Jahrzehntelang war das Lokal ein Schläfer. Es hieß "Waldheimer" und wurde im Häuserwald der Innenstadt vergessen. Dann küsste ein gutaussehender Italiener die Dornröschenadresse wach, und seit einem guten Jahr ist sie der Burner.
Umgetauft in den Namen "H'ugo's" glitzert die Trattoria nun in der grauen, engen Betonschlucht einer Bankpassage gegenüber dem Hotel "Bayerischer Hof": eine gastronomische Auferstehung, wie sie so nur in München möglich ist.
Das Wunder gelang Ugo Crocamo, den die Nachtschwärmer als fleißigen Pizzabäcker-Untermieter vom Nobelclub "P 1" kennen. Der alte Boden wurde über Nacht heiß und zum Wallfahrtsort der Schönen, Reichen und Sorglosen, darunter viele Autohändler.
Am langen Tisch gegenüber dem Pizzaofen halten die Starkicker Luca Toni, mit den Armen wild gestikulierend, Massimo Oddo sowie Franck Ribéry Hof.
Auf der Terrasse sitzen auf wetterfestem Rattangestühl Günter Draetzel und Inge Baumgartner, dereinst Besitzer der Schwabinger Trendboutique "Lord John Lady Jane", bei denen sich seinerzeit Mirja Sachs, Bianca Jagger, Rod Stewart oder Bryan Ferry die Türklinke in die Hand gaben; als der Mode-Lord noch eine zu Berge stehende Jimi-Hendrix-Frisur trug und Lady Inge eine feuerrote Löwenmähne, waren alle scharf auf ihr oft kopiertes, aber nie erreichtes Label "Lily Farouche", heute trägt das Designer-Couple a. D. das Haupthaar gezähmt.
Das Paar hat Chianti bestellt und Entrecote, "bitte durch", und kommt kaum zum Essen und Trinken vor lauter Staunen angesichts des kunterbunten Auftriebs der Boys und Girls, die ganz wenig Textil auf der Haut tragen oder die verrückten Siebziger-Jahre-Outfits des Vintage-Style.
Es gibt an diesem Abend nichts Spezielles zu feiern, aber für "H'ugo's" brezelt man sich halt auf. Die Jeunesse dorée ist vollzählig eingekehrt, daneben auch Münchner Alt-Raben mit leicht müdem Blick, in vermeintlich verjüngenden Waschgang-Jeans und Seidenjacketts in leuchtendem Rot, Gelb oder Grün.
Menschen, die glauben, die Münchner Szene drehe sich noch immer um Uschi Glas, Elmar Wepper oder Heiner Lauterbach, erliegen einem Irrtum, der durch den Konsum von zu viel "Bunte" oder "Gala" auch leicht passieren kann. An einem Abend im "H'ugo's" werden solche Menschen belehrt.
Natürlich gibt es das alte Schwabing nicht mehr. Aber es gibt in dieser Weltstadt mit Herz und Nerz eine Kontinuität der Erneuerung, es gibt sie in der Au, in den Garagen und Hinterhöfen der Geyerstraße, wo sich eine formidable Künstlerszene gebildet hat; es gibt sie im Ausdünstkreis des Hauses der Kunst, wo Bildhauer Martin Wöhrl sich daheim fühlt und Alltagsmaler Florian Süssmayr im "Lindwurmstüberl" verkehrt.
Die Kir-Royalisten des 21. Jahrhunderts, das sind Industriedesigner wie Konstantin Grcic, der als Möbelschreiner begann und dessen Werke heute in New York und London hängen. Und es sind die Erben des ziemlich großen Geldes, die Nachkommen von Unternehmensberatern, Anwälten, Fabrikanten.
Es mag in Berlin sich mancher Sorgen machen, was aus München geworden ist, wo es doch nun diese große Stadt im Osten gibt, dieses flirrende Zentrum der Macht, das vor lauter Wichtigkeit das Leben vergisst.
In München macht sich keiner einen Kopf, was in Berlin geschieht, weil jeder weiß, so viel ist es nicht - und bedeutend ist es schon gar nicht. In München verweist man lässig auf die Prachtboulevards wie die Leopoldstraße, die Ludwig, die Brienner, die Maximilian, das ist Champions League, da kann die Möchtegernhauptstadt Berlin noch so den roten Teppich ausrollen, sich mit den Mitteln des Marketings schminken, sich als Filmkulisse andienen - kompakt und gewachsen wirkt die Vereinigte noch lange nicht.
Oder weiß jemand, wo sich die gesellschaftliche Szene des neuen Berlin befindet? Jeder Stadtteil hat sein eigenes Kir Fatal. Das neue "Adlon", als Spielfläche für exklusive, internationale Events gedacht, aber wohl in der Wäsche eingelaufen, hätte ruhig großzügiger ausfallen können, so wie die Hotels in New York oder London. Die gastronomische Präsenz ist enttäuschend. Berlin hat viele Lokale, aber wenige, in die man wirklich gehen kann. Es gibt gerade mal fünf Restaurants, die permanent in den Medien bemerkt werden. Am häufigsten ist es das "Borchardt", ein Modelokal, wie es in München kaum überleben würde.
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