Alkoholkranker Paul Gascoigne: Gazzas Abstiegskampf

Von

Paul Gascoigne: Chronik einer Selbstzerstörung Fotos
Getty Images

Paul Gascoigne war einmal der großartigste Fußballer Englands. Heute ist der Mann ein Wrack - nach seinem gespenstischen Auftritt bei einer Charity-Veranstaltung haben ihm Freunde einen Alkoholentzug spendiert. Wie konnte es nur so weit kommen? Stationen einer Selbstzerstörung.

Vielleicht ist das eigentlich Tragische am vorerst letzten Auftritt Paul Gascoignes gar nicht sein maroder Körper, nicht sein Schlottern und Stammeln auf der Bühne. Gascoigne ist 45 Jahre alt, doch bei der Charity-Veranstaltung am vergangenen Donnerstag in Northampton sieht er aus wie ein Greis. Mit beiden Händen muss er das Mikrofon packen, so heftig zittern seine Glieder. Erschütternd ist das, ein gebrochener Mann, schwer alkoholabhängig, vielleicht dem Tode nah, doch das eigentlich Tragische sind die Lacher aus dem Publikum, die er für seinen Auftritt erntet. Mit brechender Stimme lallt Gascoigne Schwänke aus seinem Leben, der Moderator fragt sie regelrecht ab, legt aufmunternd die Hand auf die Schultern seines Gastes. Und nach jeder Pointe johlt das Publikum über den lustigen kranken Mann auf der Bühne.

Es gehört zu den Dramen in Gascoignes Leben, dass er die Rolle des Klassenschelms nie loszuwerden scheint. Schon als begnadeter Fußballer war er der notorische Clown in allen Mannschaftskabinen. Und bis heute glucksen die Leute über Klassiker aus dem Anekdotenschatz des von Alkohol- und Drogensucht gezeichneten Ex-Profis. Etwa wenn er erzählt, wie er damals die Fußballschuhe seines kompletten Teams vertauscht hat. Oder wie er eigenhändig einen Bus voller Touristen um den Piccadilly Circus herumsteuerte. Dafür lieben sie ihn in England.

Doch in Wahrheit gibt es über ihn rein gar nichts mehr zu lachen. Er schwebe in akuter Lebensgefahr, kommentierte Gascoignes Manager bald nach dem Auftritt in einem Gespräch mit der BBC. "Er braucht dringend Hilfe." Es ist der bisherige Tiefpunkt im Leben des Mannes, der mal der großartigste Fußballer Englands war, die Hoffnung einer Sportnation. Wie konnte es nur so weit kommen?

Suff gegen Einsamkeit und Langeweile

Tatsächlich bringt der junge Paul Gascoigne alles mit, was man für eine gute Sportlerstory braucht. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen, kicken lernt er mit einem Tennisball, weil sich seine Eltern keinen Fußball leisten können. Bald wird er als großes Talent entdeckt, er unterschreibt bei Tottenham Hotspur. 1988 wählt man ihn zum "Nachwuchsfußballer des Jahres". Seinen Durchbruch aber schafft "Gazza" bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien, als herausragender Akteur führt er die englische Auswahl bis ins Halbfinale. Unvergessen ist die Szene, in der Gascoigne im Duell gegen Deutschland die zweite gelbe Karte bekommt - und hemmungslos in sein Trikot heult, weil er nun für ein mögliches Finale gesperrt ist. Doch so weit kommt es nicht: Gegen Deutschland ist im Elfmeterschießen Endstation, England scheidet aus.

Vielleicht war "Gazza" nie besser als während dieser WM - dribbel- und kampfstark, ein Antreiber mit unkonventionellen Ideen. Und doch gab es bereits damals diese unheimliche, selbstzerstörerische Seite. In seiner Autobiographie beschreibt er später, wie er in der Nacht vor dem Deutschlandspiel keinen Schlaf fand. Ruhelos wanderte er durchs Hotel und trat schließlich zur Zerstreuung auf der hauseigenen Anlage zum Tennismatch gegen zwei Amerikaner an. Und das in der Nacht vor dem wichtigsten Spiel seiner Karriere.

Später wird Gascoigne gegen seine Schlaflosigkeit immer häufiger zu Alkohol und Tabletten greifen. Ständige Verletzungen und Undiszipliniertheiten werfen ihn sportlich zurück, in den Pausen vom Fußball entdeckt er den Suff als Mittel gegen Einsamkeit und Langeweile.

1992 wechselt Gascoigne zu Lazio Rom, nach ein paar enttäuschenden Jahren in Italien zieht er weiter zu den Glasgow Rangers. Dort klappt es sportlich wieder besser, doch immer wieder gerät er mit privaten Eskapaden in die Schlagzeilen. Seine Frau Sheryl prügelt er 14 Wochen nach der Hochzeit krankenhausreif; nach der kostspieligen Scheidung und diversen Saufexzessen macht "Gazza" 1998 Bekanntschaft mit einer Entzugsklinik. "So wird Gascoigne nicht mal 40", heißt es schon damals im Fußballmagazin "Kicker".

Bedröhnt zum "Man of the Match"

Umso verblüffender ist es, welche Leistungen Gascoigne auch in dieser Phase noch zeigt. 2002, als er bei Everton unter Vertrag steht, betankt er sich - so schildert er es später in einem Interview - vor dem Match gegen Sunderland mit dreieinhalb Flaschen Wein, zwei dreifachen Brandys und 13 Schlaftabletten. Gascoigne spielt, fährt nach Hause und schläft ein. Als er am nächsten Morgen aufwacht, erinnert er sich an nichts - aber neben seinem Bett steht eine leere Champagnerflasche. Man hat ihn zum "Man of the Match" gewählt.

Doch solche Lichtblicke können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit der sportlichen Karriere steil bergab geht. Gascoigne tingelt von Club zu Club, probiert es nacheinander mit Engagements in der englischen zweiten Liga, in China, Portugal und schließlich, 2005, als Trainer beim Sechstligisten Kettering Town. Dort wird er nach nur 39 Tagen entlassen - Gascoigne sei "vor, während und nach Spielen der ersten Mannschaft alkoholisiert" gewesen, heißt es von der Klubführung.

Währenddessen wird die Liste seiner Alkohol- und Drogeneskapaden immer eindrucksvoller. "Vier Flaschen Whiskey und 16 Linien Koks" gibt sich Gascoigne nach eigener Aussage in dieser Zeit - und zwar täglich. 2008 landet er insgesamt dreimal in der Psychiatrie, einmal, nachdem man ihn betrunken und verwirrt in einem Londoner Friseursalon aufgegriffen hat. Es gibt ein Foto aus diesem Jahr, auf dem Gascoigne früh morgens durch seine Heimatstadt schlurft - an seinem Arm baumelt eine weit geöffnete Reisetasche, darin ein Handtuch, eine Flasche Gin und ein Sparschwein. "Allein in schlechter Gesellschaft", betitelt damals das Fußballmagazin "11 Freunde" ein Gascoigne-Porträt.

2010, als der 57-malige englische Nationalspieler zum vierten Mal betrunken am Steuer erwischt wird, setzt ihm der Richter die Pistole auf die Brust: Entweder Gascoigne macht einen Entzug - oder er wandert in den Knast. "Gazza" entscheidet sich für die Entgiftung.

Ein halbes Jahr verbringt der gefallene Fußballer damals in einer Reha-Einrichtung und zieht danach in eine Wohnung am Meer, in Bournemouth. Zunächst scheint es, als hätte er sein Leben gerade noch in den Griff bekommen - doch dann folgt am vergangenen Donnerstag jener erschütternde Auftritt bei der Charity-Gala in Northampton. Etwas, so scheint es, hat den 45-Jährigen erneut aus der Spur gebracht. Vielleicht der Tod eines engen Freundes, den Gascoigne in der Klinik kennengelernt hat, wie einige Boulevardblätter dieser Tage vermuten.

Am vergangenen Wochenende organisierten ein paar von Gascoignes Freunden seinen nächsten Entzug. Radio-Moderator Chris Evans, Kricketspieler Ronnie Irani, Ex-Fußballstar Gary Lineker und TV-Moderator Piers Morgan setzten ihn laut der Boulevardzeitung "The Sun" am Montagabend in ein Flugzeug nach Phoenix, Arizona. Weil Gascoigne pleite ist, sollen sie auch die Kosten für die Entzugsklinik übernommen haben.

Natürlich bleiben ihm die Boulevardmedien auch in Amerika auf der Spur. Es gibt ein Foto, das Gascoigne gleich nach der Ankunft in Phoenix zeigt. Die "Sun" hat es gedruckt. Man sieht Gascoigne, wie er in einer Flughafenbar kauert. Er hat sich ein großes Glas Bier bestellt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Leute
RSS
alles zum Thema Paul Gascoigne
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback