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18.01.2010
 

Italiens "Vogue"-Chefin

"Elegant, extravagant, einmalig"

Sie ist die mächtige Chefin der italienischen "Vogue". Sie setzt Trends. Sie entscheidet, was "in" ist: zum Beispiel elegante Deutsche. Franca Sozzani spricht mit SPIEGEL ONLINE über Klischees der Mode made in Germany, Berlin als Fashion-Metropole - und die Kluft zwischen Models und normalen Frauen.


SPIEGEL ONLINE: Frau Sozzani, schreiben Sie Ihren Leserinnen vor, wie sie sich anziehen sollen?

Sozzani: Nein, "Vogue Italia" unterscheidet sich von einem herkömmlichen Frauenmagazin dadurch, dass es dem Leser nichts beibringen will. Wir sagen den Leuten nicht, wie sie einen Rock mit einem Pullover und Stiefeln kombinieren können. Figur und Alter der Leserinnen stimmen ja auch selten mit denen der Models überein.

SPIEGEL ONLINE: Die "Vogue" hat ein hehreres Ziel?

Sozzani: Wir bieten einen Traum an, und das mit Shootings, die überzeichnen - mal ironisch, mal dramatisch, als sähe man Szenenbilder eines Films. Es liegt dann am Einzelnen, sich diesen Look zu eigen zu machen und ihn ins Tragbare zu übersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss ein Kleidungsstück haben, um Sie wirklich zu begeistern?

Sozzani: Ich begeistere mich selten für ein bestimmtes Kleid, einen Mantel, eine Hose. Dazu muss man ein "Fashionista" und wirklich besessen sein vom modischen Endprodukt. Was mich dagegen mitreißt, ist das Konzept einer Modenschau, die Idee, die dahinter steckt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Sozzani: Nehmen wir einen Designer wie Alexander McQueen. Man kann ihn mögen oder nicht, doch niemand wird je aus einer seiner Schauen kommen und sagen, der Mann habe keine Visionen, sei kein kreativer Kopf. Was er macht, ist nie banal, wenngleich auch manchmal nicht leicht zu entziffern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Vogue Italia" zur Modebibel gemacht, das Blatt ist fester Bestandteil des internationalen Modebetriebs. War das Ihr Ziel, als Sie 1988 die Chefredaktion übernahmen?

Sozzani: Damals war die "Vogue" eher ein Modekatalog als eine Zeitschrift im herkömmlichen Sinn. Ein hundertprozentig italienisches Produkt, gedacht für ein italienisches Publikum und italienische Designer, eine werkgetreue Abbildung ihrer Schauen. Ich wollte aber, dass sich das Heft international etabliert. Und da Italienisch zwar eine sehr schöne Sprache, jedoch nicht international ist, galt es dies durch ein neues Image zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Um den modischen "Traum", von dem Sie eben sprachen, in Szene zu setzen, haben Sie von Anfang an Starfotografen wie Helmut Newton, Steven Meisel, Bruce Weber, Peter Lindbergh, Ellen von Unwerth, Herb Ritts engagiert. Ist es Zufall, dass mehrere Deutsche in dieser Riege vertreten sind?

Sozzani: Auch Jürgen Teller gehört in die Liste. Die Fotografie hat in Deutschland eine solide Tradition. Und es ist das einzige Land, in dem eine sogenannte Schule der Kunstfotografie entstanden ist. Leute wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer, Thomas Ruff haben nicht nur eine internationale Resonanz, sondern sind die Einzigen, die weltweit als Kunstfotografen anerkannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Eleganz, die Sie suchen, würde man eher bei Italienern und Franzosen vermuten.

Sozzani: Warum? Gerade die deutschen Fotografen haben in der Vergangenheit ein neues Bild der Frau vermittelt. Man müsste sich halt endlich von den Klischees verabschieden. Es heißt noch immer, die Deutschen hätten keinen Geschmack, ich sage aber, genau das Gegenteil trifft zu. Wenn eine deutsche Frau elegant ist, dann ist sie sehr elegant. Denken Sie nur an Karl Lagerfeld - die Eleganz und Extravaganz, die seine Kreationen einmalig machen, leitet er von einem gewissen Frauenbild ab, das er selbst gesehen und erlebt hat.

SPIEGEL ONLINE: Kann man bei Lagerfeld oder Jil Sander, Joop oder Gabriele Strehle eine deutsche Handschrift erkennen?

Sozzani: Das würde ich nicht sagen. So wie wir Italiener nicht mehr an der Renaissance gemessen werden wollen, hat es keinen Sinn, die Deutschen auf ihre Rationalität, auf ihren Ordnungssinn zu reduzieren. Noch dazu in einer Zeit, in der man sich problemlos per Flieger oder Internet von einem Kontinent zum anderen bewegen kann.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin findet seit einigen Jahren die Fashion Week statt. Hat die Stadt, was es braucht, um sich früher oder später auch unter den Modemetropolen zu etablieren?

Sozzani: Ich bin von Berlin sehr angetan. Architektonisch ist dort Grandioses geschaffen worden. Es gibt eine Vielzahl einmaliger Museen, von denen Mailand nur träumen kann. Berlin ist aber nicht die Stadt, die einen zu etwas inspirieren kann, man muss selbstie Anregung suchen.

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Zur Person

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Die MailänderinFranca Sozzani, 60, ist seit 1988 Chefredakteurin von "Vogue Italia" und gilt neben Anna Wintour, Chedredakteurin der US-"Vogue", als einflussreichste Modejournalistin der Welt. Zum 20. Jahrestag ihrer Arbeit als Chefredakteurin machte "Vogue Italia" mit einer Black Issue Furore: Die Ausgabe vom Juli 2008 war ausschließlich schwarzen Models gewidmet.

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