Aussteigerreport: Hollywood-Regisseur düpiert Scientology

Von , New York

Paul Haggis verbrachte mehr als die Hälfte seines Lebens in der Psycho-Organisation Scientology. 2009 trat der Hollywood-Regisseur aus - jetzt berichtet er detailliert aus dem Innenleben der Gruppe: über Misshandlung, Zwangsarbeit, Homophobie. Das FBI soll Ermittlungen aufgenommen haben.

US-Regisseur Paul Haggis: Ein Scientologe packt aus Fotos
AP

"35 Jahre lang war ich in einer Sekte", sagt Paul Haggis. "Alle anderen konnten es sehen. Warum ich es nicht sah, weiß ich nicht."

Diese Einsicht findet sich ganz am Ende eines 26-seitigen Exposés in der aktuellen Ausgabe des Magazins "New Yorker". Sie ist die Schlusspointe, der letzte vieler Paukenschläge in einer Enthüllungsrecherche, die besagter "Sekte" gilt und diese in den USA jetzt erneut in die Schlagzeilen rückt: Scientology.

Haggis, 57, ist einer der Leistungsträger Hollywoods, die außerhalb Hollywoods kaum jemand kennt. Dabei hat der Regisseur und Drehbuchautor zwei Oscars in der Tasche, beide für seine Rassen- und Klassenstudie "Crash" (2006). Zu Clint Eastwoods "Million Dollar Baby", der 2004 als bester Film prämiert wurde, schrieb er das Buch. Zuvor legte der Kanadier eine lange TV-Karriere hin, mit ikonischen Serien wie "Love Boat", "L.A. Law" und "Walker, Texas Ranger". Sein jüngster Kinofilm "72 Stunden - The Next Three Days" spielte trotz mauer Kritiken weltweit fast 55 Millionen Dollar ein.

Hinter dem Erfolg jedoch verbirgt sich ein komplexer Charakter. "Ich bin eine zutiefst zerbrochene Person", beichtet Haggis dem "New Yorker", "und zerbrochene Institutionen faszinieren mich."

Die zerbrochene Institution, die Haggis meint, ist Scientology, die Psycho-Organisation, die schon viele in den finanziellen und sozialen Ruin getrieben haben soll und ihre Gegner bitter verfolgt. Haggis hatte sich ihr 1975 angeschlossen, als 22-jähriger Hollywood-Neuling. Im Sommer 2009 brach er mit Scientology. Sein Austrittsbrief machte kurz Wirbel, danach schwieg Haggis - bis jetzt.

Die Beichte des Aussteigers bietet den bisher detailliertesten und schockierendsten Blick hinter die Kulissen Scientologys. Haggis war dort keine kleine Nummer, sondern verkehrte am Ende in höheren Gefilden. Und er ist nun der größte und bislang einzige Star, der aus dem Nähkästchen plaudert. Allein das ist ein schwerer Schlag, da Scientology in der Öffentlichkeit stark auf VIP-Power setzt: Tom Cruise, Katie Holmes, John Travolta, Kirstie Alley, Lisa Marie Presley.

"Warum zum Teufel blieb er 35 Jahre?"

Die Organisation dementiert die meisten Vorwürfe und kommt in dem Bericht ausführlich zu Wort. "Der Artikel ist kaum mehr als das Wiederkäuen alter Anschuldigungen, die längst widerlegt sind", so Tommy Davis, Sprecher der Organisation und Sohn der Schauspielerin Anne Archer ("Eine verhängnisvolle Affäre"), ihrerseits ebenfalls bekennende Scientologin.

Einige dieser Anschuldigungen sind freilich neu, zumindest für viele Laien. Zum Beispiel, dass Scientology Zwangs- und Sklavenarbeit betreibe. Oder dass man dort schwulenfeindlich sei. Oder dass das FBI schon lange gegen die Organisation vorgehe. Ob diese Ermittlungen andauern, darüber gibt es widersprüchliche Aussagen: Der "New Yorker" sagt ja, andere US-Medien sagen nein, das FBI schweigt, wie üblich.

