Von Julia Jüttner
Um seinen Ruf wieder herzustellen, muss das Ehepaar jahrelang hart ackern: Getrennt touren sie durch Europa. Pia Witte, damals 24 Jahre alt, reist mit sechs Fahrgeschäften alleine durch Jugoslawien, ein acht Monate altes Kind dabei, sie trägt die Verantwortung für 30 Angestellte.
Pia Witte, eine aparte, stolze Frau mit pechschwarzen Haaren, kostet es spürbar Kraft, über ihren gefangenen Sohn zu sprechen. Ihre Wohnung am Rande Berlins ist winzig, sie sitzt zwischen den Überbleibseln eines Lebens, das mal komfortabel war: Ölgemälde in schnörkeligen Rahmen, zierliche Kommoden, pompöse Gestecke aus Plastikblumen. Aber nichts von Wert. Für Marcel hat sie erst kürzlich wieder einen Ring ins Pfandhaus gebracht. "Ich bin am Ende - auch finanziell", sagt sie leise.
Den Gang zum Sozialamt anzutreten, den Offenbarungseid zu leisten, das hat sie nach einem Leben in der Selbständigkeit Überwindung gekostet. "Ich bekomme 300 Euro im Monat, wie soll man davon leben und gleichzeitig den Jungen unterstützen?" In ihrem Umfeld gibt es keine Verwandten, Freunde, Bekannte mehr, die sie nicht angepumpt hat, die ihr kein Geld zugesteckt haben.
Die Selbstvorwürfe, ihren Sohn beim Vater in Peru gelassen zu haben, zermürben die 51-Jährige. Als sie erfuhr, dass ihr Sohn inhaftiert wurde, kam sie schlagartig in die Wechseljahre, ergraute von einem Tag auf den anderen. "Marcel zurück in die Freiheit holen, das ist alles, wofür ich im Moment lebe."
Norbert Witte bleiben zwei Wohnwagen - und Optimismus
Die Sache mit Marcel hat ihrer zerrütteten Ehe den Rest gegeben. "Ich verzeihe ihm das nicht", sagt Pia Witte über ihren Mann, von dem sie mittlerweile geschieden ist. "Ich kann es einfach nicht."
Ihr Traum ist ein Imbissanhänger, mit dem sie sich selbständig machen kann. "Ich muss mein eigenes Geld verdienen, selbst für mich sorgen, sonst geh ich unter."
Ihr Ex-Mann kampiert in zwei Wohnwagen auf dem verwahrlosten Spreepark-Gelände. Seinen Unterhalt verdient er mit dem Bau von Holzbuden für Volksfeste. Wo einst der Autoscooter stand, hat er eine Werkstatt eingerichtet. "Die größten Buden auf dem Weihnachtsmarkt vor der Alexa in Berlin habe ich gebaut", sagt Norbert Witte und kann sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen.
Norbert Witte gibt nicht auf, ein letztes Mal will er das große Rad drehen. "Einmal Schausteller, immer Schausteller", sagt er und lacht. "Ich hab immer ganz viel oder gar nichts." Ob er in diesem Leben - auf dieser Achterbahn - noch einmal die Kurve kriegt? "Ich bin gespannt, ob ich es noch einmal nach oben schaffe."
So tief unten wie jetzt war Norbert Witte noch nie. Eltern seien da, um ihre Kinder zu schützen, sagt er. "Ich habe also komplett versagt." Ein Satz, der ihm nicht leicht über die Lippen geht. Ein Satz, der Pia Witte nicht tröstet.
Im Frühjahr hat sie ihren Sohn zuletzt im Gefängnis besucht. "Die Verzweiflung und Panik in den Augen meiner Mutter werde ich nie vergessen", sagt Marcel am Telefon.
Angst, die sich nicht wegschminken lässt. Mit keinem Make-up der Welt.
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