Anwalt von Gina-Lisa Lohfink Das seltsame Gebaren des Herrn Benecken

Strafverteidiger Burkhard Benecken stilisiert Gina-Lisa Lohfink als Opfer sexueller Gewalt. Der Jurist ist bekannt für große Schlagzeilen - doch seine wenig ruhmreiche Geschichte wirft jetzt ein neues Licht auf den umstrittenen Fall.

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Gina-Lisa Lohfink mit ihrem Anwalt Burkhard Benecken
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Gina-Lisa Lohfink mit ihrem Anwalt Burkhard Benecken

Burkhard Benecken gefällt sich in der Pose des erfolgreichen Anwalts. Über seine Motivation sagte der 40-Jährige jüngst, es gebe viele gute Staatsanwälte und Richter in Deutschland - da brauche es auch "gute Strafverteidiger". An Selbstbewusstsein, so viel steht fest, mangelt es dem Mann aus dem westfälischen Marl nicht.

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Smart tritt er auf, bissig kann er sein. "Attacke" ist ein Wort, das Benecken gern benutzt. Vor einiger Zeit schrieb er bei Facebook von seinem Vergnügen daran, die Aussagen von Zeugen so zu filetieren, dass nur noch ein Fragezeichen bleibt.

Seit Jahren zieht er auch prominente Mandanten an, in der Regel von Liga C an abwärts: TV-Koch Frank Rosin zum Beispiel, Reality-Star Dieter Wollny und jüngst It-Girl Gina-Lisa Lohfink. Das ist offenbar kein Zufall. Recherchen von SPIEGEL ONLINE legen nahe, dass es Benecken oft vor allem darum geht, Schlagzeilen zu erzeugen.

Es ist ein Gebaren, das auch Enttäuschte hinterlässt. Ehemalige Mandanten ärgern sich heute, dass sie medialen Glanz mit juristischer Finesse verwechselt haben. Und es ist ein Gebaren, das den Fall Gina-Lisa Lohfink in neues Licht taucht, Beneckens bis dato größten Coup.

Der Fall bewegt seit Wochen das Land. Lohfink behauptet, sie sei 2012 von zwei Männern vergewaltigt worden. Es gibt von jener Nacht Videoschnipsel, für deren Verbreitung die beiden Männer einen Strafbefehl erhielten. Zu sehen ist, wie Lohfink mehrmals "Nein" ruft, was sie als Beweis für ihre Behauptung sieht.

Die Staatsanwaltschaft klagte Lohfink wegen falscher Verdächtigung an. Die Ermittler sagen, das "Nein" beziehe sich auf das Filmen, nicht auf den Verkehr, der einvernehmlich gewesen sei. Auch der frühere Anwalt Lohfinks sprach zunächst von Einvernehmlichkeit. Lohfink ging anfangs nur gegen die Verbreitung vor, von Vergewaltigung war keine Rede. Seit Juni läuft in Berlin der Prozess, am Montag dürfte es ein Urteil geben.

Gina-Lisa Lohfink
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Gina-Lisa Lohfink

Es sieht, rein strafrechtlich, nicht gut aus für Lohfink. In der Öffentlichkeit aber erfährt sie eine Welle des Mitgefühls. Feministinnen schlugen sich auf ihre Seite, Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) sprang ihr bei. Der Fall Lohfink zeige, wie wichtig es sei, den Grundsatz "Nein heißt Nein" in das Strafgesetzbuch aufzunehmen.

Benecken befeuerte die Debatte mit markigen Worten - und machte sie damit groß. Seine Mandantin werde von der Justiz in eine Schublade gesteckt. Offenbar gelte das Motto: "Kurzer Rock, große Brüste - die taugt nicht als Vergewaltigungsopfer." Der Anwalt lud den Justizminister zum Prozess ein. Und er versprach, seine Kanzlei werde Lohfink dabei unterstützen, einen Verein für Opfer von sexueller Gewalt zu gründen.

