Von Jochen Leffers
Mutig, waghalsig, halsbrecherisch - wie soll man das nennen, was Michel Fournier sich da vorgenommen hat? Wird es ein großer Schritt für die Wissenschaft, ein Rekord- oder eher ein Suizidversuch? Am Sonntag will der Franzose versuchen, was noch keinem Menschen gelungen ist. Der Plan: Mit einem Stratosphärenballon steigt er auf rund 40.000 Meter Höhe auf, stürzt sich dann in einem schweren Spezialanzug kopfüber in die Tiefe und zieht in rund sechs Kilometern Höhe die Reißleine seines Fallschirms. Der bremst ihn von weit mehr als 1000 km/h auf gemächliches Tempo ab.
Geht alles gut, trudelt er über der Erde aus, kommt unverletzt am Boden an und gibt bester Laune Interviews als neuer Inhaber von vier Weltrekorden. Wenn aber nicht, dann schwindet ihm schon im ersten Flugabschnitt das Bewusstsein, und er schlägt ungebremst auf.
Die Idee ist spektakulär, aber nicht so neu, wie sie klingt. Michel Fournier bereitet sich schon seit vielen Jahren auf den großen Sprung vor; "le grand saut" heißt auch die Webseite zum Projekt, in der englischen Variante "the super jump" oder auch "the great leap". Einst arbeitete Fournier beim französischen Militär, das ihn unter vielen Kandidaten für einen Fallschirmsprung aus großer Höhe auswählte. Als das Programm, ein Rettungssystem für Raumfahrer zu entwickeln, eingestellt wurde, verkaufte er sein Haus und seine Waffensammlung und machte seit 1992 auf eigene Faust weiter.
Gleich vier Weltrekorde im Visier
Der Plan ist teuer, Fournier verfolgt ihn schon lange, seit 1986 nach der Challenger-Katastrophe. Zweimal setzte er bereits zum Start an, zuletzt 2003 - aber da konnte der Ballon gar nicht erst den Boden verlassen, weil die Hülle riss. Fünf Jahre später will Fournier, inzwischen 64 Jahre alt, es endlich wissen. Falls es gelingt, würde er gleich vier Rekorde einheimsen:
Um die Rekorde gehe es ihm aber nicht, schreibt Fournier laut "New York Times" in einer E-Mail: "Viel wichtiger sind die Ergebnisse, die der Sprung für die Sicherheit der Raumfahrt bringen wird. Die Hauptfrage, die heute alle Forscher stellen, lautet: Kann ein Mensch überleben, wenn er die Schallgrenze durchbricht?"
Lieber erfrieren, zerbrechen oder platzen?
Die Risiken sind gewaltig: In 40 Kilometer Höhe, nahe der Obergrenze der Stratosphäre, herrschen nahezu Bedingungen wie bei einem Weltraumspaziergang, auch wenn Wissenschaftler vom "Weltall" erst ab 100 Kilometern Erdentfernung sprechen. Ohne perfekte Spezialkleidung würden Menschen bei etwa minus 70 Grad schnell erfrieren, ohne Sauerstoffmaske das Bewusstsein verlieren und sterben, ohne vollkommen dichten Raumanzug würden im Fast-Vakuum die Gliedmaßen schmerzhaft anschwellen.
Eines der Mitglieder ist der Pariser Medizinprofessor Henri Marotte. Versagten die Sicherheitssysteme, könne beim Aufstieg das Blut wegen des Luftdrucks zu kochen beginnen, warnt Marotte in der "New York Times". Zudem könne Fournier dann in nur fünf Sekunden das Bewusstsein verlieren und in drei, vier Minuten Hirnschäden erleiden. Auch die Gefahr einer Lungenembolie droht, und dann ist da noch die der Taucherkrankheit bei mangelndem Druckausgleich. Auch die Fliehkräfte und die schnellen Temperaturwechsel muss der Körper verkraften.
Fournier will schon Stunden vor der Himmelfahrt nur noch reinen Sauerstoff atmen. Am Sonntag soll es losgehen - sofern das Wetter mitspielt und die Bedingungen ideal sind. Das Team, mit dem Fournier bei seiner Höllentour ständigen Funkkontakt halten will, trifft gerade die letzten Vorbereitungen zum Start in der Prärie des nördlichen Saskatchewan, eine kanadische Provinz. "Ich bin so aufgeregt, mein Traum wird wahr - nach 20 Jahren voller Arbeit und Opfer", schrieb Fournier in der E-Mail.
"Funktioniert der Raumanzug nicht richtig, stirbt man"
Mit seinen Sprungplänen war Fournier nie allein. Die Rekorde sind über 40 Jahre alt, auch eine Reihe anderer Abenteurer schickten sich immer wieder an, sie zu brechen. Darunter sind Cheryl Steams, eine Berufspilotin und Hobbyspringerin, der australische Minenspezialist Rodd Millner, der spanische Fallschirmsportler Miguel Angel Garcia und sein Projekt mit dem sinnfälligen Titel "Ikarus". Aber die meisten Kandidaten mussten früher oder später aufgeben, weil es technische Probleme gab, ihnen das Geld oder die Courage abhanden kamen.
Die beiden Amerikaner Jonathan Clark und Rick Tumlinson haben ähnlich verwegene Pläne, sie wollen in den nächsten Jahren einen Springer sogar bis zu 100 Kilometer hinaufschicken. Die "New York Times" berichtet außerdem über Steve Truglia, 45. Der britische Stuntman, Rekordtaucher und frühere Soldat plane für Juli einen ähnlichen Sprung über den Vereinigten Staaten: "Ich will den Rekord sobald wie möglich brechen. Was auch immer Fournier tut, ich kann es übertreffen."
Erst einmal ist der Franzose am Zug, jedenfalls wenn es keine neuen Schwierigkeiten mit der Technik oder dem Wetter gibt. Mit seinem Vorgänger Joe Kittinger, inzwischen 79, steht er in E-Mail-Kontakt. "Ich habe ihm schon vor Jahren erzählt, dass es da draußen sehr feindlich ist", so Kittinger. So sei seine Hand auf das Doppelte der Normalgröße angeschwollen, weil es Probleme mit dem Handschuh gegeben habe. "Man ist in einem Vakuum, und das Leben hängt völlig davon ab, ob der Raumanzug richtig funktioniert. Wenn nicht, dann stirbt man", sagte er der "New York Times".
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