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30.04.2010
 

Botox-Krise in Hollywood

Genug geschnippelt, gezupft, gezogen!

Von Patricia Dreyer

Beautytrends: Fältchen, Fembots, Barbies
Fotos
Getty Images

TV-Sternchen Heidi Montag, 23, wird in US-Medien wegen ihres multi-silikonverstärkten Körpers abgestraft. US-Schauspielerin Betty White dagegen erlebt im Alter von 88 Jahren eine Showbiz-Renaissance. Ist Hollywood reif für eine neue Zeitrechnung - für Gesichter ohne Botox?

Eine Football-Mannschaft beim Training, junge, kräftige Kerle allesamt. Der Boden ist aufgeweicht und schlammig. Mittendrin, im zartblauen Trainingsanzug, eine alte Dame, die, zittrig und so gut es eben geht, mitzuhalten versucht. Plötzlich wird sie von einem Spieler gerammt und in den Dreck gerissen. "Ey, was ist los mit dir?", schnauzt sie ein Teamgefährte an, "du spielst wie Betty White." "Ach ja?", kommt die kecke Antwort, "deine Freundin sagt aber was anderes." Dann beißt die Seniorin in einen Schokoriegel - und verwandelt sich in ihr Original-Ich zurück, einen jungen, energiegeladenen Burschen.

Die Oma auf dem Spielfeld ist in der Tat Betty White, Schauspielerin, 88 Jahre alt. Die Szene stammt aus einem Werbespot, der - höchste Weihen des amerikanischen Kommerz - während der diesjährigen Superbowl-Übertragung ausgestrahlt wurde, mehr als hundert Millionen Menschen sahen zu.

Und liebten Betty.

Die Greisin erlebt seit einigen Monaten eine unverhoffte Renaissance im amerikanischen Showgeschäft - seit sie in Sandra Bullocks Komödienerfolg "The Proposal" in einer Nebenrolle als schrullige Ur-Alte zu sehen war. So verknallt ist Amerika in die fesche selbstironische White, dass ihr am 8. Mai der Ritterschlag verliehen wird: Sie wird als Gastgeberin der Kult-Comedy-Show "Saturday Night Live" fungieren.

Ein Gag, sicher - doch die Reverenz, die White dieser Tage zuteil wird, speist sich aus dem tiefen Respekt, den die Branche für einen ihrer verdientesten Profis (s. Kasten linke Spalte) empfindet.

Betty White, ein Sexsymbol? "Unbedingt!"

Whites Stimme mag mittlerweile brüchig sein, aber noch immer liefert sie die Punchline eines Gags so treffsicher und präzise, dass Kollegen hingerissen sind und staunen.

Ob sie denn tatsächlich ein Sexsymbol für die jüngere Generation sei, fragte CNN-Inquisitor Larry King die 88-Jährige in seiner Talkshow - selbst Kino-Vampir Robert Pattinson, 23, hatte zuvor solcherart von White geschwärmt. "Unbedingt!", antwortete White prompt. "Nicht, dass ich mich selbst dafür halte, aber man kann vor einer Tatsache ja nicht die Augen verschließen."

Was Amerika jedoch vor allem an Betty White zu genießen scheint, ist eine reine Äußerlichkeit - aber was für eine. Endlich, vor einer Filmkamera: ein altes Gesicht! Mit Falten!

Ein Antlitz, das tatsächlich Lebensspuren aufweist, ist 2010 in Los Angeles, Zentrum des Big-Business-Kinos, eine echte Rarität.

Glatte Stirn, starre Augenpartie, Apfelbäckchen

Hollywood und seine VIP-Chirurgen waren besonders während der vergangenen zwei Jahrzehnte so besessen davon, jedes naturgegebene Körpermerkmal zu modellieren, wegzulasern oder aufzupolstern, dass jegliche Authentizität aus den Gesichtern von Stars über 30 verschwand.

Bei den Frauen - und Männern - wurde geglättet, begradigt, festgezurrt, eingeebnet und aufgespritzt. An den Schenkeln wurde abgesaugt, die Pos wurden ausstaffiert, an den Hälsen die Haut gerafft, Busen wurden aufgerüstet und hochgelagert. Das Ergebnis ist grotesk, an Beispielen für getunte Plastikgesichter herrscht kein Mangel.

Renée Zellwegers Zahnreihen sind mittlerweile so blendend weiß, als würden sie des Nachts ins Wasserstoffperoxid eingelegt. Bei jedem Close-up der Schauspielerin ist der Zuschauer von diesen surrealen Porzellan-Beißern wie geblendet.

Nicole Kidmans Stirn ist so makellos wie die Oberfläche eines gefrorenen Fischteichs. Wenn sie in einer Filmszene kritisch gucken muss, wird man die Runzeln vermutlich durch computergenerierte Effekte zu simulieren haben.

Sandra Bullocks Augenpartie wirkt wie mit unsichtbaren Strippen an ihren Schläfen festgezurrt und Madonnas Apfelbäckchen prangen so aufgesetzt in ihrem auf skurrile Weise properen einundfünfzig Jahre alten Gesicht, dass sie neben ihrer 13-jährigen Tochter aussieht wie deren Schulfreundin - Madonna dürfte dies als Kompliment auffassen.

"Hollywood schuf die perfekte Frau. Jetzt will es die alte wiederhaben"

Was in den achtziger Jahren noch gang und gäbe war bei Hauptdarstellern in Hollywoodfilmen - individuelle Körpermerkmale wie schiefe Zähne, schütteres Haar, pockennarbige Gesichter, faltige Hälse oder knabenhafte Brüste - schien zuletzt gänzlich von den Leinwänden getilgt.

