SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Karl Lagerfeld und ich" gehen Sie ausgesprochen schonungslos mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber um. Warum diese persönliche Abrechnung?
Maillard: Mein Buch ist keine Abrechnung, ich habe viel bei ihm und von ihm gelernt und nach wie vor großen Respekt vor ihm. Er ist ein Genie. Aber nach allem, was mir widerfahren ist, wollte ich auch die andere Seite von Karl beschreiben.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die aus?
Maillard: Er ist ein unglaublicher Narziss, er braucht eine Ewigkeit, um sich morgens zurechtzumachen, er nimmt bei jeder Fotosession Selbstporträts von sich auf und stellt diese überall hin. Er umgibt sich mit einem Hofstaat, niemand widerspricht ihm. Wo er geht und steht, wird Pepsi-Cola im Kristallglas von Baccarat für ihn bereitgehalten und alle 30 Minuten ausgewechselt. Es ist wie im 18. Jahrhundert.
SPIEGEL ONLINE: Exzentrik ist aber nicht gerade ungewöhnlich in der Branche.
Maillard: Es geht darüber hinaus. Er lässt Leute von einer Sekunde auf die andere fallen. Lagerfeld-Angestellte haben 24 Stunden am Tag verfügbar zu sein. Er kann sehr großzügig sein. Als ich meine erste Wohnung in Paris suchte, hat er mir diskret einen Umschlag zugesteckt, damit ich sie mir leisten konnte. Aber er kann auch gnadenlos sein. Ich habe erlebt, dass er dann mit Leuten einfach nicht mehr spricht, so tut, als ob sie nicht mehr existieren. Wissen Sie, die Mode ist eine Branche, in der man nie laut wird, in der man sich auch die größten Bosheiten noch in einem sehr höflichen Ton sagt.
SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen im Buch genau, wie die Morgentoilette des Karl Lagerfeld aussieht. Sie beschreiben, wie er sich zweimal pro Tag mit der teuersten Körpercreme der Welt von La Prairie einreibt, sie sogar zwischen den Zehen aufträgt - ein sehr indiskreter Blick in die Intimsphäre Ihres ehemaligen Chefs. Finden Sie das normal?
Maillard: Als Karl im Jahr 2000 seine radikale Spezialdiät begann, hat er jedem, der es hören wollte oder auch nicht, in allen Einzelheiten erzählt, wie diese Diät aussieht, was er tut, um sich fit zu halten, wie er sich pflegt. Ich habe bei zahlreichen Pressegesprächen in dieser Zeit daneben gesessen und kann Ihnen sagen, ich verrate nicht mehr als er damals. Im Übrigen muss man sagen, für einen 75-Jährigen ist er enorm gut in Form.
SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben auch das außergewöhnliche Projekt der Zusammenarbeit zwischen H&M und Lagerfeld ...
Maillard: Ja, ich weiß noch, wie Karl mir die ersten Skizzen für die H&M-Kollektion schickte, unter enormem Zeitdruck. Unser Team hat damals drei Monate lang Tag und Nacht an dieser Kollektion gearbeitet, aber nie ein Extrahonorar dafür gesehen. Ich kann mich an genau zwei halbe Tage erinnern, an denen Karl mit den Entwürfen zu tun hatte. Er bekam dafür Millionen von den Schweden.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie dann nicht gegangen?
Maillard: 2005 wollte ich das Unternehmen verlassen und zu Céline gehen. Ich habe sogar mit Karl im Café de Flore am Boulevard St. Germain in Paris gesessen und ihm von meinen Plänen erzählt. Aber Karl hat das wohl zu verhindern gewusst. Er hat mich dann fristlos entlassen, den in Aussicht gestellten Job bei Céline bekam ich nicht mehr. In der Branche legt man sich nicht gern mit Lagerfeld an, so bin ich bis heute ohne Job. Bis Ende 2008 habe ich einen Prozess gegen Lagerfeld wegen der Kündigung geführt - und schließlich gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat Herr Lagerfeld auf Ihr Buch reagiert?
Maillard: Am Anfang hat er sich darüber lustig gemacht, dass ich ein Buch schreibe. Später hat er dann versucht, bestimmte Passagen untersagen zu lassen, zum Beispiel das Kapitel zu seinen Steuerschulden. Mein Verlag hat sich geweigert, seitdem tut Karl so, als ob er das Buch nie gelesen hätte.
Arnaud Maillard: "Karl Lagerfeld und ich. 15 Jahre an der Seite des Modezaren". Heyne Verlag, München, 256 Seiten; 9,95 Euro.
Das Interview führte Britta Sandberg
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