SPIEGEL ONLINE: Herr Becker, sind Sie plötzlich fromm geworden?
Ben Becker: Nein. Warum?
SPIEGEL ONLINE: Wenn Ben Becker auf einmal die große Bibel-Show macht…
Becker: Nein. Ich hab' mich mein Leben lang mit ernsthafter Literatur auseinandergesetzt. Hab' ja von Shakespeare bis Schiller einiges durch. Warum dann nicht auch mal das Buch der Bücher? Muss man da fromm sein? Find' ich nicht. Es ist auch weder mein Anliegen, irgendjemanden zu bekehren, noch mich selbst zu bekehren.
SPIEGEL ONLINE: Man konnte lesen, das Projekt habe Ihre Beziehung zu Gott verändert.
Becker: Es hat mich auf jeden Fall verändert. Aber wie weit ich an Gott glaube, meine Auffassung von Gott, die bleibt bei mir. Die geht keinen was an. Ich bin nicht angetreten, um was zu predigen, sondern um was vorzulesen.
SPIEGEL ONLINE: Aber - Sie glauben an Gott?
Becker: Die Frage werde ich, so profan wie sie daherkommt, nicht beantworten. Aber eins stimmt nicht: Irgendjemand hat geschrieben, ich sei nicht gläubig. Das ist nicht wahr.
SPIEGEL ONLINE: Erst Ihr fast tödlicher Zusammenbruch, dann stehen Sie mit der Bibel auf der Bühne. Das sieht ein bisschen wie vom Saulus zum Paulus aus.
Becker: Das ist der totale Schwachsinn. Es gibt so eine Promi-Tante, die hat mir da ja amerikanische Marktstrategie vorgeworfen, was ich eine absolute Unverschämtheit finde. Ich habe vor drei Jahren angefangen, mich mit der Idee zu dem Projekt zu beschäftigen, seit zwei arbeite ich konkret daran, und letztes Jahr bin ich zu Hause am Küchentisch zusammengebrochen - da hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.
SPIEGEL ONLINE: Aber…
Becker: Man kann natürlich sagen, wenn man das Wort des Herrn verkündet, sollte man ihm vorher mal "Guten Tach" gesagt haben. Aber das ist Blödsinn. Hart war natürlich schon, nach derart existenziellen Geschichten dann mit Tod und Vergänglichkeit auf der Bühne zu stehen. Grad nach der ganzen Berichterstattung.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie das voneinander trennen?
Becker: Ich trenne das. Das eine ist eine emotionale Geschichte, die mir passiert ist. Das andere ist auch eine emotionale Geschichte, die steht da in der Bibel und mit der beschäftige ich mich. Aber ich will das nicht vermischen. Ich sehe das alles mit Tod und Auferstehung nach dem Zusammenbruch jetzt auch nicht aus einer anderen Perspektive.
"Eigentlich wollt' ich die Arche Noah auf die Bühne bringen"
SPIEGEL ONLINE: Was haben Ihre Kollegen gesagt, als bekannt wurde: Becker macht jetzt die Bibel?
Becker: Ist mir egal. Wenn ich mir das in den Kopf gesetzt habe, dann mache ich das. Viele sehen da natürlich einen Widerspruch. Weil ich ja diesen Ruf als Enfant terrible mit mir rumtrage. Aber ich seh' den Widerspruch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Jesus war ja auch in gewisser Weise ein Enfant terrible.
Becker: Ja. Da ist allerdings was dran.
SPIEGEL ONLINE: Was war denn die Initialzündung für das Projekt? Klaus Kinskis legendäre Bibel-Inszenierung?
Becker: Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Ich hab mal Kinski-Briefe gelesen. Aber da kam so vehement: Seelenverwandtschaft Becker-Kinski. Da hab' ich ganz schnell gesagt, nein, das war's. Da möcht' ich Abstand von haben.
SPIEGEL ONLINE: Also nicht Kinski. Sondern?
Becker: Die Urzündung war Dolly Parton mit ihrem Auferstehungs-Song "He's alive". Den fand ich immer geil. Den wollt' ich immer singen und hab' immer geguckt - wo passt der rein? Und da lag die Bibel nahe.
SPIEGEL ONLINE: Das volle Programm: von Adam und Eva bis Apokalypse.
Becker: Eigentlich wollt' ich die ganze Arche Noah auf die Bühne bringen. Das volle Programm. Weil ich diese Baptisten Church, Wanderprediger und Gospelgottesdienste so toll find'. Bisschen hab ich da ja auch geklaut bei meinem Programm.
SPIEGEL ONLINE: Was ist denn Ihre Lieblingsstelle?
Becker: Ich mag Jona sehr gern. Da entdecke ich mich auch wieder. So einer, der sich um die Wahrheit rummogeln möchte und denkt, er kommt so drum rum. Der immer wieder auf die Schnauze fällt, aber auch wieder eine Chance kriegt. Außerdem hat der so was Freches, Clowneskes.
"Es ist nicht mein Anliegen, zu predigen!"
SPIEGEL ONLINE: Wie steht's um die Kreuzigung?
Becker: Nicht grad meine Lieblingsstelle. Aber natürlich sehr emotional. Und ist uns im Grunde ständig präsent. Das ist wahnsinnig gegenwärtig, diese Folterszenen, wie sie Jesus kaputt machen. Das seh' ich jeden Tag im Fernsehen. Da brauch' ich nur in die Nachrichten gucken.
SPIEGEL ONLINE: "Die Bibel – eine gesprochene Symphonie" klingt ziemlich monumental.
Becker: Jede Auseinandersetzung mit diesem Buch kommt monumental daher. Ist ja auch ein monumentales Werk. Das kann man nicht lesen wie Mickymaus und das kann man auch nicht so präsentieren. Was macht denn die Katholische Kirche? Wenn das kein Pathos ist? Wenn das keine große Show ist? Gegen die Kostüme und den Aufwand komm' ich nun wirklich nicht an.
SPIEGEL ONLINE: Aber Ihre Show strotzt auch ganz gut vor Pathos. Ben Becker, der Prediger?
Becker: Ja, was? Gib dem Affen Zucker… Ich bin Schauspieler. Aber es ist nicht mein Anliegen, da rauszugehen und zu predigen! Aber wenn man das Vaterunser… das muss man schon irgendwie vorpredigen. Aber der Abend als solcher ist kein Gottesdienst. Dann würd' es auch blasphemisch und überheblich, und das will ich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sondern?
Becker: Ich behandel' das mit großem Respekt, was ich da mache. Ich mach da keine Spielereien. Aber klar: Wenn ich auf der Bühne die Wasserfontänen zünde und die gehen hoch – ich gebe zu, es macht mir Spaß, da mal ab und zu die bengalische Fackel zu zünden. Wir wollen uns ja auch alle nicht langweilen.
Die Fragen stellte Karin Wollschläger
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