Von Stefan Simons, Paris
Sie ist die Frau an seiner Seite - psychologische Stütze, juristische Beraterin und finanzstarke Gemahlin: Anne Sinclair, dritte Gattin von Dominique Strauss-Kahn ("DSK"), stand zu ihrem Ehemann, als er von den US-Behörden mit Handschellen abgeführt wurde, nachdem ein Zimmermädchen behauptet hatte, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Sinclair hielt zu ihrem Ehemann, als klar war, dass DSK mit dem Zimmermädchen der Luxusherberge Sofitel tatsächlich sexuellen Kontakt gehabt hatte.
Sinclair bürgte gar mit ihrem Privatvermögen, stellte die Kaution und besorgte das teure Mietshaus in Manhattan, in dem sich der ehemalige Chef des Internationalen Weltwährungsfonds (IWF) in den Tagen nach seiner Freilassung aufhalten musste, als er unter Hausarrest stand. Sinclair unterstützte ihren Mann selbst dann, als ihm nach seiner Rückkehr in Frankreich ein Vergewaltigungsverfahren drohte. Und als unlängst häppchenweise ans Tageslicht kam, dass sich Strauss-Kahn in New York ebenso wie in Paris offenbar wiederholt mit Call-Girls eingelassen hatte.
Wer also ist Anne Sinclair? Mutige Emanze oder schlichtes Anhängsel eines testosterongesteuerten Machos?
Für die Web-Seite www.terrafemina.com ist die Antwort klar: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CSA wählten 31 Prozent die frühere Fernsehmoderatorin zur weiblichen Persönlichkeit des Jahres. Insgesamt zehn Frauen waren nominiert. Während Strauss-Kahn bei einer Vortragsreise in Shanghai wieder von sich reden machte ("Der Euro ist ein sinkendes Floß") kürten die Befragten Sinclair zur Frau, die "die vergangenen zwölf Monate besonders beeinflusst" habe.
"Eine Heldin? Sie ist kein Modell für die Frauen"
Auf den weiteren Plätzen folgen IWF-Chefin Christine Lagarde und Martine Aubry, die Generalsekretärin der Sozialistischen Partei (PS), sowie die Chefin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen.
"Anne Sinclair ist für die Frauen eine Heldin und eine Anti-Heldin", sagt Véronique Morali, von terrafemina.com ("Die Web-Seite, die anders zu Frauen spricht"). "Die Frauen identifizieren sich mit ihr oder fragen sich, was ihre eigene Haltung angesichts solchen Verhaltens wäre." Auch die Meinungsforscher bewerten die Wahl als Auszeichnung: "In einem Jahr, das durch eine ganze Reihe von heftigen juristischen Geschehnissen bestimmt wurde, standen viele Frauen an vorderster Stelle." Einer von vier Befragten bewertete Anne Sinclair als "mutige Frau", die ihrem Mann in stürmischen Zeiten zur Seite stand.
"In schwierigen Epochen wie der derzeitigen spielen Frauen eine Schlüsselrolle", sagt auch terrafemina.com-Chef Bernard Sananès zu der Wahl von Anne Sinclair, die demnächst die französische Ausgabe des US-Internet-Nachrichtendiensts "Huffington-Post" übernehmen soll.
Eva Joly, Spitzenkandidatin von Frankreichs Grünen für die Präsidentenwahl, war von der Popularität der DSK-Gattin überrascht: "Eine Heldin? Sie ist kein Modell für die Frauen", so die ehemalige Untersuchungsrichterin. "Ich finde das bestürzend, unglaublich sogar, dass sie eine politische Frau erster Ordnung wie Währungsfondschefin Christine Lagarde übertrumpft", sagte Joly in einem Interview mit dem Nachrichtensender i-Télé. "Ich finde das traurig, das spricht für eine Vorstellung des Lebens und eines Verhältnisses von Mann und Frau, das sehr, sehr überholt ist."
Ein Kommentar des Magazins "Nouvel Obs" kommt zu demselben Schluss. "Hier hat sich das Klischee - das des Mannes, getrieben von anzüglichen Affären - in der Moment-Aufnahme der Umfrage durchgesetzt."
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