Asia Argento Von der Anklägerin zur Verdächtigen

Asia Argento ist Vorkämpferin der #MeToo-Bewegung. Doch nun wird ein Vorwurf laut: Die Schauspielerin soll sich selbst an einem Minderjährigen vergangenen haben - in einem Film hatte sie dessen Mutter gespielt.

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Die linke Faust kämpferisch in den Himmel gestreckt - so ging Asia Argento im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes über den roten Teppich zur Abschlussgala. Dann setzte die 42-Jährige auf der Bühne des Grand Thêatre Lumière zu einer bemerkenswerten Rede an:

"Im Jahr 1997 wurde ich in Cannes von Harvey Weinstein vergewaltigt. Ich war 21 Jahre alt. Dieses Festival war sein Jagdrevier. Ich möchte eine Vorhersage machen: Man wird Harvey Weinstein hier niemals wieder willkommen heißen. Er wird in Schande leben, von einer Gemeinschaft der Filmschaffenden gemieden, die ihn einst umarmt und seine Verbrechen gedeckt hat.

Sogar heute Abend sitzen in eurer Mitte diejenigen, die man noch immer nicht für ihr Verhalten gegenüber Frauen zur Verantwortung gezogen hat. Für ihr widerwärtiges Verhalten, das in dieser Branche keinen Platz hat. In keiner Branche, an keinem Arbeitsplatz. Ihr wisst, wer ihr seid. Aber, wichtiger als das: Auch wir wissen, wer ihr seid. Und wir werden nicht zulassen, dass ihr noch länger damit davonkommt."

Argento gehörte zu den ersten prominenten Frauen, die Ex-Hollywoodmogul Weinstein der Vergewaltigung beschuldigten. Er habe sie 1997 in seinem Hotelzimmer in Cannes zum Oralverkehr gezwungen, sagte die italienische Schauspielerin und Regisseurin im Oktober 2017 dem Magazin "New Yorker". Später, so sagte sie, hätten die beiden mehrmals einvernehmlichen Sex gehabt. Allerdings habe sie gefürchtet, wenn sie nicht mit Weinstein schlafe, würde er ihre Karriere torpedieren. Weinstein bestreitet eine Vergewaltigung.

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Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung: Die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein

Der Hashtag #MeToo wurde im Herbst 2017 unter Argentos Mitwirkung zum Sammelruf für den Kampf gegen sexuelle Gewalt.

Doch nun werden Vorwürfe gegen die #MeToo-Vorkämpferin selbst laut: Argento soll sich 2013 an dem damals 17-jährigen Jimmy Bennett vergangen haben. Das berichtet die "New York Times" unter Berufung auf anonyme Quellen und ihr vorliegende Unterlagen über eine außergerichtliche Einigung zwischen Argento und Bennett.

Den Dokumenten zufolge kam der Deal im April zustande - und beinhaltet eine Zahlung von 380.000 Dollar an Bennett, zahlbar innerhalb von anderthalb Jahren. Im April flossen demnach bereits 200.000 Dollar. Argentos Anwältin Carrie Goldberg schrieb laut den Unterlagen, mit dem Geld solle Bennett geholfen werden.

Drei mit dem Fall vertraute Personen bestätigten der "New York Times" die Echtheit der Dokumente. Die Zeitung versuchte nach eigenen Angaben wiederholt, eine Stellungnahme von Argento oder ihren Anwälten zu bekommen, vergeblich. Auch Bennett wollte sich demnach nicht äußern.

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Asia Argento: Einigung für 380.000 Dollar

Der sexuelle Übergriff ereignete sich dem Bericht zufolge am 9. Mai 2013 in einem Hotel in Kalifornien. Argento war damals 37 Jahre alt, Bennett zwei Monate zuvor 17 geworden. Das gesetzliche Mindestalter für einvernehmlichen Sex liegt in Kalifornien bei 18 Jahren.

Bennett stellt das Geschehen in den Dokumenten laut "New York Times" so dar: Er und Argento hätten sich im Ritz-Carlton in Marina del Rey getroffen. Sie habe ihm Alkohol zu trinken gegeben. Später habe sie ihn geküsst, aufs Bett geworfen und Oralsex an ihm vorgenommen. Dann habe sie sich auf ihn gelegt, und sie hätten Geschlechtsverkehr gehabt.

Danach soll Argento den Jugendlichen gebeten haben, Fotos zu machen. Einige der Bilder liegen der "New York Times" nach eigenen Angaben vor. Die Schauspielerin veröffentlichte am 9. Mai 2013 ein Foto von sich und Bennett auf Instagram - und schrieb dazu: "Glücklichster Tag in meinem Leben, Wiedersehen mit Jimmy Bennett."

Happiest day of my life reunion with @jimmymbennett xox

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Bennett und Argento verbindet eine langjährige Beziehung. Sie sei wie eine Mutter und Mentorin für Bennett gewesen, heißt es in den Dokumenten. 2004, damals war er sieben Jahre alt, spielte sie im Film "The Heart Is Deceitful Above All Things" seine Mutter: eine Stripperin, die ihren kleinen Sohn von Männern missbrauchen lässt.

Nach dem Vorfall im Hotel 2013 habe er sich "extrem verwirrt, beschämt und geekelt" gefühlt, so Bennett. Die Erfahrung habe ihn traumatisiert und seiner Karriere geschadet.

Laut "New York Times" schickte Bennett der Schauspielerin einen Monat nach dem Vorfall, am 8. Juni 2013, eine Twitter-Botschaft: "Vermisse dich, Mama!!!!"

Jimmy Bennett (l.), Asia Argento (2004 im Film "The Heart Is Deceitful Above All Things")
ddp/ interTOPICS/ Capital Pictures

Jimmy Bennett (l.), Asia Argento (2004 im Film "The Heart Is Deceitful Above All Things")

Für Bennetts Anwälte war der Vorfall in dem Hotel eine sexuelle Nötigung, durch die der einstige Kinderdarsteller traumatisiert wurde - mit Folgen für seine geistige Gesundheit und sein Einkommen.

Infolge des mutmaßlichen Übergriffes soll Bennett 3,5 Millionen US-Dollar Schaden erlitten haben, wie er in den Dokumenten angibt. In den fünf Jahren vor dem Treffen im Jahr 2013 habe er mehr als 2,7 Millionen US-Dollar eingenommen. Später nur knapp 60.000 Dollar im Jahr.

Für Bennett sei es unerträglich gewesen, dass sich Argento als Opfer sexualisierter Gewalt präsentierte, schrieb sein Anwalt laut "New York Times". Ihre Auftritte hätten die Erinnerungen an das Treffen im Hotelzimmer wachgerufen. Im November 2017 kontaktierten seine Anwälte daher offenbar Vertreter Argentos.

"Ich bin an so vielen Leuten schuldig geworden"

Die Schauspielerin, 1975 in Rom geboren, stand das erste Mal im Alter von zehn Jahren vor der Kamera. Ihr Vater ist der Horrorfilmregisseur Dario Argento, in dessen Filmen sie auch mitwirkte.

Die 42-Jährige hat zwei Kinder, eine Tochter aus der Beziehung mit dem italienischen Sänger Marco Castoldi und einen Sohn aus ihrer inzwischen geschiedenen Ehe mit dem Filmemacher Michele Civetta. Zuletzt war sie mit Promi-Koch und Fernsehstar Anthony Bourdain liiert, der im Juni Suizid beging.

Argento machte sich auch als Regisseurin einen Namen. Im Dezember 2014 sprach sie in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE über ihren Film "The Heart Is Deceitful Above All Things" von 2004. "Die Rolle ergriff Besitz von mir, auch wenn ich gar nicht vor der Kamera stand", sagte Argento. "Ich bin an so vielen Leuten schuldig geworden, es brauchte zehn Jahre, bis ich an einen weiteren Film als Regisseurin nachdenken konnte."

wit/AFP



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