Aus Los Angeles berichtet Gregor Peter Schmitz
Los Angeles - Fast zweieinhalb Stunden lang hat sie nun die knallharte Nachrichtenfrau gegeben. Sie hat in Block 110, Reihe 14, des Staples Center in Los Angeles simultan ihr iPhone bedient und mit dem Blackberry Nachrichten verschickt. Sie hat Twitter-Updates alle paar Minuten geschrieben, sie hat Kollegen angetextet. Sie hat sich, ganz Profi, beklagt, dass die Fernsehquoten bei vielen Michael-Jackson-Beiträgen so toll auch wieder nicht gewesen seien. Der Sommer halt, der vergraule die Zuschauer.
Sie ist eine junge Reporterin von einem TV-Sender in Los Angeles, zuständig für das Morgenprogramm. Los Angeles ist einer der härtesten Fernsehmärkte der Welt, ihre Mutter hat ihr gesagt, sie solle doch lieber Jura studieren, "aber ich mag es hier". Und als wolle sie es ihrer Mutter zeigen, bleibt sie ganz die kühle News-Lady, auch wenn oben auf der Bühne die Gefühle hochkochen bei der Trauerfeier für Michael Jackson (lesen Sie hier das Protokoll der Zeremonie).
Selbst als Mariah Carey "I'll be there" schluchzt, als der blinde Stevie Wonder Jacksons frühen Tod am Klavier beklagt, als R&B-Star Usher "Gone too soon" haucht. Aber jetzt kann sie sich nicht mehr halten. Die Fernsehfrau ist aufgesprungen, sie klatscht, sie fragt ihre Nachbarin nach Taschentüchern. Die Tränen kommen.
Auf der Bühne, ein paar Schritte entfernt von Jacksons goldenem und rosenbedecktem Sarg, steht eine Familie. Die Jacksons: Die Schwestern Janet und La Toya, die Brüder Jamie, Marlon, Jermaine, Jackie, Tito mit identisch gelben Krawatten, einst bildeten sie gemeinsam mit Michael die berühmten "Jackson Five".
Sie drängen sich aneinander, sie umringen ein kleines Mädchen, dessen Gesicht kaum jemand kennt, zögernd bewegt sie sich auf das Mikrofon zu. Es ist Paris Michael Katherine Jackson, die Tochter des "King of Pop", elf Jahre alt. Sie ist das jüngere der zwei gemeinsamen Kinder von Jackson und Debbie Rowe. Er schirmte sie wie seine beiden anderen Kinder vehement von der Öffentlichkeit ab, er ließ sie nur mit Masken auftreten, viele hielten sie für Opfer einer Freak-Show.
Aber nun steht ein hübsches Mädchen auf der Bühne, eine trauernde Tochter. Tante Janet streichelt ihre Haare. "Seit meiner Geburt war Daddy der beste Vater, den man sich vorstellen kann", ruft Paris Jackson den 20.000 Zuschauern in der Halle zu. "Ich will nur sagen: Ich liebe ihn." Die Stimme der Tochter bricht, Tränen schießen ihr in die Augen, sie kann den Satz kaum noch beenden. "Ich liebe ihn so sehr."
Die TV-Reporterin weint in ihrer Reihe, ringsum fließen die Tränen hemmungslos. "Michael, je t'aime" ruft eine Französin laut ins Rund, "Michael, wir alle lieben dich", hallt es aus einer Ecke des Saales. Es ist der Höhepunkt einer Trauerfeier, die geschafft hat, was kaum jemand den Jacksons zugetraut hatte, die oft eher als perfekt vermarktete Showbiz-AG denn als Familie gelten: ein rührender Abschied von einer Person, nicht bloß einer Show-Persönlichkeit.
Erwartet worden war ein Zirkus. Schon wegen des Theaters um die 17.500 Tickets, um die sich 1,6 Millionen Menschen online balgten. Mehrere Meilen um das Staples Center sperrte die Polizei ab, über 3000 Polizisten waren im Einsatz, so viele wie seit der Olympiade 1984 nicht mehr. Die großen TV-Sender flogen in Kompaniestärke ein, der rote Teppich sollte länger als bei den Oskars sein. Im Staples Center kostete die "Souvenir-Coke" 5,25 Dollar, die Straßenhändler ringsum boten "Jackson-Dollars" an.
Aber nur rund tausend Neugierige versammeln sich ohne Eintrittskarte um das Zentrum, dabei hatte die Polizei von Los Angeles bis zu 700.000 erwartet. Ihre Warnungen, der Gegend um die Halle ohne Tickets fernzubleiben, fruchteten offenbar. Und auch manches bekannte Gesicht aus Jacksons Umgebung fehlt. So lässt Hollywood-Diva Elizabeth Taylor, eine langjährige enge Freundin des Stars, mitteilen, sie trauere lieber im Privaten. Die Feier bezeichnete sie als großes Tamtam.
Es sind 150 Minuten Erinnerungen an einen anderen, einen menschlichen "King of Pop" - doch auch an einen großartigen Künstler. Berry Gordy, Chef der Plattenfirma Motown, erinnert sich, wie Jackson ihm zum ersten Mal vorsang und er einfach nicht glauben konnte, dass der zehnjährige Knirps wie ein weiser Mann klang. "Der Titel 'King of Pop' genügt nicht", urteilt Gordy. "Er war einfach der größte Entertainer der Welt." Da erhebt sich der Saal geschlossen, die Menschen applaudieren stehend.
Ein rasanter Videozusammenschnitt erinnert an dieses musikalische Vermächtnis. Die raschen Bass-Töne aus "Billie Jean", der legendäre Moment, in dem Jackson der Welt zum ersten Mal den Moonwalk präsentierte, die Videoszenen aus "Thriller", die ersten Mega-Hits der Jackson Five.
Doch der zweite Teil des Videos beleuchtet die andere Seite der Persönlichkeit Jacksons: Seine humanitäre Arbeit. Er stand im Guinness-Buch der Rekorde als Popstar mit den meisten Spenden für Wohltätigkeitsprojekte.
Und seine Liebe zu Kindern. Das Thema wird nicht ausgespart, einige Redner spielen auf die Skandale um Missbrauchsvorwürfe gegen Jackson an. "Es gab traurige Momente", sagt Motown-Chef Gordy. Doch der bekannte afro-amerikanische Bürgerrechtler Al Sharpton donnert den Kindern zu: "Euer Vater war nicht seltsam. Seltsam waren die Dinge, mit denen euer Vater umgehen musste."
Die Video-Mitschnitte zeigen Jackson unverzagt mit Kindern. Der zwölf Jahre alte Brite Shaheen Jafargholi singt einen Jackson-Hit, er dankt dem verstorbenen Star mit bewegter Stimme für seinen Einfluss. Zum Abschluss-Song "We are the World" kommen Kinder auf die Bühne, wie bei vielen Jackson-Auftritten.
Die Zuschauer bleiben danach vor der Bühne stehen, bis Schwester Janet noch einmal ans Mikro tritt und ihnen sagt, die Familie komme zuerst - aber dann schon kämen die Fans. Draußen vor dem Staples Center warten Tausende, sie wischen sich die Augen, sie sprechen in die TV-Kameras, klagen, die Ära von Elvis, Sinatra, Jackson sei vorbei. "Wir werden nie mehr diese Art von Entertainment erleben."
Aus den abfahrenden Autos klingen in den Lokalsendern schon die ersten Hits aus dem Konzert, eine CD oder eine DVD wird sicher in Rekordzeit erscheinen. Auch sonst gilt: The show must go on. Für den 3. August ist die nächste Gerichtsverhandlung um Jacksons Nachlass anberaumt. Ermittlungen gegen Jackson-Doktoren wegen Medikamentenmissbrauch laufen.
Genügend neue Storys also. Die TV-Reporterin aber steht noch drinnen, auf ihrem Platz in Reihe 14. Sie macht Fotos mit ihrem iPhone. So viel Zeit muss für Michael Jackson sein, auch im knallharten Los Angeles.
Lesen Sie hier das detaillierte Protokoll der Zeremonie.
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