Im Fall Benecken ein probates Mittel, das rasch positive Resonanz verspricht. Im Jahr 2011 wollte Benecken den Verein "Kampf der Internetsucht" gründen. Anlass war der Fall seines Mandanten Deniz A., der als "Promi-Hacker" Schlagzeilen machte. Und Mandant Muhlis A., einst als "Klaukind Mehmet" ein Politikum, kündigte 2014 den Verein "Gewaltig gegen Gewalt" an. Beide Vereine, das bestätigte Benecken SPIEGEL ONLINE, gibt es bis heute nicht.

Lohfink habe vor, ihren Verein "nach Prozessende" ins Leben zu rufen. Sie pflegt mit Benecken offenbar ein recht enges Verhältnis. Wenn Lohfink von ihrem Anwalt spricht, sagt sie "mein Burkhard". Fotos bei Facebook zeigen beide in vertrauten Posen.

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Anwalt von Gina-Lisa Lohfink: Die Maschen des Herrn Benecken

Britta Assauer war mit Benecken vor ein paar Jahren auch per Du. Heute sagt sie: "Ich fühle mich von ihm verraten." Die Ex-Frau des früheren Schalke-Managers Rudi Assauer verlor an der Seite von Benecken ein arbeitsrechtliches Verfahren. Ein Mann behauptete, er habe für sie Hilfsdienste im Haushalt geleistet, und forderte dafür Geld.

Das Arbeitsgericht Gelsenkirchen urteilte im Februar 2013, Assauer müsse zahlen. In der schriftlichen Urteilsbegründung übte das Gericht scharfe Kritik: Die Assauer-Seite habe sich zu den "detailreich geschilderten Arbeitshandlungen überhaupt nicht erklärt". Es gebe nur ein allgemeines Dementi - das aber sei zu wenig. Assauer sagt, sie habe eine detaillierte Entgegnung aufgeschrieben, die Benecken nicht habe berücksichtigen wollen.

Nach der Niederlage habe er zur nächsten Instanz geraten. Das Landesarbeitsgericht Hamm aber ließ Anfang Juni 2013 eine Berufung nicht zu, wiederum verbunden mit einem Seitenhieb. Es reiche nicht aus, das angefochtene Urteil mit formelhaften Wendungen anzufechten.

Britta Assauer mit Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer: "Ich fühle mich von ihm verraten."
DPA

Britta Assauer mit Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer: "Ich fühle mich von ihm verraten."

Wenige Wochen später, am 24. Juli, sah Assauer, so erzählt sie es, auf der Straße eine Schlagzeile der "Bild"-Zeitung: "Energie-Versorger dreht Assauer-Ex den Strom ab." Im Text wird sie mit den Worten zitiert: "Meine Hartz-IV-Bezüge reichen nicht einmal, um im Restaurant essen zu gehen." Assauer sagt, sie habe nie mit der "Bild"-Zeitung darüber gesprochen. "Die Geschichte hat mich schockiert, das war mir unglaublich peinlich."

Der Versorger hatte Assauer tatsächlich den Strom gesperrt, musste ihn aber umgehend wieder aufdrehen - aufgrund einer einstweiligen Verfügung des Amtsgerichts Gelsenkirchen vom 16. Juli. Sie traf am 18. Juli schriftlich in Beneckens Kanzlei ein. Sechs Tage später erst erschien der "Bild"-Artikel. Assauer setzte eine Gegendarstellung durch, die Zeitung merkte an, der Anwalt habe Assauers Zitate freigegeben.

Assauer erzählt, sie habe Benecken am Telefon zur Rede gestellt. Der habe nur gelacht und gesagt: "Was willst du eigentlich, du bist jetzt bekannter als Angela Merkel." Es folgte der Bruch zwischen Anwalt und Mandantin. Britta Assauer erzählt, Benecken habe ihr nie eine Rechnung gestellt. "Heute bin ich überzeugt davon, dass er das Mandat nur übernommen hat, weil er in mir gute Schlagzeilen sah." Ihr Recht sei Benecken "völlig egal" gewesen.

"Unwahre Tatsachenbehauptungen"

Benecken erklärte, dass er wegen seiner Pflicht zur Verschwiegenheit zu Details keine Stellung nehmen könne. Wenn man ihn aber von seiner Schweigepflicht entbinde, könne er schon anhand der Akten beweisen, dass es sich um "unwahre Tatsachenbehauptungen" handele.

