Ernährungs-Coach "Abnehmen ist einfach scheiße"

Nicole Jäger wiegt 170 Kilo - und hilft anderen Menschen beim Abnehmen. Hier erzählt sie, wie sie selbst von 340 Kilo runterkam. Ohne Operationen, Crash-Diäten oder Geheimtipps.

Ein Interview von

Nicole Jäger: "Wir Übergewichtigen jammern zu viel"
Julia Löwe

Nicole Jäger: "Wir Übergewichtigen jammern zu viel"


Sie aß für sechs und konnte sich kaum zehn Sekunden auf den Beinen halten, bevor ihr die Puste ausging. 340 Kilogramm brachte Nicole Jäger zu ihren schwersten Zeiten auf die Waage. Das ist sieben Jahre her.

Heute wiegt Jäger 170 Kilogramm - ein Weg, den sie ohne Operationen, Crash-Diäten und Geheimtipps bestritten hat. Im Interview erzählt sie, mit was - außer dem eigenen Gewicht - dicke Menschen in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben, warum Abnehmen so schwierig ist und warum sie darüber ein Buch ganz ohne Diät-Tipps geschrieben hat.

Zur Person
Nicole Jäger, Jahrgang 1982, brauchte noch vor wenigen Jahren zwei Personenwaagen, um ihr Gewicht von 340 Kilogramm zu messen. Heute wiegt die Hamburgerin 170 Kilogramm und hilft als Beraterin anderen Menschen dabei, das Abnehmen oder Zunehmen richtig anzugehen. Ihre Erfahrungen mit dem Abnehmen erzählt sie in dem Buch "Die Fettlöserin".
SPIEGEL ONLINE: Frau Jäger, ist es für Sie überhaupt beleidigend, dick genannt zu werden? Schließlich steigen Sie in ihrem Buch selbst ein mit der Frage: "Warum schreibt eine Dicke ein Buch über das Abnehmen?"

Jäger: Nein, das beleidigt mich nicht. Man beleidigt mich ja auch nicht, wenn man mich blond nennt.

SPIEGEL ONLINE: Warum schreibt denn nun eine dicke Frau ein Buch über das Abnehmen?

Jäger: Ich habe mal 340 Kilogramm gewogen. Schon damals wusste ich: Wenn ich es jemals schaffe, das runter zu bekommen, dann erzähle ich anderen Menschen davon. Nicht, weil ich so heroisch bin. Aber reden wir doch mal darüber, wie es ist, ein dicker Mensch in einer Gesellschaft voller Körper-Nazis zu sein; wie es ist, damit umzugehen - und nicht umzugehen; wie es ist, zu verzweifeln aber auch zu siegen. Und: Wir müssen auch mal darüber reden, dass Abnehmen einfach scheiße ist.

SPIEGEL ONLINE: Bevor wir zum Abnehmen kommen - wie ist es denn als dicker Mensch in unserer Gesellschaft?

Jäger: Schwierig. Man selbst bekommt erst mal gar nicht mit, dass man ein Problem darzustellen scheint. Das merkt man erst, wenn andere einen darauf hinweisen. Ich hatte als Kind überhaupt kein Gefühl dafür. Aber gerade in der Pubertät vergleicht man sich ja ständig mit anderen. Mittlerweile habe ich, glaube ich, ein Rückgrat aus Stahlbeton. Es passiert mir relativ selten, dass Leute auf der Straße mit dem Finger auf mich zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es passiert?

Jäger: Ganz selten. Und wenn, dann gehe ich auch hin und sage etwas. Ich verstehe tatsächlich nicht, warum Körperlichkeit in unserer Gesellschaft so verdammt wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch sonst macht die Gesellschaft dicken Menschen das Leben noch schwerer...

Jäger: Drehkreuze, Eisdielenstühle, kleine Umkleidekabinen, Bahnsitze, Kinositze, Autos. Autofahren ist nicht das Problem, aber der Abstand zwischen B-Säule und Lenksäule ist sehr schmal. Ich werde niemals den Tisch in einem Flugzeug runterklappen können.

SPIEGEL ONLINE: Bevor Sie abgenommen haben, sind Sie in diese Hürden aber nicht mal gerannt. Sie sagen ja selbst, Sie haben das Haus kaum verlassen.

Jäger: Wie auch. Ich konnte nicht einmal lang genug freihändig stehen, um zu duschen. Es gab kein Sozialleben, keine Außenwelt. Aber später wieder. Geflogen bin ich das erste Mal wieder mit etwa 240 Kilo - und das war schon kritisch. Winzige Stühle in Restaurants verstehe ich auch nicht. Da wird doch Essen verkauft. Die Gesellschaft ist nicht auf dicke Menschen ausgelegt. Das ist aber auch gut so, es muss ja irgendwo Grenzen geben

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SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie einerseits, es lag an Ihnen selbst, dass Sie so dick waren. Andererseits räumen Sie mit Dicken-Vorurteilen auf.

Jäger: Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Wir Übergewichtigen jammern zu viel. In dem Moment, in dem man sich auf die Straße stellt und sagt, alle Dünnen sind blöd und die böse Gesellschaft trägt Schuld, vergisst man: Der Kühlschrank füttert dich nicht mit einem Trichter. Anderen Schuld zuzuweisen ist nicht der richtige Weg. Aber es sind auch nicht alle fett und faul und dämlich. Wir sind Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass Sie lange Zeit die Königin des Selbstbetrugs waren - und auch gut darin, andere zu betrügen.

