Von Annette Langer
Rom - So haben die Italiener den Cavaliere noch nie gesehen: Die linke Gesichtshälfte blutverschmiert, das Gesicht schmerzverzerrt, ungläubig und wütend stand Silvio Berlusconi am Sonntagabend gegen 22 Uhr auf der Piazza Duomo in Mailand. "Hier gibt es Leute, die uns hassen, schämt euch, schämt euch, schämt euch", hatte der Premier vom Pult gewettert. Dann wurde aus seiner Ahnung bittere Realität.
Ein Unbekannter schlug ihm mit einem Souvenir, einer Miniaturausgabe des Doms von Mailand, ins Gesicht. So heftig und unvermutet, dass der Politiker sich beide Hände vor die blutenden Lippen hielt und taumelte. Doch Berlusconi wäre nicht Berlusconi, wollte er nicht auch in einer solchen Situation seinem Image als ganzer Kerl gerecht werden. Er raffte sich auf und rief der aufgeregten Menge zu: "Mir geht es gut! Sie können mich nicht aufhalten!" Dann wurde er ins Krankenhaus San Raffaele gebracht.
"Ich bin das nicht"
Der mutmaßliche Angreifer konnte binnen weniger Momente dingfest gemacht werden. Ein unauffälliger Mann in grauer Sportjacke, ein 42-Jähriger mit glänzenden, unnatürlich geweiteten Pupillen und gehetztem Blick. Seit zehn Jahren soll der Elektriker aus dem kleinen Vorort Cesano Boscone am Poliklinikum von Mailand in psychiatrischer Behandlung sein. Sein Name: Massimo Tartaglia. Neben der Tatwaffe soll er ein Holzkruzifix und eine Flasche Tränengas bei sich gehabt haben.
"Ich bin das nicht", sagte Tartaglia nach der Tat. "Ich bin ein Niemand." Der mutmaßliche Aggressor war zunächst von Zuschauern gestoppt und dann von Sicherheitsleuten des Premiers außer Gefecht gesetzt worden. Kurz darauf nahm die Polizei den Mann fest. Die Menge sei außer sich vor Wut gewesen, hieß es. "Sie hätten ihn gelyncht", berichtete Verteidigungsminister Ignazio La Russa von der Berlusconi-Partei "Volk der Freiheit" (PDL). La Russa hatte Tartaglia laut eigener Aussage vorübergehend vor der aufgebrachte Masse geschützt.
Strafrechtlich gesehen ist der Attentäter tatsächlich ein Niemand, zumindest ein Unbekannter. Ersten Ermittlungen zufolge hat er keine Vorstrafen, lediglich der Führerschein wurde ihm entzogen. Bisher hat die Polizei keinerlei Hinweise darauf, dass er mit organisierten Gruppen oder Extremisten in Kontakt stehen könnte. Derzeit wird die Wohnung des Verdächtigen nach Beweismitteln durchsucht.
Noch in der Nacht wurde Tartaglia vier Stunden lang von der Polizei vernommen und dann ins Gefängnis von San Vittore gebacht. Laut "Corriere della sera" gab er zu, den Premier angegriffen zu haben. Seine Motive bleiben jedoch weiter im Dunkeln.
Er habe die Veranstaltung auf der Piazza Duomo vorzeitig verlassen wollen, weil er mit dem, was Berlusconi sagte, nicht einverstanden gewesen sei, erklärte er den Polizisten. Er sei schon auf dem Weg zur U-Bahn gewesen als er die Limousine des Ministerpräsidenten gesehen und die Schreie der Protestierenden gehört habe. An diesem Punkt sei er umgekehrt und habe plötzlich direkt vor Berlusconi gestanden und ihn mit dem Souvenir geschlagen.
Der Tatverdächtige habe während der Vernehmung benommen gewirkt, sagten die Ermittler. Er muss sich nun wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht verantworten.
"Noch nie jemandem wehgetan"
Tartaglia arbeitet im familieneigenen Betrieb, der unter anderem Alarmanlagen vertreibt. Außerdem unterhält er eine Website, auf der er interaktive Kunst unter dem Label "Elisir" anbietet - kitschige Landschaftsbilder, Spiegel oder abstrakte Darstellungen mit integriertem MP3-Player und Lautsprechern, verziert mit Lämpchen, die im Takt der Musik aufleuchten.
Massimos Vater zeigte sich "konsterniert" über den Angriff seines Sohnes. Er erklärte laut "Stampa", sein Sohn sei "psychisch labil" und nehme deswegen Medikamente, er habe aber "noch nie jemandem wehgetan". Die Familie wähle traditionell die Demokratische Partei (PD), hege aber keinen Hass gegen Berlusconi, so Alessandro Tartaglia. Massimo habe sich nie aktiv in der Politik engagiert, arbeite aber ehrenamtlich für die Umweltschutzorganisation WWF. Der 42-Jährige habe am Sonntagmorgen gegen 11 Uhr das Haus verlassen, niemand habe Verdacht geschöpft. Über Massimos Motive können auch die Eltern nur rätseln: "Wer weiß, was ihm in den Sinn gekommen ist?"
"Exzessive Atmosphäre der Gewalt"
Der Premier soll eine ruhige Nacht im Krankenhaus verbracht haben. Am Morgen sei er mit leichten Kopfschmerzen aufgewacht, habe aber dennoch sofort nach den Morgenzeitungen verlangt, sagte ein Sprecher der Klinik San Raffaele. Berlusconis Fans sorgten umgehend für eine heimelige Atmosphäre: Sie behängten eine Wand des Krankenhauses mit der italienischen Trikolore und einem Spruchband, auf dem zu lesen wahr: "Echte Italiener sind immer bei Dir".
