein Traum für jeden Mann.
SPIEGEL ONLINE: Meine vierjährige Tochter hat einen Müller-Konzert-Mitschnitt so kommentiert: "Du Mama, die Ina-Frau mag gar keine Kinder." Hat sie Recht?
Müller: Oh je! Sagen wir so: Kinder - das hat sich für mich nicht ergeben. Komischerweise haben Kinder aber eine riesige Affinität zu mir. Das ist wie mit Katzen, egal, wo ich bin, kommen sie zu mir, obwohl ich sie nicht rufe. Ich gehe mit Kinder sehr erwachsen um, es macht mir Spaß, mit ihnen zu reden. Aber es gibt auch welche, die ich nicht am Bein haben wollte. Ich hätte Angst, selbst so ein kleines Monster zu kriegen, und dann kannst du es ja nicht einfach weggeben. Also, wahrscheinlich bin ich feige.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind als "Künstlerin des Jahres" für den Echo nominiert. Viele halten Sie für einen Star, der das Zeug hat, weit über die Grenzen Norddeutschlands hinweg Karriere zu machen. Macht Ihnen eine solche Vision Spaß oder Angst?
Müller: Das macht mir eher Angst, weil ich selbst eine solche Vision von mir gar nicht habe. Ich gehe Schritt für Schritt. Wo ich langfristig hin will, weiß ich gar nicht so genau - das wäre auch langweilig. Ich kann nur sagen, es gab Angebote von Seiten der ARD, aber die habe ich abgelehnt. Ich muss Spaß an meinem Job haben und ich glaube, dass mein Publikum überhaupt keine Lust hat, eine freudlose Ina Müller zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Popularität ist auf jeden Fall immens gestiegen, oder?
Müller: Ja, das stimmt. Ich darf jetzt in meinem Lieblingscafé sogar heimlich rauchen, weil ich so berühmt bin. Ansonsten gehöre ich aber immer noch der B-Promi-Kategorie an: Ich bin die Ina zum Anfassen. Und das finde ich auch vollkommen okay.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Kuppelshow "Land und Liebe" verhelfen Sie einsamen Bauern zur hoftauglichen Gefährtin. Außerdem lieben Sie Events wie das traditionelle Oldenburger Grünkohlessen. Wie viel Bauernmädchen steckt noch in Ina Müller?
Müller: Ich glaube, sehr viel. Mit liegt der Schlag der Dorfbewohner, weil ich selber einer bin. Ich weiß, wie die ticken und wie die leben. Von daher passt eine Sendung wie "Land und Liebe" natürlich gut zu mir. Die Leute erkennen mich als eine der ihren und sind dadurch offener. Ich darf das aber auch nicht in Überdosis haben.
SPIEGEL ONLINE: Mit den plattdeutschen Produktionen halten Sie sich im Moment eher zurück.
Müller: Ich liebe das Plattdeutsche. Ich habe aber Angst, zur Mundart-Ikone zu werden und dann nie wieder davon loszukommen. Dafür bin ich zu jung und zu modern, ganz ehrlich.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie Formate wie "Inas Nacht", wo Sie sich mit anderen Lokalgrößen wie Jan Fedder, Lotto King Karl und Dittsche gepflegt einen hinter die Binde kippen, haben Zukunft?
Müller: Da ist mir ziemlich wurscht. Ich hatte einfach riesigen Spaß an der Konzeption der Sendung. Ursprünglich hatte der NDR an ein ganz klassisches Late-Night-Show gedacht, aber dann haben wir recherchiert und die Ideen sprudelten nur so. Die kleinste Kneipe der Stadt, der größte Shanty-Chor, die unbekannteste Band - ich kann mir derzeit noch den Luxus leisten, die Quoten nicht anzuschauen. Ich verstehe durchaus, wenn jemand kommt und motzt. Dann sag ich, okay, setz die Sendung doch ab. Aber ich werde nicht an Bestehendem rumdoktern, das bringt nichts.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden besonders von Frauen Ihrer Generation hymnisch verehrt - als selbstbewusste, witzige und coole TV-Frau. Was halten Sie von den jüngeren Frauen, den heutigen Teenagern?
Müller: Sie tun mir leid. Heute muss du möglichst dünn sein, dir die Fingernägel machen und hippe Klamotten tragen. Wenn du optisch keine Bombe bist, bedeutet das automatisch, dass du keine Chance hast. Ich hatte früher vollkommen andere Sorgen und Ideale. Wenn man mich als 13-Jährige in Nylonstrümpfe gesteckt und mir die Fingernägel mit Glitzersteinchen beklebt hätte, hätte ich garantiert meinen ersten Herpes bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Was hat es für Sie bedeutet, als vierte von fünf Töchtern in einem Frauenhaushalt groß zu werden?
Müller: Als vierte aufzuwachsen bedeutet, so mitten drin zu sein - du bist nicht so spannend wie die Erste und nicht so süß wie die Letzte. Da kämpft und buhlt man schon um die Liebe der Eltern. Ich hatte aber einen großartigen Vater, der uns nie unter Druck gesetzt hat, den Hof übernehmen zu müssen. Er ist im vergangenen Jahr gestorben.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an Gott?
Müller: Ja.
SPIEGEL ONLINE: Den lieben, protestantischen Gott?
Müller: Ja.
SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie auch in die Kirche?
Müller: Das tue ich. Mir ist das sehr wichtig, aber ich rede nicht gern drüber. Ich finde das Thema sehr intim.
SPIEGEL ONLINE: Hat es geholfen, den Tod ihres Vaters zu bewältigen?
Müller: Ja, das hat es. Auch wenn wir miteinander nie über Religion gesprochen haben.
SPIEGEL ONLINE: Wallfahrten sind ja gerade sehr angesagt. Wohin pilgert Ina Müller?
Müller: Nirgendwohin. Das wäre das Allerletzte. Ich gehe lieber spazieren.
Das Interview führte Annette Langer
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