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Abgabestelle für Tiere in Not: Klappe zu, Pferd weg

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Pferde: Klappe zu, Pferd lebt Fotos
SPIEGEL ONLINE

Petra Teegen betreibt in Schleswig-Holstein die einzige Pferdeklappe Deutschlands. Anonym geben Reiter hier ihr Pferd ab, wenn sie es nicht mehr haben wollen. Abgemagert, krank und verwahrlost kommen die Tiere an. Nicht alle können vor dem Tod gerettet werden.

Sie isst ein Salamibrötchen mit extra Zwiebelsalz, als das Telefon klingelt. Petra Teegen nimmt den Anruf entgegen. Die Frau am anderen Ende der Leitung weint. Teegen spült den Bissen mit einem Schluck Kaffee hinunter. Und hört zu. "Ich weiß nicht mehr weiter, Sie sind meine allerletzte Hoffnung", sagt die aufgelöste Anruferin. Im Hintergrund krakeelen kleine Kinder.

Sie ist Anfang 30, hat einen Beruf, einen Mann und drei Kinder - und ein krankes Pferd. Die Frau, die anonym bleiben möchte, kann das Tier nicht mehr versorgen. "Die drei Kinder nehmen mich völlig in Anspruch, ich kriege es zeitlich nicht mehr hin", sagt sie. Das Pferd hat eine Lungenkrankheit, sie sollte eigentlich zweimal am Tag in den Stall fahren, um es medizinisch zu versorgen. Außerdem wird das Geld knapp. Das Haus ist noch nicht abbezahlt. Also muss das Pferd weg.

Aber wer kauft ein lungenkrankes Pferd? Niemand. Nicht einmal geschenkt wollte es jemand haben. Das Tier einschläfern zu lassen, wäre die einzige Möglichkeit für sie, die Familie vor dem finanziellen Ruin und sich selbst vor der Selbstaufgabe zu retten. Doch dann stieß sie auf die Pferdeklappe.

"Der Klassiker", sagt Teegen nach dem Gespräch. Um die zwei Anrufe dieser Art bekomme sie täglich. Die 60 Jahre alte Frau betreibt in Norderbrarub in Schleswig-Holstein die einzige Pferdeklappe Deutschlands. Das Prinzip: Anonym stellen in Not geratene Hobbyreiter wie die Frau am Telefon ihr Pferd auf eine Koppel in Norderbrarup bei Flensburg. In einer Plastikbox am Zaun hinterlegen sie den Equidenpass, eine Art Personalausweis für das Pferd. Damit treten sie sämtliche Besitzansprüche ab, das Tier gehört nun Petra Teegen.

Sie bringt es vorerst auf ihrem Reiterhof unter. Zurzeit stehen bei ihr zwölf Pferde aus dem Reitbetrieb und zwei Klappenpferde. Platz hätte sie im Extremfall für 15 Klappenpferde. Die gelernte Krankenschwester widmet ihr ganzes Leben den Pferden. Das letzte Mal im Urlaub war sie Mitte der neunziger Jahre. Ihre Hände sind schwielig von der Arbeit auf dem Hof, sie kann nicht mehr lange stehen oder schwer heben von der jahrelangen Schinderei. Aber sie jammert nicht. Teegen lacht laut, gestikuliert groß und bemuttert Mensch und Tier.

Der Neuankömmling wird vom Tierarzt untersucht, entwurmt und geimpft. Dann verkauft Teegen es weiter. "Ich habe eine lange Liste an Pferdeliebhabern, die so ein Tier bei sich aufnehmen wollen", sagt sie. Ihre Pferde-Community ist riesig. Der Verkaufspreis liegt mindestens bei den bis zur Abholung durch seinen neuen Besitzer entstandenen Kosten, auf jeden Fall aber über dem eines Schlachtpferdes. "Damit hier kein Schlachter billig an Fleisch kommt." Rund 90 Euro seien das meist.

Wenn das Pferd der verzweifelten Frau vom Telefon erst mal in Norddeutschland steht, versorgt und weiterverkauft wird, dann wäre die Geschichte von Petra Teeges an dieser Stelle zu Ende erzählt. Aber: Die Tiere sind meistens in einem erbärmlichen Zustand, wenn sie die Koppel erreichen. "Die Reiter zögern bis zum letzten Moment die Abgabe hinaus", sagt Teegen. Rund 300 Euro kostet das Hobby im Monat. Wenn aus der Familie jemand plötzlich erkrankt oder seinen Job verliert, wird das Pferd schnell zur untragbaren finanziellen und zeitlichen Belastung. Trotzdem würden sich nur wenige Besitzer sofort von ihrem Tier trennen.

Teegen vergleicht die Bredouille der Pferdebesitzer mit Magersucht: "Die Tiere werden immer dünner und verwahrlosen, aber die Besitzer sehen das überhaupt nicht mehr." Sie würden heimlich hoffen, das Problem würde sich doch noch plötzlich lösen und sie könnten ihr Pferd behalten. Wochen und Monate stünden manche Pferde deshalb in ihren dreckigen Ställen, ohne Futter, Auslauf oder medizinische Versorgung.

So wie die Holsteiner Stute Hanja. Am Ende fraß sie Hühnerfutter, bestand nur noch aus Knochen, Fell und Sehnen. Die Rippen lugten hervor, Ekzeme juckten auf ihrer Haut, und sie hatte sich an den Gelenken wundgelegen. Dann kam sie auf den Hof von Teegen. Heute tollt das 21 Jahre alte Pferd mit den anderen auf der Koppel herum.

Für die arthritische Stute Bille allerdings konnte Teegen nichts mehr tun. Sie blieb bislang das einzige Klappenpferd, das eingeschläfert werden musste.

Teegen selbst kennt das Gefühl, wenn einem finanziell das Wasser bis zum Hals steht, man sich aber nicht von seinem Pferd trennen kann. "Wir haben ein halbes Jahr nur Tütensuppen gegessen", sagt sie. Damals hatte ihr Mann sie und ihre drei Söhne verlassen. Ihr Württemberger Warmblut Räuberbraut musste bleiben. Koste es, was es wolle. Bei ihr ging es gut, sie brachte Kinder und Pferd durch.

"Ich hab immer schon nach Stall gestunken", sagt Teegen. In Eckernförde geboren, beobachtete sie als Kind zweimal in der Woche, wie Pferde schwedische Holzlieferungen vom Hafen in die Fabrik zogen. "Da fing alles an."

Die Frau am Telefon hört auf zu weinen. Teegen sichert ihr zu, das Pferd zu übernehmen. "Den Schlachter kann ich ihm nicht antun", sagte die Frau. "Sie haben sich richtig entschieden, bei uns wird er es gut haben", antwortet die Seelsorgerin Teegen. Und beißt wieder in ihr Salamibrötchen.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Tier sind immer die Opfer!
Spiegelleserin57 19.10.2013
man sollte sich ein Tier anschaffen wenn man dazu in der Lage auch in Notsituationen für das Tier zu sorgen! Dass Tiere Geld kosten sollte jedem bekannt sein und Pferde sind ein teures Hobby. Auch Hunde können sehr teuer werden wenn sie zum Tierarzt müssen genauso wie Katzen. Das weiß man VORHER!
2. Naja, so wirklich anonym ist es ja nicht!
Altesocke 19.10.2013
"In einer Plastikbox am Zaun hinterlegen sie den Equidenpass, eine Art Personalausweis für das Pferd." Ich geh jedenfalls mal davon aus, das sich damit auch der letzte vorherige Besitzer einfachst feststellen laesst. Frau Tegen sieht die 'Absteller' nicht. "Die Frau, die anonym bleiben möchte" - gilt das nicht eher fuer die Nichtnennung des Namens hier im Beitrag?
3. Schön für die Tiere
wintergreen 19.10.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEPetra Teegen betreibt in Schleswig-Holstein die einzige Pferdeklappe Deutschlands. Anonym geben Reiter hier ihr Pferd ab, wenn sie es nicht mehr haben wollen. Abgemagert, krank und verwahrlost kommen die Tiere an. Nicht alle können vor dem Tod gerettet werden. http://www.spiegel.de/panorama/leute/abgabestelle-fuer-tiere-in-not-klappe-zu-pferd-lebt-a-928335.html
dass sie nicht als "Rindfleisch" in der Lasagne enden wie zentausende ihrer Artgenossen in Irland, Spanien usw. - Pferde, die während des Wirtschaftbooms angeschafft wurden und als es bergab ging als unnütze Fresser abtreten mussten, denn das Futter kann ganz schön ins Geld gehen, wenn keine grosse Weide vorhanden ist. Hinzu kommen Tierarzt- und Gesundheitskosten wie regelmässige Hufpflege und Entwurmung. Ein Kenner der Branche erzählt mir, dass zB in Spanien zehntausende wunderschöne, ausgebildete Reitpferde im Schlachthof endeten, weil niemand sie wollte.
4. Hut ab
jayram 19.10.2013
ich verneige mich vor Frau Teegen, wenn ich in ihrer Nähe wohnte, würde ich ihr gern ohne Bezahlung helfen. Das ist wahre Liebe zur Kreatur. Leider übernehmen sich Mitmenschen immer wieder mit der Anschaffung eines Tieres, egal ob Pferd, Hund oder Katze, diese Unfähigkeit seine eigene Situation richtig zum Wohle des Tieres einzuschätzen, ist einfach nur traurig.
5. Hochachtung vor dieser Frau
hermes69 19.10.2013
und allen Menschen die seriösen Tierschutz betreiben. Zu den Haltern der Tiere die diese einfach entsporgen, sage ich lieber nichts. Da finde ich keine Worte die man hier abdrucken dürfte. Ich frage mich nur warum die Menschen so anders gepolt sind. Einerseits diejenigen mit Empathie die das Leben anderer respektieren und dann die, die keine Empathie besitzen und sich als die Krone der Schöpfung betrachten.
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