In einem Verfahren bei der Rechtsanwaltskammer wegen der Stromsache behauptete Benecken, Assauer habe die "Bild"-Geschichte gewollt und mit einem Reporter gesprochen.

Benecken wies darauf hin, dass sowohl das Verfahren bei der Rechtsanwaltskammer als auch ein Verfahren der Staatsanwaltschaft gegen ihn eingestellt worden seien. Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ging es um den Vorwurf der Verletzung von Privatgeheimnissen. Die Einstellung erfolgte nach Informationen von SPIEGEL ONLINE, weil Assauer zu spät Anzeige erstattet hatte.

Der Hypnotiseur Martin Bolze, Künstlername "Pharo", trauert dem Geld hinterher, das er Benecken gezahlt hat. Der TV-Künstler war nach einem Auftritt im Fernsehen wegen angeblicher Verstöße gegen das Heilpraktikergesetz angezeigt worden. Er musste sich wehren.

Bolze nennt das Verhalten von Benecken heute "sehr seltsam". Einmal will Bolze dem Anwalt auf dessen Wunsch 2000 Euro Honorar bar übergeben haben, bis heute ohne Quittung. Das wäre ein klarer Verstoß gegen die üblichen Gepflogenheiten. Benecken teilte mit, die Barzahlung sei auf Wunsch des Mandanten erfolgt, Bolze werde "entsprechend unserer Übung" eine Quittung erhalten haben.

Eines Abends Anfang 2013, so sagt Bolze, habe er Besuch von Benecken bekommen. Der habe ihm gesagt, für 10.000 bis 15.000 Euro sei die Akte vom Tisch. Bolze will entrüstet abgelehnt haben. Er beauftragte später einen anderen Anwalt. Bolzes Partnerin bestätigt die Episode.

Benecken teilte mit, der ermittelnde Staatsanwalt habe ihm damals angeboten, gegen Zahlung eines "größeren Geldbetrages an irgendeine karitative Einrichtung" könne das Verfahren eingestellt werden. Das habe er Bolze lediglich ausgerichtet.

Bolzes neuer Anwalt Thomas Behrens aus Oldenburg sagte auf Anfrage, er habe nach Übernahme des Falls eine Stellungnahme an die Staatsanwaltschaft geschickt. Drei Tage später sei das Verfahren "ohne Weiteres mangels Tatverdacht" eingestellt worden. Dass die Staatsanwaltschaft zuvor eine hohe Summe gefordert haben solle, sei "unwahrscheinlich". In den Akten lasse sich eine solche Forderung auch nicht finden.

"Alles, was wir sagen, ist wahr, aber wir sagen nicht alles, was wir wissen", so umschrieb Benecken jüngst sein berufsethisches Credo. Doch für eine gute Story nimmt es Benecken offenbar längst nicht immer so genau, wie er gern vorgibt.

TV-Koch Frank Rosin
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TV-Koch Frank Rosin

Vor zwei Jahren stand sein Mandant Frank Rosin wegen eines Blitzerfotos vor Gericht, der TV-Koch sollte deutlich zu schnell gefahren sein. Vor Gericht trug Benecken vor, am Steuer habe nicht Rosin gesessen, sondern ein Fahrer mit einer Rosin-Maske. Der Richter glaubte kein Wort. Rosin lenkte ein und musste ein Bußgeld zahlen. Ein paar Schlagzeilen aber gab es gratis.

Im September 2013 drehte Focus TV einen Beitrag über Beneckens Mandanten Muhlis A., der inzwischen in der Türkei lebte. In einer Interviewszene trat neben Benecken auch ein Mann auf, der sich als langjähriger Bekannter von A. ausgab. Wie zwei Zeugen SPIEGEL ONLINE bestätigten, handelte es sich in Wahrheit um einen Bekannten von Benecken, der Muhlis A. erst kurz zuvor kennengelernt hatte. Benecken sagte auf Anfrage, er könne sich an den Filmbeitrag nicht erinnern.

