Hamburg - Andre Agassi hat in seiner Zeit als Tennisprofi gegenüber seinem Rivalen Boris Becker "Abneigung" empfunden. Das sagte der US-Amerikaner, der in seiner Laufbahn acht Grand-Slam-Titel gewann und seine Karriere 2006 beendete, in einem Gespräch mit dem SPIEGEL.
Nach seinem Sieg über Agassi 1995 im Halbfinale von Wimbledon hatte Becker gesagt, sein Kontrahent sei elitär, unbeliebt unter den Kollegen und bekomme von Turnierdirektoren eine Sonderbehandlung. Dies sei "am allerschlimmsten" gewesen, so Agassi: "Es war sehr persönlich, es ließ eine tiefe Wunde zurück."
Sein öffentliches Geständnis, 1997 das Aufputschmittel Crystal Meth konsumiert zu haben, verteidigt Agassi: "Es gibt zwei Sorten Drogen im Sport: Da ist Doping, also leistungsfördernde Mittel, doch im Tennis wird extrem viel getestet; unser Sport ist sauber. Und da sind andere Drogen, bei mir war es Crystal Meth, und wenn Sportler positiv auf solche Sachen getestet werden, sollten wir sie nicht verdammen, sondern ihnen helfen. Weil sie in Not sind."
Tennis, das Spiel, das ihn zu einem der erfolgreichsten Sportler seiner Generation gemacht hat, habe er "gehasst", sagt Agassi, den sein Vater schon als Kind zum täglichen Training gezwungen hatte: "Ich wollte nicht spielen und musste. Es war das falsche Leben, es war nicht meins."
"Folter und Isolationshaft führen nach oben"
Das professionelle Tennis beschreibt der US-Amerikaner als eiskalten Betrieb: "Getriebene waren wir alle, das ist ja das Brutale: Egozentrik wird belohnt, der Narziss siegt, Folter und Isolationshaft führen nach oben."
Nach seinem Rücktritt habe er Tennis "nicht vermisst", so Agassi: "Ich konnte nie ertragen, dass ich nicht perfekt sein konnte, ich hielt nicht aus, wie sehr Niederlagen weh taten. Es gab da keine Balance: Kein Sieg fühlte sich so gut an, wie eine Niederlage schmerzte."
Erst seine Beziehung zu Steffi Graf, mit der er zwei Kinder hat, habe ihm die Augen geöffnet: "Stefanie hat mir beigebracht, geduldiger zu werden und mir selbst nicht mehr im Weg zu stehen. Ich bin verdammt früh berühmt, aber verdammt spät erwachsen geworden."
Er bewundere "die Art, wie sie ihren Ängsten entgegentritt", sagte Agassi, "sie hat ja ein kraftvolles Leben geführt, ähnlich wie ich: hohe Einsätze, hoher Druck, hohe Erwartungen der ganzen Welt. Sie hat das mit Würde bewältigt, anders als ich."
Für ihn sei Steffi Graf "die Person, die so war, wie ich sein wollte, die sich selbst so genau kannte, dass sie niemals zögerte oder zweifelte. Das ist ja eine dieser Seiten, um die ich sie immer beneidet habe, noch ehe wir uns kannten."
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