Jäger: Oh, ja. Ich hab mich verhalten wie ein Alkoholiker, der die Flaschen im Spülkasten versteckt. Was ich alles an Essen bestellt habe...

SPIEGEL ONLINE: Nennen wir es doch mal beim Namen. Wenn Sie Pizza bestellt haben, was genau haben Sie dann bestellt?

Jäger: Zwei Stück. Minimum. Und Auflauf und ... wow, es ist unangenehm, das zu sagen, aber so war es einfach. So für fünf, sechs Personen hätte das gereicht.

SPIEGEL ONLINE: Und vor dem Pizzaboten haben Sie dann so getan, als wären noch andere Menschen in der Wohnung.

Jäger: Es war mir so unangenehm. Der Gedanke, dass dieser Bote, den ich nie wieder sehen werde, denken könnte, ich würde das alles essen. Ich sah aber genau so aus, als würde ich das alles essen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dann den Weg in eine Adipositas-Klinik gewagt - und sind kurz vor dem Bypass, einem operativen Eingriff, um den Magen zu verkleinern, abgesprungen. Warum?

Jäger: Ich bin überhaupt erst auf die Idee gekommen, weil man mir sagte, dass es anders nicht ginge, ich hätte keine Chance. Ein paar Tage vor der OP habe ich dann eine Dokumentation gesehen. Da sagte ein Arzt: "Weniger als zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI über 45 schaffen es langfristig, aus eigener Kraft abzunehmen." Zwei Prozent? Von allen Übergewichtigen der Welt? Das ist eigentlich ganz schön viel. Mir war immer klar: Mein Magen ist nicht das Problem. Auch nicht der Intellekt. Die Frage ist ja: Warum mache ich es dann nicht anders? Und dieses Problem löst auch eine OP am Magen nicht. Also doch der harte Weg.

SPIEGEL ONLINE: Also doch mehr Sport, weniger Essen?

Jäger: Anders essen. Ich esse öfter als früher und viel. Öfter kleine Portionen, aber vielleicht nicht mehr drei Pizzen sondern mehr Gesundes. Und ich mache Sport.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind es 170 Kilo weniger als damals. Nervt es, 60-Kilo-Frauen über Gewichtsprobleme meckern zu hören?

Jäger: Nein, gar nicht. Wenn jemand sich nicht gut fühlt, ist das ein Problem. Die Problematik wiegt immer gleich viel. Es geht darum, zufrieden zu sein.



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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
AllesKlar2014 18.12.2015
1. Diäten sind vollkommener Quatsch aber
ein Riesen Geschäft! Deshalb wird immer mal wieder ein geheimnisvolles Buch auf den Weg gebracht .. wie hat es "die" nur geschafft. Im Prinzip weiß heute jeder halbwegs Internet fähige Bürger wies geht: Sämtliche "Lebens-Mittel" sind keine mehr, alles degeneriert, chemisch aufgeladen bis zum geht nicht mehr, dazu industrielle chemische Flüssigkeiten (Getränke) die vollkommen ungeeignet sind. Der Körper weiß mit dem ganzen "Zeugs" nichts anzufangen. Ergo baut er das ganze Gift nach Prioritätskategoerien wieder ab, bzw. versucht es. in dieser zeit ruht die Verstoffwechslung und Fett wird aufgebaut und endlos eingespeichert. Übersäuerung ist die Vollseuche Nr. 1. Politik und Industrie arbeiten hier Hand in Hand und tragen mit zu einer immer größeren Übersäuerung bei. Die Zuckerumsätze, Energiedrinks , die süßen Mercie das es Dich gibt sind nichts anderes als ein chemischer Generalangriff auf unser natürliches Gewicht. Im übersäuerten Zustand nimmt kein Mensch auf dieser Welt ab, Krebszellen fangen überhaupt erst an sich richtig zu vermehren, wenn es richtig sauer wird. Deshalb sollte die ganzen Mineralwässer, Energiedrinks etc. auch mal den pH Wert auf Ihre industrielle Flüssigkeit drucken. Meine Empfehlung: das essen und trinken, was seit Jahrtausenden mit der Biologie des Menschen im Einklang steht. Wer natürliches Gebirgs-Quellwasser trinkt und dazu 70% Wasserhaltige Salate und Gemüse ist, hat mit Übergewicht überhaupt keine Probleme. So einfach und so kompliziert ist das aber auch.
Jack-in-the-box 18.12.2015
2. Trotzdem
...eine hübsche, selbstbewusste und erfolgreiche junge Frau. Finde ich super, weiter so!!!
Mastermason 18.12.2015
3. Essen als Sucht?
Falls Sie rauchen und versuchen, diese Krankheit zu überwinden, wissen Sie ungefähr, wie sich dicke Menschen fühlen müssen.
hugo.z.hackenbush 18.12.2015
4. tja
ist es mir als Abstinenzler schleierhaft, wie man Alkoholiker werden kann? Oder Raucher? Oder Drogen-, Spiel oder Internetsüchtig? Oder obdachlos? Vielleicht akzeptieren Sie einfach, dass es solche Menschen gibt.
magicveloce 18.12.2015
5. Schade
Ein uninspiriertes Interview mit langweiligen Fragen und ebensolchen Antworten.
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