Abschied von Frank Giering Tod eines einsamen Spielers

Seinen Namen kannten wenige, sein sensibles Gesicht jedoch prägte sich dem Publikum ein: Frank Giering gehörte zu den erfolgreichsten Schauspielern Deutschlands. Der 38-Jährige starb, wie er lebte - allein.

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Einer seiner letzten Filme hieß "Keine Angst". Frank Giering spielte einen arbeitslosen Säufer, der sich in einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt bei der Familie einer alleinerziehenden Frau einnistet. Deren Tochter vergewaltigt er an ihrem 14. Geburtstag, ohne Skrupel. Giering spielte einen Mann, der keine Angst hat.

Frank Giering aber hatte Angst. Vor Dreharbeiten, vor der Zukunft, manchmal auch nur vor dem U-Bahn-Fahren. "Die Gefahr, in ein Loch zu fallen, ist immer da", sagte er bei einem Gespräch im Februar, "so wie die Angst davor, wie es weitergeht im Leben." Seine hellblauen Augen blickten ernst, sein markanter Mund mit dem auffälligen Muttermal mühte sich um ein Lächeln.

Wenn die Angst ihn übermannte, floh Giering oft in den Spreewald. Hier genoss er die Ruhe, danach fuhr er zu seiner Mutter nach Magdeburg. Erst vor neun Jahren war er aus seinem Kinderzimmer ausgezogen - und das auch nur, weil sich seine Mutter ihren sehnlichsten Traum erfüllt und eine neue Wohnung, mit Elbblick, gekauft hatte.

Wehmütig hatte er damals sein schmales Kinderzimmer mit den Shakin'-Stevens-Postern geräumt. Ob er im Schulsport versagt hatte, von einem Mädchen abgewiesen worden oder später von Dreharbeiten erschöpft war: Dort, in einer zu DDR-Zeiten luxuriösen Neubauwohnung im Neubaugebiet Magdeburgs, war seine Zuflucht gewesen, 29 Jahre lang. Dort erdete er sich wieder, kam runter von seinen Höhenflügen als erfolgreicher Schauspieler.

Giering, schüchtern und introvertiert, berauschte sich an seinem Beruf. Im Alter von 14 Jahren hatte er als Komparse mal einen Butler gespielt. "Ich kam mir vor wie ein Megastar", kommentierte er diese Erfahrung.

Zweimal schmiss er die Schauspielschule

Frank Giering wollte unbedingt Schauspieler werden - auch, so erzählte er es, weil er glaubte, in diesem Beruf müsse man nur am Abend im Theater arbeiten. Ausschlafen, den Tag verbummeln, abends im Rampenlicht stehen - was sollte es Erfüllenderes geben? Die Wirklichkeit traf ihn anfangs hart. Zwei Schauspielschulen verließ er freiwillig, die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam im November 1989, die Westfälische Schauspielschule in Bochum 1991.

Er liebte die Bühne, aber nicht die Ausbildung. "Da musste man nackt in Unterhosen die Geburt nachspielen oder mit einem Stuhl in den Raum der Erinnerung gehen und dort 'Hänschen Klein' singen. Eine Schülerin bekam dabei einen Heulkrampf, eine andere zerdepperte den Stuhl und schlug ihn kurz und klein." Er habe sich wie in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie gefühlt.

Giering spielt am Staatstheater Cottbus und wird für einen Film entdeckt. Seine erste Rolle vor der Kamera ist gleich eine Hauptrolle: Der 23-jährige Giering spielt in "Der Verräter" den 18-jährigen Paul Simonischek, einen haltlosen Jugendlichen, der im Rahmen seines Selbstfindungsprozesses ins rechtsradikale Lager abdriftet. Der österreichische Filmemacher Michael Haneke ist begeistert von Giering und bucht ihn 1997 für seinen Film "Funny Games". Giering liebt das Spiel mit der Kamera mehr als das im Scheinwerferlicht auf Bühnenbrettern. Er ist ein Minimalist, ideal für den Film. Die Rolle des psychopathischen, gnadenlosen Killers ist sein Durchbruch, fortan wird der Magdeburger mit Rollenangeboten überhäuft.

Aus der Ferne hatte es so leicht ausgesehen, das Berühmtsein. Und plötzlich kommen all die tollen Engagements, das Leben aber bleibt dasselbe - mit dieser ewigen Angst. Er habe immer Existenzängste gehabt, sagte er einmal. "Wenngleich die Angst, irgendwann nicht mehr spielen zu dürfen, um ein Vielfaches größer ist als die, eines Tages ohne einen Cent dazustehen."

Entziehungskur im Harz

Am Set blüht Giering, als pummeliger Teenager von Klassenkameraden als "dicker Willi" gehänselt, auf. Abends mit der Crew einen trinken zu gehen ist ein neues Gefühl für den Einzelgänger. Doch wenn die letzte Klappe fällt am Ende eines Drehs, steht er allein da. Später wird er sagen: "Ich war süchtig nach Anerkennung." Die Leere zwischen den Filmrollen betäubt er mit Alkohol. Im Sommer 2001 checkt Giering in eine Entzugsklinik im Harz ein. Nach sechs Monaten dort führt ihn sein erster Weg nach Magdeburg.

Giering hing an seiner Heimatstadt. Widerwillig bezog er eine Ein-Zimmer-Wohnung mit Kochecke in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg. Seine Agentur hatte den Besichtigungstermin für ihn vereinbart. Giering hatte keine Vergleichsmöglichkeiten, wollte keine Vergleichsmöglichkeiten. Ihm gefiel das Apartment mit Kochecke und Balkon, er zog ein. Nach zwei Jahren räumte er endlich die wenigen Kartons aus und lebte sich ein.

Giering hing an seiner Familie. Gern hätte er selbst eine gehabt. Er freute sich, wenn seine Mutter ihm erzählte, dass sie von Nachbarn auf ihn angesprochen worden sei. Noch mehr aber freute er sich, dass die Mutter nicht weniger stolz war auf seine Schwester, die am Stadtrand Berlins lebt. Einer der wenigen Vorteile der Großstadt, in der er sich heimatlos fühlte, war die Nähe zur Schwester. Trotzdem fuhr er alle sechs, acht Wochen nach Magdeburg zur Mutter, je nachdem, wie es der Drehplan zuließ.

Am meisten jedoch hing Giering an seinem Job. Drei, vier, manchmal gar fünf Filme drehte er pro Jahr, zuletzt "Die Bremer Stadtmusikanten" und "Jerry Cotton". Für kleinere Rollen war sich Giering nicht zu schade, die Leidenschaft am Spiel überwog. Seit 2006 spielte er neben Christian Berkel den Kommissar Henry Weber in der ZDF-Serie "Der Kriminalist". Die Dreharbeiten zur neuen Staffel haben gerade begonnen.

Die Polizei ermittelt im "Todesfall Giering"

Wenn er seine Rollen auswählte, reizten ihn vor allem Figuren mit menschlichen Makeln. Erfolg bedeutete für ihn, "wenn man die Schwächen einer Person so zeichnen kann, dass der Zuschauer für sie Verständnis hat - und den Menschen so akzeptiert, wie er ist". In den vergangenen 16 Jahren spielte Giering in mehr als 50 Filmen mit. Das Leben abseits der Drehorte blieb unwägbar.

Im Spiel war Giering nicht nur ein schlechter Verlierer - er ertrug das Verlieren nicht. Bevor er ein Schachspiel beim BSG Magdeburg versiebte, warf er den König um. Ebenso, erzählte er, handhabe er es bei den Frauen. Nie spreche er eine an, aus Angst, einen Korb zu kassieren. Dass er zwei feste Beziehungen gehabt habe, sei dem Umstand zu verdanken, dass die Frauen ihn angesprochen hätten.

Die Liebe scheiterte an seiner Eifersucht und seinem Einzelgängertum. Giering mied Partys, seit er trocken war. Die Welt, in der sich seine Kollegen tummelten, war ihm oft zu oberflächlich, zu seicht, zu fröhlich. Giering war kein fröhlicher Mensch, er war ein melancholischer. Einer, der an Silvester nicht das neue Jahr feierte, sondern wehmütig dem vergangenen nachhing. In Interviews sprach er über Selbstzweifel und Sorgen.

Giering besaß keinen Computer, keinen Führerschein, nur einen Flachbildfernseher leistete er sich. Manchmal verbrachte er den ganzen Tag vor der Glotze, sah "Air Force One" oder andere Actionstreifen, meist genau das Gegenteil von dem, was er selbst gern spielte. "Es gibt Tage, da kann ich mich meiner Faulheit komplett hingeben", sagte er. "Und es gibt Tage, an denen würde ich mein Leben gern gegen das einer Rollenfigur eintauschen."

Vielleicht waren das die Tage, an denen seine Angst besonders groß war.

Frank Giering starb am Mittwochabend in seiner Wohnung. Ein Angehöriger hatte noch den Notarzt alarmiert. Über die Umstände und den Ort des Todes wollte seine Agentur keine Angaben machen. Seine Eltern hätten darum gebeten, die Privatsphäre zu respektieren. Es sei aber kein Freitod gewesen. Die Polizei ermittelt.



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