Aus Los Angeles berichtet Gregor Peter Schmitz
Es ist eine Erwachsenenwelt in den Holmby Hills, wo das sündhaft teure Beverly Hills am teuersten ist. Massiv lugen gewaltige Villen hinter hohen Zäunen hervor, Wachmänner patrouillieren, an den Ampeln halten Kameras fest, wer wo wann wohin abbiegt. "No parking overnight" steht streng auf roten Schildern, obwohl Parken ohnehin dadurch erschwert wird, dass es auf den noblen Wegen weder Parkplätze noch echte Bürgersteige gibt. Nirgendwo spielt ein Kind auf der Straße.
Doch im North Carolwood Drive, ganz oben in den Hügeln, hält eine kindliche Oase einsam die Stellung. Ein weißer Stoffteddybär sitzt schräg auf der Straße neben einem träge blickenden Stoffhund, drei Luftballons schaukeln schlapp, verlieren langsam ihre Luft. "We love you, Michael!", steht auf einem Schild am Straßenrand, in krakeliger Kinderschrift, "Moonwalk to Heaven!" fordert ein weiteres Plakat.
Ruhig näher ran an die Stofftiere, die Luftballons und die Krakelschrift, gestikuliert der Polizist. Bloß weg von der Straße, wo die Erwachsenen mit den gefährlichen großen Autos fahren.
Hat sich auch Michael Jackson hier so hin- und hergerissen gefühlt zwischen einer heilen Kinderwelt und der Erwachsenenwelt, mit der er nicht mehr klarkam?
Freunde berichten US-Medien, dass sein Körper am Ende übersät gewesen sei von Einstichen, Krankenschwestern behaupten, er habe sie angebettelt um immer stärkere Drogen. Darunter Betäubungsmittel wie das gefährliche Narkotikum Propofol, auf das sonst nur Ärzte Zugriff haben. Glaubt man den Klatsch-Websites Hollywoods, die sich einen nahezu minütlichen Kampf um die letzte Jackson-Enthüllung liefern, soll der King of Pop jede Menge Tarnnamen für immer neue Drogenbestellungen benutzt haben - von Omar Arnold bis Jack London. Jetzt hat sich gar die US-Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) in die Untersuchungen eingeschaltet. Sie könnte gegen Ärzte ermitteln, die Jackson diese Medikamente verschrieben haben.
Was auch ohne Untersuchung feststeht: Michael Jackson war ein sehr einsamer Mensch. Wie einsam, das haben die vergangenen 24 Stunden in aller Brutalität offengelegt. Denn die Debatte um seine Beerdigung entwickelte sich zu einem öffentlichen und widerlichen Geschacher.
Jacksons vielköpfige Familie, deren Lebensversicherung Michaels Stimme war, hat offenbar ihre ganz eigene Art der Trauerbewältigung: Der Sohn darf erst unter die Erde, wenn sein Abschiedsticket meistbietend verhökert ist. Eine Feier auf Jacksons geliebter Neverland Ranch, eher abgelegen rund zwei Stunden von Los Angeles entfernt in den Bergen Santa Barbaras, erfüllte die Kriterien wohl nicht. Die werde es dort nicht geben, erklärte am gestrigen Mittwochnachmittag ein Sprecher der Familie.
Damit entfällt die öffentliche Aufbahrung, die für Freitag angesetzt war und für die bereits Tausende Fans vor der Ranch ausharrten. Der Ansturm von vielleicht bis zu 750.000 Fans wäre für den kleinen Ort vielleicht zu viel gewesen, auch die Straße nach Neverland ist bloß zweispurig. Polizisten rechneten damit, dass Autos von Fans und Reportern sich ohne Unterbrechung 125 Meilen lang von Los Angeles gestaut hätten. Kurz: Die Trauerinfrastruktur fehlte, so würde es der Jackson-Familienrat wohl umschreiben.
Stattdessen soll laut US-Medienberichten nun für den kommenden Dienstag ein Abschiedskonzert im riesigen Staples Center in Los Angeles geplant sein. 20.000 Plätze hat das, der Rest der Fans soll draußen per Leinwand zuschauen und mitfeiern. Schon wird über die Ticketpreise spekuliert. Das Staples Center, das angrenzende Nokia Theatre, das ebenfalls genutzt werden soll und die Plaza davor gehören praktischerweise der AEG-Live-Gruppe, die auch Jacksons 50 Abschiedskonzerte in London organisieren wollte. Die will die entgangenen Konzertgewinne vermutlich schnell wieder reinholen.
Darum muss man sich keine Sorgen machen: Immerhin dominiert Jackson derzeit wieder die Hitparaden, viele unveröffentlichte Songs soll er hinterlassen haben. Die werden bald zu hören sein: Erst der tote gefallene Star ist wieder ein echter Star. Ein gigantisches Abschiedskonzert wäre für eine neue Vermarktungswelle ein idealer Auftakt. Dass es bis dahin nun noch fast eine Woche dauert, kann dem Geschäft nicht schaden. Erwartungen schüren, dieser Marketing-Trick funktioniert auch im Todesfall.
Am heutigen Donnerstag darf CNN live aus dem Inneren der Neverland Ranch berichten. Am gestrigen Mittwoch tauchte ein fünf Seiten langes Testament auf, das Jackson angeblich 2002 erstellt hatte. Ein CNN-Reporter wedelte damit vor der Kamera herum, die Stimme zitternd vor Aufregung, verlas er die Enthüllungen: Dass Jackson etwa die 65 Jahre alte Soul-Königin und langjährige Freundin Diana Ross als Vormund für seine drei Kinder eingesetzt hat, sollte seiner Mutter Katherine etwas zustoßen. Und: Dass Jackson seine Ex-Frau Debbie Rowe enterbte - wie auch Vater Joe, der ihn in seiner Kindheit regelmäßig geschlagen haben soll.
Durchaus ärgerlich für Joe Jackson. Das Vermögen seines toten Sohnes wird trotz aller Schulden noch auf bis zu 500 Millionen Dollar geschätzt, vor allem wegen dessen Beteiligung am Song-Katalog der Beatles. Die fließen nun in den Michael Jackson Familiy Fund, der in erster Linie seinen Kindern zugute kommen soll. Vater Joe blickt daher derzeit bei Presseauftritten schon nach vorne: Statt vieler Worte über den toten Sohn spricht er lieber vom neuen Musiklabel, das er gegründet hat - und das wohl auch die Songs von Michael vermarkten wird.
Wo der nach dem Abschiedsspektakel eigentlich begraben werden soll, will sein Vater hingegen nicht sagen. Übrigens: Sollte Jackson nächste Woche Dienstag im Staples Center verabschiedet werden, muss ihm ein populärer Zirkus weichen. Darin werden etwa Elefanten den jubelnden Massen in der Manege vorgeführt. Ein Spektakel löst eben das andere ab.
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH