Von Marc Pitzke und Marc Hujer
Hamburg - Das Fest kann beginnen, doch der Gastgeber fehlt. Ein Zelt ist errichtet, das Buffet steht bereit, zur Vorspeise gibt es Mozzarella mit gelben und roten Cherrytomaten. Keiner wagt, sie anzurühren.
Samstag, 17. Mai 2008: Auf dem Anwesen des Kennedy-Clans in Hyannis Port auf Cape Cod warten die Gäste, ratlos und langsam etwas ungeduldig. Tom Brady ist gekommen, der Football-Star der New England Patriots, auch der einstige Weltrekordsprinter Carl Lewis und ein paar Großsponsoren. Man könnte essen. Aber keiner ist da, der die Geladenen begrüßt.
Es ist der Tag, an dem Ted Kennedys Kampf gegen das Sterben beginnt - und, gar nicht diskret, zugleich der Kampf um seine Nachfolge als Chef dieser letzten, großen Polit-Dynastie Amerikas. Ein Streit, der auch 15 Monate später, mit Kennedys Tod in der Nacht zum Mittwoch, nicht beigelegt ist.
"Es scheint keinen zu geben, der den Stafettenstab übernimmt", sagt der Politologe und Kennedy-Biograf Thomas Whalen von der Boston University.
Dieses jüngste Drama der Kennedys, jenes mythischen Clans, dessen Schicksalsschläge nicht nur die Amerikaner seit Jahrzehnten bewegen, beginnt also an jenem Samstag im Mai 2008, in Kennedys Garten. Die Party soll der Höhepunkt eines ganzen Fest-Wochenendes werden, den Best Buddies gewidmet, der Wohltätigkeitsorganisation von Teds Neffe Anthony Kennedy Shriver.
Aber wie so oft ist es natürlich mehr, ein Festival der Familie: Empfang in der Präsidentenbibliothek John F. Kennedys im nahen Boston, 20-Meilen-Fahrradrennen auf Cape Cod, Hummerspeisung von 1200 Kennedy-Getreuen am Strand von Hyannis, spätabendliches Konzert der Popband B-52s. Denn immer noch und trotz allem verstehen sich die Kennedys als Amerikas "First Family".
Der Anfang vom Ende
Die Blackberrys der Gäste beginnen mit einer CNN-Eilmeldung zu summen. Nur wenige Stunden ist es her, um 8.19 Uhr an diesem Morgen, als der Rettungsdienst einen Notruf aus dem Hause Ted Kennedys bekam. Dort hatte der Senator wie üblich vor dem Frühstück mit seinen Hunden gespielt, aber als er sich zum Kaffee hinsetzen wollte, bekam er einen Krampfanfall.
Nach einem ersten Check-up im Inselhospital von Cape Cod wurde Kennedy per Hubschrauber nach Boston geflogen, ins Massachusetts General Hospital. Dort stellen die Ärzte später einen bösartigen Gehirntumor fest. Sie geben ihm nur wenige Monate. Er würde viel länger durchhalten.
Viele ahnen aber bereits damals: Dies ist der Anfang vom Ende der Dynastie. Mit Ted Kennedy würde der Letzte dieser Familie sterben, der noch Gravität und Respekt wie früher verbreitete, trotz all der Insignien von Macht und Reichtum, mit denen sie sich bis heute umgeben.
Denn hinter dem Klischee-Etikett von "Camelot", wie sie JFKs kurze Ära in Anlehnung an die König-Arthur-Legende verklären, herrschten immer schon Betrug und Missgunst, Skandale und Intrigen. Mit Ted Kennedys Tod brechen diese Fissuren nun in aller Öffentlichkeit auf. Amerikas letztes Königshaus, seit jeher vom Schicksal gebeutelt, steht führungslos vor den Trümmern seiner selbst - und vor seiner größten Bedrohung, der Bedeutungslosigkeit.
"Der Tod des großen Prinzen"
Das offenbarte sich schon direkt nach Kennedys Krampfanfall. Binnen kurzer Zeit drängelten sich Dutzende in seiner VIP-Krankensuite, Angehörige, Freunde, Berater, Polit-Vasallen, selbst entfernte Bekannte. Die Szene habe "an eines dieser mittelalterlichen Gemälde erinnert, die den Tod eines großen Prinzen darstellen", schrieb "Vanity Fair", das den Moment kürzlich rekonstruierte. Eine Szene, die sich jetzt wohl wiederholt haben dürfte.
Sie kamen nicht nur, um Trost zu spenden und Kennedy beizustehen. Wichtigere Fragen gab es zu regeln, makabere Erbfragen, die sie eiskalt auf dem Klinikflur berieten: Wer würde nach seinem Tod die Familie führen, nach außen hin repräsentieren, das politische, gesellschaftliche Banner hochhalten?
Solche Fragen stellten sich früher nie. Ted, Bobby und John F. Kennedy waren einst die Goldjungen, die den politischen Stammanspruch ihres Vaters, des Patriarchen und Ex-Botschafters Joseph Kennedy, in neue Höhen treiben sollten. Der eine wurde Präsident, der zweite Justizminister, der dritte, älteste, unglamouröseste wurde Senator.
Der Kennedy-Fluch
Doch schon da lastete die "Kennedy curse" auf ihnen. Der ominöse Kennedy-Fluch, dem auch diese drei Sonnyboys nicht entkommen würden.
Ihr ältester Bruder Joe, der ursprüngliche Hoffnungsträger, war im Zweiten Weltkrieg gefallen. Schwester Kathleen starb 1948 bei einem Flugzeugabsturz. Schwester Rosemary war das Opfer einer missglückten Lobotomie, die sie für den Rest ihres Lebens schwer hirngeschädigt ließ.
Auch das Aufatmen über das Kennedy-Triumvirat in Washington hielt nur kurz. Innerhalb von fünf Jahren verlor Ted Kennedy beide Brüder durch Attentate. Seine eigene Präsidentschaftschancen verdarb er sich ein Jahr später, als er seinen Wagen von einer Brücke ins Wasser fuhr. Er selbst rettete sich, seine Beifahrerin Mary Jo Kopechne, hilflos zurückgelassen, starb.
Die mythische Strahlkraft von "Camelot" würde aber sogar diesen Skandal überstehen. Selbst als über die Jahre immer mehr Enthüllungsbücher bloßlegten, wie düster es zu JFK-Zeiten wirklich zugegangen war: Affären, Betrug, Krankheiten, Kungeleien mit der Mafia.
Die Kennedys hatten immer schon zwei Gesichter, ein schönes und ein schreckliches. Nur deshalb auch konnten sie Amerikas ewige Hassliebe mit sich selbst so perfekt personifizieren.
Zwischen Suff und Staatskunst
Ted Kennedy rackerte sich derweil im Senat ab, meisterte die Balance zwischen Suff und Staatskunst. Er akzeptierte seine Rolle als Statthalter, als "Löwe des Senats", kämpfte mit allen Kräften gegen seinen Leumund, setzte dem politische Errungenschaften entgegen, die die seiner verstorbenen Brüder bald überschatteten, doch ihren Ruhm erreichte er trotzdem nie.
Die ungebrochene Besessenheit der Welt mit der Klatschmarke Kennedy bediente inzwischen ein anderer: John F. Kennedy Jr., JFKs Sohn. Nach vielen Jahren als Playboy heiratete er 1996 die Publizistin Carolyn Bessette. "John-John", als salutierendes Kind am Sarg seines Vaters ins Gewissen der Nation eingefräst, hatte die besten Aussichten, die Gegenpole des Kennedy-Kosmos erfolgreich zu bündeln - das Private und das Politische, das Mondäne und das Machtvolle.
Doch auch dieser Traum platzte zu früh. Im Juli 1999 stürzte Kennedy mit seinem Sportflugzeug in den Long Island Sound, mit ihm starben seine Frau und seine Schwägerin.
So blieben am Ende kaum Erben übrig. Kathleen Kennedy Townsend, Bobbys älteste Tochter, begrub ihre politischen Ziele 2002 nach einer missglückten Gouverneurskandidatur. Ihr Bruder Bobby Jr. hat sich dem Umweltschutz verschrieben. Teds Sohn Patrick sitzt zwar im Repräsentantenhaus, doch ohne Charisma. Teds Schwester Eunice Kennedy Shriver, die nach dem Tod der Mutter Rose als greise Matriarchin fungiert hatte, starb am 11. August.
Auch Shrivers prominente Tochter Maria Shriver zeigt kein Interesse an einer weiteren politischen Laufbahn. Die Jahre an der Seite ihres Mannes, des scheidenden kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger, haben ihr offenbar gereicht.
Und so eilten schon im Mai 2008 die drei verbliebenen, potentiellen Familienführer an Ted Kennedys Krankenlager: Joe Kennedy II., der älteste Sohn von RFK, Caroline Kennedy, das letzte überlebende Kind von JFK, und Ted Kennedys Frau Vicky. Die Rivalität zwischen Joe und Vicky war spürbar, selbst in dieser bedrückten Atmosphäre. "Joe stritt sich mit Vicky darum, wer das Sagen hatte", zitierte "Vanity Fair" einen Anwesenden. "Die Nachfolgefrage war unausgesprochen, aber klar."
Auch deshalb bestimmte Ted Kennedy schließlich Caroline zu seiner politischen Erbin. Sie sollte den Senatssitz von Hillary Clinton übernehmen, die der frisch gewählte Präsident Barack Obama zur Außenministerin machen wollte. Caroline sagte widerwillig zu, verspielte ihre Chance aber durch ihren offenen Unwillen, im Rampenlicht zu stehen. Ende Januar zog sie ihre Bewerbung zurück.
"Wir haben das unersetzliche Herz unserer Familie verloren", klagten die Kennedys nach Teds Tod, in einer Erklärung, die keinen Namen trug. Bisher war es ihre triste Tradition, dass der jeweils überlebende Bruder die Grabrede für den zuvor verstorbenen hielt. "Wer", fragt der Kennedy-Biograf Thurston Clarke auf der Web-Seite "Daily Beast", "soll nun die Grabrede für den letzten der vier Brüder halten?" Eine Antwort hat er nicht.
Auf anderen Social Networks posten:
entschuldig nicht das andere ! mehr...
Welcher berühmter US-amerikanischer Politiker (außer vielleicht Obama) war/ist nicht mit solchen Lastern (vor-)belastet? mehr...
Ebenso wahr ist aber auch sein Einsatz für "die im Schatten sieht man nicht". (Oder liege ich da völlig falsch?)Meiner Meinung nach hat er politisch jedenfalls mehr erreicht als seine Brüder - ohne der große [...] mehr...
...Teddy, das menschlich traurigste Lichtlein im sonst ja politisch ganz respektablen Kennnedy-clan, läßt die von mir sonst immer und auch weiterhin tapfer verteigten USA wohl (hoffentlich vorübergehend!) in Wunschträumen [...] mehr...
Nun ja, jedem das Seine. Wenigstens hat Kennedy darauf verzichtet, die Moralkeule zu schwingen. Im Gegensatz zu einigen seiner "hochmoralischen" Gegenspieler, die männliche Praktikanten auf der Herrentoilette [...] mehr...
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