Von Marc Pitzke, New York
"Sie ist ehrgeizig, getrieben, unsicher, quengelig und eine Perfektionistin", schrieb der für seine Promi-Verrisse bekannte Autor Jerry Oppenheimer in seiner Wintour-Biografie "Front Row". "Und sie gilt als mächtigste Kraft in der 100-Milliarden-Dollar-Modeindustrie." In diese Gefilde, sekundierte "New York", habe sich Wintour "hochintrigiert und hochgebrüllt".
Das ist natürlich ein Hollywood-Klischee. Wintour, die geschieden ist und zwei Kinder hat, steckt voller Widersprüche. Sie engagiert sich für Aids-Kranke. Sie sammelte Geld für unterdrückte Frauen in Afghanistan und die Hinterbliebenen der Terroranschläge von 2001. Sie unterstützt junge Modemacher; John Galliano und Marc Jacobs verdanken ihr ihre Karriere. Und als Chefdesignerin Alessandra Facchinetti von Valentino gefeuert wurde, während ihrer eigenen Show, zeigte Wintour sogar öffentlich Anzeichen des Mitgefühls.
Fest steht, dass niemand die US-Modewelt über die vergangenen Jahrzehnte so bestimmt hat wie Wintour. Als sie "Vogue" im Alter von nur 38 Jahren übernahm, war das Magazin steif, langweilig, einflusslos. Auflage und Anzeigenaufkommen stagnierten. Kritiker sprachen von den "beigen Jahren", in Anspielung auf die Wandfarbe im Büro der vorherigen Chefredakteurin Grace Mirabella.
Wintour verpasste "Vogue" ein Facelift, produzierte gewagte Covers mit neuen Models, mischte die Modebranche von innen auf - alles mittels einen strengen Regimes. Selbst Talk-Königin Oprah Winfrey durfte angeblich erst auf den Titel, nachdem sie 20 Pfund abgespeckt hatte.
So machte Wintour "Vogue" zum erfolgreichsten Modeblatt der Welt. Die September-Nummer 2004 war mit 832 Seiten das dickste Monatsmagazin aller Zeiten.
Doch seither ist auch "Vogue" in den Krisenstrudel der US-Printmedien geraten. Condé Nast hat den Männer-Ableger "Men's Vogue" von neun Ausgaben im Jahr auf zwei "Specials" gestutzt und "Vogue Living" ganz eingestellt, Dutzende Redakteure verloren ihre Jobs. Beide Blätter waren Wintour-Erfindungen.
Wintours angebliche Nachfolgerin - zu radikal für Amerika?
Auch bei "Vogue" selbst ist das Anzeigengeschäft eingebrochen, und die Auflage droht unter die psychologische Schallgrenze von einer Million zu sinken. "Elle" hat die "Vogue" bei Anzeigenseiten überholt. Im Herbst machte Cindi Leive von "Glamour" Wintour den Titel der "einflussreichsten Modemagazin-Chefredakteurin Amerikas" abspenstig, den "Forbes" jährlich auslobt.
Das alles legt eine "französische Revolution" ("Gawker") bei "Vogue" nahe. Doch Insider bezweifeln, dass Carine Roitfeld - die nur vier Jahre jünger ist als Wintour, aber viel jünger aussieht - das Zeug hat, "Vogue" durch die Misere zu steuern. Nicht nur, dass die Pariser "Vogue" (Auflage: 133.000) wesentlich kleiner ist als die New Yorker. Auch gilt Roitfelds Modestil als viel zu "radikal" für Amerika - während Wintour den hierzulande erforderlichen Zielgruppen-Spagat zwischen Hausfrauen und Superstars perfekt beherrscht.
Als eine Reporterin des Magazins "New York" Wintour jetzt am Rande der National Book Awards, der US-Buchpreisverleihung, auf ihre Zukunft ansprach, bekam sie eine klassische Wintour-Antwort: "Lassen Sie mich in Ruhe." Die Reporterin hakte nach: Ob sie fragen dürfe, wie Wintour den Ruhestand verbringen würde? "Nein. Verschwinden Sie." Sprach's - und verschwand im Blitzlichtgewitter.
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