"Ich bin verwundert", soll Berlusconi seinem Freund, dem Journalisten Emilio Fede, im Spital anvertraut haben. Der Ministerpräsident sei nicht verängstigt, betonte dieser später, sondern vielmehr "besorgt ob der exzessiven Atmosphäre der Gewalt" im Land.
Berlusconis Nasenbein ist gebrochen, zwei seiner Zähne zersplittert, die Lippen aufgeplatzt. Fede zufolge soll er noch Glück im Unglück gehabt haben, denn wenn der Angreifer "nur einen Zentimeter höher" gezielt hätte, wäre der Premier heute auf einem Auge blind. Fede hat auch gleich die Schuldigen zur Hand: Gewisse "Politiker und Journalisten" seien schuld an dieser aufgeheizten Stimmung. Von der Tat eines vermutlich geistig verwirrten Einzelgängers kein Wort.
Stattdessen ist von bösen Vorahnungen die Rede. In der Nachrichtensendung Tg 1 des Senders RAI sagte Paolo Bonaiuti, Staatssekretär im Präsidium des Ministerrats, Berlusconi sei "vorausschauend" gewesen. Auf dem Weg zu der Wahlkampfveranstaltung habe der Premier ihn gefragt: "Findest du nicht, dass es ein exzessives Klima des Hasses gibt? Ich fürchte etwas. Hoffen wir, dass nichts passiert."
Der Leiter der Anti-Korruptionspartei "Italien der Werte", Antonio di Pietro, hatte erklärt, Berlusconi selbst provoziere diese Gewalt mit seinem Verhalten und seiner Mir-ist-alles-egal-Haltung.
"Sprecht ihn heilig!"
Mit dem Angriff kam auch die Frage auf, wieso die Sicherheitskräfte nicht in der Lage waren, den Ministerpräsidenten zu schützen. Tatsächlich war es nicht das erste Mal, dass Berlusconi physisch angegriffen wurde. Bereits im Dezember 2004 hatte ihm ein junger Mann aus Mantova in Rom ein Kamerastativ an den Kopf geworfen. Damals trug er eine leichte Verletzung am Hals davon.
"Das Risiko eines Angriffs durch Einzeltäter war den Sicherheitskräften seit langer Zeit bekannt", sagte Emanuele Fiano, Abgeordneter der Demokratischen Partei und Mitglied des parlamentarischen Komitees zur Kontrolle der Geheimdienste. Fiano selbst hatte Mitte Oktober einen entsprechenden Bericht vorgelegt, nachdem auf Facebook eine Gruppe namens "Lasst uns Berlusconi töten" aufgetaucht war.
Tatsächlich geht es in den sozialen Netzwerken bisweilen rau zur Sache. "Santo subito!", "sprecht ihn heilig", forderten Berlusconi-Gegner bei Facebook, eine Bloggerin verstieg sich gar zu einem Antrag via Web: "Heirate mich, ich bitte dich." Gewalt sei keine Lösung, erklären Marco Travaglio und Peter Gomez von der oppositionellen Tageszeitung "Il fatto quotidiano": Zwar lebe man unter dem unfähigsten Premier in der Geschichte der Republik, den die Italiener nicht verdient hätten. Dagegen vorgehen könne man jedoch nur "mit der Kraft der Fakten und Ideen".
Berlusconi unter Druck
Immer wieder wird Berlusconi mit Vorwürfen konfrontiert, ausgezeichnete Kontakte zur Mafia zu haben. Zuletzt hatte der inhaftierte Mafioso und Kronzeuge Gaspare Spatuzza gegen ihn ausgesagt. Der Regierungschef bestritt die Vorwürfe stets: "Schierer Wahnsinn, einfach unglaublich", seien die Verdächtigungen, so Berlusconi.
Zudem läuft gegen den Regierungschef ein Korruptionsprozess, der mittlerweile mehrfach vertagt wurde, zuletzt auf den 15. Januar. Bei dem Prozess geht es um den Vorwurf, Berlusconi habe seinem früheren Anwalt David Mills für Falschaussagen in Prozessen der neunziger Jahre 600.000 Dollar (umgerechnet 400.000 Euro) gezahlt. Dieser und ein weiterer Korruptionsprozess gegen Berlusconi wurden wiederaufgenommen, weil das italienische Verfassungsgericht Anfang Oktober ein Immunitätsgesetz zugunsten Berlusconis für verfassungswidrig erklärt hatte. Mills war in der Sache im Februar zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden.
Ein anderes Verfahren gegen Berlusconi wegen Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung, das ursprünglich Mitte November beginnen sollte, war wegen der Beteiligung des Regierungschefs zu diesem Zeitpunkt am Welternährungsgipfel in Rom auf den 18. Januar verschoben worden. In diesem Prozess wird Berlusconi vorgeworfen, dass sein Konzern Mediaset durch den überteuerten Handel mit Filmrechten schwarze Kassen im Ausland anlegte. So soll das Unternehmen künstlich seinen Gewinn geschmälert haben, um Steuern zu sparen.
Geschadet haben seinem Ansehen auch seine amourösen Eskapaden und sein Scheidungskrieg. Berlusconis einstige Gespielin, ein Callgirl aus Apulien, berichtet in ihren Memoiren von ausschweifenden Partys im Regierungspalast. In den wird der lädierte Premier wohl bald zurückkehren.
ala
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