Haggis erklärte seinen Austritt im August 2009 in einem Brief an Davis. Drei Monate später wurde das Schreiben, mit Billigung des Autors, vom Blogger Marty Rathbun publik gemacht. Rathbun ist selbst ein hochrangiger Scientology-Aussteiger.

Der Abschied Haggis' ist auch bemerkenswert, weil er Scientology so lange treu war. Er war ursprünglich eingestiegen, um eine Beziehung zu kitten: "Es wurde mir als angewandte Philosophie verkauft." Über Jahrzehnte sei er bei Scientology "bis ganz oben" gelangt. "Ja, es fühlte sich immer falsch an", bekennt er. Aber er habe die Widersprüche lange absichtlich übersehen. "Wenn er so verstört war", fragte Sprecher Davis, "warum zum Teufel blieb er dann 35 Jahre lang dabei?"

Haggis begründete seinen späten Austritt damit, dass Scientology die "Proposition 8" unterstützt habe - jenes Referendum, das im November 2008 die damals legale Schwulenehe in Kalifornien wieder zu Fall gebracht hatte. Dies, schrieb Haggis, sei "ein Makel in der Integrität unserer Organisation und ein Makel für uns persönlich".

"Aggressive, sogar gewaltsame Disziplin"

"Seit langer Zeit gibt es eine versteckte, schwulenfeindliche Stimmung in der Kirche", sagt Haggis, der zwei lesbische Töchter hat. "In allzu vielen Fällen war ich schockiert zu hören, wie Scientologen abfällige Bemerkungen über Homosexuelle machten." Schwule gälten auf der Scientology-"Emotionsskala" als "der gefährlichste und niederträchtigste Grad", wie es Scientology-Gründer und Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard einst formuliert hatte. Eine pikante Enthüllung, müssen sich doch manche Scientology-Stars bis heute mit Gerüchten über ihr Sexualleben herumschlagen.

Scientology streitet auch Schwulenfeindlichkeit ab. Die Organisation beziehe politisch keine Stellung, so Davis. Die "Unterstützung" der "Proposition 8" sei aufs Konto eines einzelnen Mitglieds gegangen, das "diszipliniert" worden sei.

Die Frage der Disziplin taucht in dem Haggis-Report auch noch in anderem Zusammenhang auf: In geheimen Scientology-Lagern würden renitente Mitglieder mit Zwangsarbeit "rehabilitiert" - selbst Teenager. "Überläufer beschreiben sie als Straf- und Umerziehungslager", so der "New Yorker". Ein Lager sei in Los Angeles.

Scientology-Aussteiger Bruce Hines sagte dem "New Yorker", er habe sechs Jahre lang in solchen Lagern gelebt. Jeder, der zu fliehen versucht habe, sei wieder aufgespürt und "weiterer Bestrafung" unterzogen worden. Scientology-Sprecher Davis bestätigte die Existenz der Lager, sagte aber, der Aufenthalt sei freiwillig.

Charterjets, Diener und Köche

Auch beschuldigt Haggis den Scientology-Chef David Miscavige, Untergebene zu schlagen. "Miscavige erwartete, dass die Scientology-Führer aggressive, sogar gewaltsame Disziplin schufen", ergänzt der "New Yorker" unter Berufung auf Zeugen. Unter den Opfern seien auch Kinder. Scientology dementiert das.

Das FBI ermittelt dem "New Yorker" zufolge schon "seit einer ganzen Weile" gegen Scientology. So habe die Behörde im Dezember 2009 tagelang Scientology-Aussteiger vernommen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Nach Angaben aus FBI-Kreisen sei der Fall "bis heute offen".

Im Visier der Fahnder stehe auch der "luxuriöse Lifestyle" von Miscavige und anderen Scientology-Promis, darunter Cruise. Aussagen von Aussteigern "legten nahe", dass Miscavige "mehr wie ein Hollywood-Star lebt als wie der Führer einer religiösen Organisation". Er fliege Charterjets, trage maßgeschneiderte Schuhe, habe Diener und Köche und eine "große Autosammlung". Die Führungskaste dagegen verdiene höchstens 50 Dollar pro Woche. Scientology stritt kategorisch ab, "dass die Gelder der Kirche dem Privatnutzen Miscaviges zugute kommen", und bot Zeugen für ihre Version auf.