Doch jetzt - und dafür scheint die Wiederentdeckung der Betty White ebenso Indiz zu sein wie die Oscar-Nominierung einer Gabourey Sidibe oder der Umstand, dass die 60-jährige Meryl Streep als Heldin einer Liebeskomödie ("It's complicated") agieren darf, und diese auch noch finanziell erfolgreich ist - schlägt dem absoluten Schönheits- und Jugendwahn die Stunde.

"Hollywood schuf die perfekte Frau. Jetzt will es die alte wiederhaben", frohlockte kürzlich die "New York Times". Manager von Prominenten würden demnach inzwischen von Casting-Agenturen dazu ermuntert, ihren Klienten von Schönheitsoperationen abzuraten. Regisseure, schreibt die "NYT", seien es leid, die ewig gleichen, von Botox gelähmten Gesichter und stromlinienförmigen Körper zu zeigen.

"Hier in Hollywood sieht jeder aus wie eine Dragqueen oder eine Stripperin", klagt laut "NYT" auch Marcia Shulman, die beim Sender "Fox" für die Besetzung von Fernsehshows zuständig ist.

"Wenn sie wie ein Fake aussehen, beeinträchtigt das ihre Chancen"

Zugleich sorgte der Disney-Konzern für Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass man für den vierten Teil des "Fluch der Karibik"-Klamauks weibliche Statisten suchte, die ihren Busen nicht operativ verändert hatten. Kein leichtes Unterfangen. Der Regisseur Peter Weir ließ vor einigen Jahren sein historisches Seefahrer-Abenteuer "Master and Commander" in Australien und Neuseeland casten - Hollywood-Gesichter, so befanden Weirs Besetzungsagenten, seien "zu glatt, zu schön" - und zu uninteressant.

"Tits and Ass" hieß im Musical "A Chorus Line" in den achtziger Jahren die Hymne auf Prall-Busen und Knack-Popo, die es beim Chirurgen zu kaufen gebe.

"Diese Ära ist vorbei", sagte nun der Regisseur Shawn Levy ("Date Night") der "NYT". "Das wirkt heute lächerlich. Vor zehn Jahren glaubten Schauspielerinnen noch, sie müssten sich operieren lassen, um eine bestimmte Rolle zu bekommen. Heute spricht ein Eingriff gegen sie. Wenn sie zum Casting kommen und wie ein Fake aussehen, beeinträchtigt das ihre Chancen auf die Rolle erheblich."

Die ganze Wucht dieses neuen "Pfui, Schönheits-OP!"-Trends bekam zuletzt TV-Sternchen Heidi Montag zu spüren, die sich brüstete, sich zehn kosmetischen Operationen binnen 24 Stunden unterzogen zu haben, O-Ton: "Ich bin jenseits von besessen."

Die 23-Jährige wurde nach diesem Bekenntnis medial geschlachtet. Als "Fembot", weibliche Roboter, geißelte der Blog "Daily Beast" Frauen wie Montag, die im Übermaß mit Silikon aufrüsten.

"Lebende Barbie-Puppen"

"Niemand altert mehr", klagt auch Model Paulina Pozikova in einem Beitrag für den Blog "Modelina", ironischerweise eine Art Zentralorgan des schönen Scheins. "Jedes Lächeln ist perfekt, und Menschen über 35 ist es unmöglich, grimmig auszusehen. Vergleichen Sie Audrey Hepburn, Jane Birkin oder Jean Harlow mit Heidi Montag - das ist so, als wollten Sie eine Matratze der schwedischen Betten-Manufaktur Hästens gleichsetzen mit einem billigen Pool-Schlauchboot."

Dennoch gehe die Rechnung der "Fembots" auf, warnte "Daily Beast" - die "lebenden Barbie-Puppen" hätten mittlerweile in der Klatschpresse eine als selbstverständlich akzeptierte Daseinsberechtigung, wenngleich ihr Ruhm auf nichts anderem fuße als auf opulenten Operationen. So könne Heidi Montag trotz - oder wegen - der miserablen Presse zwei neue Filmangebote vorweisen.

Auch bei "New York Times"-Autorin Laura M. Holson mag sich die Euphorie nicht vollends Bahn zu brechen. Der Trend zur kosmetischen Operation auf Biegen und Brechen möge der Vergangenheit angehören - doch der Bedarf an exzellenten Eingriffen, die kaum mehr nachweisbar seien, sei ungebrochen.

Auch Betty White taugt in Sachen OP-Enthaltsamkeit offenbar nur bedingt. Bevor sie als rüstige Seniorin in der Sitcom "Golden Girls" selbstironisch gegen die Klischees des Älterwerdens zu Felde zog, soll auch sie sich ein paar kleine Zupfer gegönnt haben, so argwöhnte zuletzt der Onlinedienst TMZ. Widersprochen hat White den Gerüchten bislang nicht.

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Zur Person

AFP

Betty White, 88, tummelt sich seit fast siebzig Jahren im amerikanischen Showgeschäft. Bereits Anfang der Fünfziger war sie der Star der Fernseh-Sitcom "Life with Elizabeth". In den siebziger Jahren stellte White in der "Mary Tyler Moore Show", die zum Kanon amerikanischer TV-Unterhaltung gehört, die Hauptdarstellerin in den Schatten - sie spielte einen nymphomanen Vamp.

Die herzige Doofe dagegen gab sie in den Achtzigern in der auch in Deutschland enorm populären Serie "Golden Girls", die von vier Seniorinnen handelte, die es im Rentnerghetto Florida noch mal richtig krachen lassen - in jeder Beziehung.

1983 wurde ihr als bestem Moderator einer Quizsendung ein Emmy verliehen - ein Novum in der Geschichte des Fernsehpreises.







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