Im Fall Lohfink ist der nächste Akt offenbar längst geplant. Sollte die 29-Jährige vor Gericht verlieren, will sie die nächste Instanz anrufen - und "eher in den Knast" gehen als eine Strafe zahlen. Erzwingungshaft für Gina-Lisa - das wäre eine Geschichte. Für Herrn Benecken.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
FocusTurnier 05.08.2016
1. Nicht Anwälte machen Schlagzeilen....
....sondern Medien machen Schlagzeilen. Alles, was nun ein neues Licht auf den Fall wirft, erhellt auch den Dunstkreis der Medien.
snickerman 05.08.2016
2. Widerlich
Und dieser windige Anwalt tanzt der deutschen Justiz auf der Nase herum, schlimmer noch, die Verantwortlichen bis hinauf zum Justizminister lassen sich von solchen hanebüchenen Stories zu Gesetzes-Schnellschüssen hinreißen, die uns noch gealtig auf die Füße fallen werden. Und geholfen wird mit dem Verordnungswahn auch niemandem. Immerhin weiß ich nun, dass es nicht die Idee von Frau Lohfink war- sie wird von diesem publicitysüchtigen Knilch schamlos zum Opfer gemacht.
testuser2 05.08.2016
3.
Zitat von snickermanUnd dieser windige Anwalt tanzt der deutschen Justiz auf der Nase herum, schlimmer noch, die Verantwortlichen bis hinauf zum Justizminister lassen sich von solchen hanebüchenen Stories zu Gesetzes-Schnellschüssen hinreißen, die uns noch gealtig auf die Füße fallen werden. Und geholfen wird mit dem Verordnungswahn auch niemandem. Immerhin weiß ich nun, dass es nicht die Idee von Frau Lohfink war- sie wird von diesem publicitysüchtigen Knilch schamlos zum Opfer gemacht.
Frau Lohfink ist nicht immer benutztes Opfer der Männer sondern sie hat einen eigenen Willen, sich als Opfer darzustellen. Heiko Maas ist auch nicht auf diesen Fall hereingefallen, sondern er nutzt diesen Fall, um zusammen mit seinen feministischen Politiker-Kolleginnen das Sexualstrafrecht zugunsten der Frauen zu verschärfen. Und nicht der Anwalt ist es, der Frau Lohfink zur Ikone des Feminismus und sexueller Gewalt gegen Frauen stilisiert, sondern das sind neben Frau Lohfink selbst die feministischen Verbände und Demonstrantinnen, die zum Prozess um die Falschbeschuldigung mit Nein-heißt-Nein-Schildern rumlaufen.
janfred 05.08.2016
4. einer von Vielen..
Ein Teil der Leute, die Jura studieren, haben mit Sicherheit genau das Ziel vor Augen, wie sie als Anwalt gerne praktizieren wollen. Ins Rampenlicht zu gelangen, sich mit Halbwelt Gestalten abzugeben. Nicht mit dem Ziel, für Gerechtigkeit zu Sorgen, sondern damit, Verbrechen und bestimmte Praktiken zu verharmlosen und den Opfern die Aussagen so zu verdrehen, dass sie nachher noch mehr bestraft sind. Einfach nur fiese Charaktere. Wenn ich mir das Photo mit den Beiden betrachte, würde ich sagen, sie passen irgendwie perfekt zusammen.
Criticz 05.08.2016
5. Hier hat sich eine ungute Allianz gebildet
ein medienaffiner Anwalt, eine Frau Lohfink, die hier wohl immer noch erkannt hat, dass Falschbeschuldigung kein Kavaliersdelikt ist und eine politisch-feministische Lobby, die diesen Fall - der dafür überhaupt nicht taugt - perfekt instrumentalisiert hat. Höhepunkt bislang: ein Justizminister und eine FamilienministerIn, die sich in laufenden Verfahren einmischen. Man kann nur hoffen dass am Ende Rechtsstaatlichkeit und nicht diese Allianz siegen wird. Die Argumentation der Staatsanwältin jedenfalls ist absolut stichhaltig und plausibel und es wäre eben auch mal ein (anderes) "Zeichen", wenn klar würde, dass eine Falschbeschuldigung kein Kavaliersdelikt ist.
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