Verdacht erregte dem "New Yorker" zufolge auch die luxuriöse Veredelung zweier Motorräder und eines SUV's, die Scientology-Mitglieder für Tom Cruise hätten verrichten müssen - zum Hungerlohn. Auch das wird von Scientology und Cruises Rechtsanwalt dementiert.

Extremes Abhängigkeitsverhältnis

Das Magazin beschreibt ein extremes Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Betroffenen und Scientology-Chef Miscavige. "Sie hatten kein Geld, keine Kreditkarten, keine Telefone." Ex-Scientologin Claire Headley, die als 16-Jährige eingetreten war, wurde mit den Worten zitiert: "Jede letzte Spur meines Lebens, wie ich es kannte, wurde weggeworfen. Es war, als lebten wir in George Orwells '1984'." Auch habe Scientology sie zu zwei Abtreibungen gezwungen.

Nach seinem Austritt wurde Haggis von etlichen namhaften Scientologen persönlich bedrängt, darunter Anne Archer. "Es tat ziemlich weh", sagte Archer dem "New Yorker". "Alle wollten sehen, ob es nicht eine Lösung geben konnte."

Der "New Yorker" gab Scientology Gelegenheit, sich zu allen Vorwürfen zu äußern. Die Vertreter der Organisation, berichtete Autor Lawrence Wright amüsiert, seien dazu mit vier Rechtsanwälten in der Redaktion erschienen - sowie 48 Aktenordnern, die aneinandergereiht fast zwei Meter Länge eingenommen hätten.

Haggis' Austritt macht ihnen derzeit viel Arbeit.

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1. Entwischt
Trivalent 14.02.2011
Zitat von sysopPaul Haggis verbrachte mehr als die Hälfte seines Lebens in der Psycho-Organisation Scientology. 2009 trat der Hollywood-Regisseur aus - jetzt berichtet er*detailliert aus dem Innenleben der Gruppe: über Misshandlung, Zwangsarbeit, Homophobie. Das FBI soll Ermittlungen aufgenommen haben. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,745333,00.html
Nichts wirklich Neues. Da fragt man sich, wozu das Alles? Erst "rein in die Kartoffel" und wenn die Augen aufgehen, in des Wortes doppelter Bedeutung, dann wieder mit Ach und Krach raus aus dem Psycho-Laden. Ach so, ja, der Dreck, ohne den nix läuft; den kann man sich ja dazu denken.
2. Paul Haggis...
settembrini. 14.02.2011
...ist, so hoffe ich, endlich mal ein ernstzunehmender Kritiker, der mit dieser sinnleeren Organisation abrechnet, deren diabolische Methoden geeignet sind, Menschen mit besonderen Dispositionen, auf Dauer zu schädigen. Ihr Vorhaben wirkt über "Myzelien" die den betreffenden Menschen sich selbst entfremden, gar zum Monster werden lassen kann. Mit Methoden, die Drücker-Gurus schon zu Erfolg geführt haben, bedienen sich die in geschickt gegliederten Führungsebenen tätigen, Suggestoren. Die hier angeführte Homophobie ist lediglich eine systemdienliche Minderheitenseparierung, deren Zugehörige eine höhere Verfügbarkeitschwelle auszeichnet.
3. Tja...
egils 14.02.2011
...auch nichts neues wasd er Herr da berichtet. Wir weitestgehenst normal denkenede Menschen haben uns soewtas ueber Scientology schon gedacht. Aber auch wenn wir alle im prinzip gegen diese Sekte sind, so unterstuietzen wir diese doch in dem wir uns die Filme der propaganda-Abteilung dieser Sekte, mit Cruise/Travolta an der Spitze ansehen. All deren produktionen soltlen wir boykottieren, und ebenfalls aufhören diese Spinner zu preisvelreihungen nach Deutshcland zu holen oder gar mit preisen zu ehren.
4. Scientology ist keine Kirche!
HaPeGe 14.02.2011
Zitat von sysopPaul Haggis verbrachte mehr als die Hälfte seines Lebens in der Psycho-Organisation Scientology. 2009 trat der Hollywood-Regisseur aus - jetzt berichtet er*detailliert aus dem Innenleben der Gruppe: über Misshandlung, Zwangsarbeit, Homophobie. Das FBI soll Ermittlungen aufgenommen haben. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,745333,00.html
Sie ist, wohlwollend gesagt, ein Unternehmen, welches auf wirtschaftlichen Erfolg hin arbeitet; und wenn man die Machenschaften und die Verletzung der Menschenrechte beleuchtet, dann muss man sagen Scientology gehört verboten, weil es eine kriminelle Vereinigung ist!
5. Psychofalle
badbeardxb 14.02.2011
Alle Ideologien, die in sich geschlossen sind und fuer jeden "abweichenden", kritischen Gedanken eine pseudo-logische Erklaerung haben (z.B. der Teufel oder das Ego sind schuld), machen es schwer sich ihnen wieder zu entziehen. Scientology ist besonders uebel, da es die klassische religioese double bind message ("Du bist goettlich und auserwaehlt solange Du uns gehorchst, allerdings bist du jetzt eigentlich noch Muell und musst dich erst reinigen, verselbsten, ent-ichen, Engramme ausbuegeln, deine Suendhaftigkeit ueberwinden etc.etc..Aber dann bist du goettlich und erkennst dass du es schon immer warst") zur perfiden Perfektion getrieben hat.
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Scientology
Ursprünge
Gegründet wurde die Scientology 1954 von L. Ron Hubbard in den USA. Grundlage war das von Hubbard veröffentlichte Buch "Dianetik - Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit". Die Scientology-Organisationen veranstalten bis heute Kurse, die sich auf diese Grundlagen des 1986 verstorbenen Gründers berufen. Scientology wirbt weltweit um Mitglieder. Die Organisation selbst nennt sich Kirche, Kritiker sprechen von einer Sekte.
Deutschland
In Deutschland trat Scientology erstmals 1970 auf. Etwa 5000 bis 6000 Mitglieder zählte die Organisation nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz im vergangenen Jahr in Deutschland. Scientology Deutschland betreibt demnach zehn "Kirchen", die sich allesamt in Großstädten befinden. Darüber hinaus gibt es 14 "Missionen". Auf ihrer eigenen Homepage verweist die Organisation nur auf neun "Kirchen", die "Missionen" werden nicht erwähnt.

Scientology verfolgt nach jüngeren Beobachtungen des Verfassungsschutzes Expansionsbestrebungen für die ganze EU. In Deutschland hat die Niederlassung in Berlin die wichtigste Funktion. Berlin sei "die lebenswichtige Adresse" für Scientoloy, heißt es in einem internen Papier der Organisation. "Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen", heißt es in dem vom Verfassungsschutz zitierten Papier weiter.
Verfassungsschutz
Scientology ist schon länger im Fokus der Behörden. Schon 1997 stellten die Länderinnenminister fest, dass die Ziele der Organisation gefährlich sind und die demokratische Grundordnung bedrohen. Daher wurde damals die Beobachtung durch den Verfassungsschutz beschlossen. Nun wollen die Innenminister auch die Möglichkeit eines Verbots prüfen lassen.

Das Verwaltungsgericht Köln stellte in einem Urteil fest, dass die nachrichtendienstliche Beobachtung rechtmäßig ist, weil es "tatsächliche Anhaltspunkte" dafür fest, dass Scientology gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebungen verfolge. Wesentliche Grund- und Menschenrechte wie die Menschenwürde oder das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit werden demnach bei Scientology außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt. Außerdem strebe die Organisation eine Gesellschaft ohne freie Wahlen an.
Prominente Mitglieder
Mehrere Stars und Künstler bekennen sich offen zu Scientology, unter anderem die Schauspieler Tom Cruise, John Travolta und Anne Archer. In Deutschland steht Lindenstraßen-Schauspieler Franz Rampelmann zu der umstrittenen Organisation.

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