Betty Ford ist tot Die Frau ohne Tabus

Sie nahm kein Blatt vor den Mund, schockierte und begeisterte mit ihrer Offenheit die Amerikaner. Das wahre Verdienst von Betty Ford aber war ihr Einsatz für Suchtkranke - Tausende Menschen verdanken der früheren First Lady ihr Leben. Nun ist die alte Dame gestorben.

REUTERS

Von , New York


Betty Ford war außer sich. Als Freunde sie wegen ihres Alkoholismus zur Rede stellten, weigerte sie sich, das Problem zu sehen: Sie trinke doch nur "in Maßen" und "kontrolliert". Ihre Familie ließ nicht locker, zwang sie in die Ausnüchterungskur. Ford sträubte sich, schrie, brüllte sie an: "Ihr seid ein Haufen Monster!"

Diese turbulente "Intervention" fand 1978 statt. Ein Jahr zuvor hatte Fords Ehemann Gerald Ford die Wiederwahl zum US-Präsidenten verloren. Er selbst nötigte die vormalige First Lady, professionelle Hilfe zu suchen für ihre Alkohol- und Pillensucht. Zähneknirschend begab sie sich in Behandlung, ins kalifornische Long Beach Naval Hospital. Und erst damit würde die wohl wichtigste Etappe im Leben der Betty Ford beginnen - ein Leben, das bis heute Millionen andere berührt.

Die Ex-Präsidentengattin, die am Freitag im Alter von 93 Jahren starb, war bekannt für ihre unprätentiöse Offenheit, mit der sie das bis dahin rein zeremonielle Amt der First Lady zum Aktivistenposten verwandelte. Sie kämpfte für Gleichberechtigung und Abtreibung. Sie plauderte über Sex und Marihuana. Sie nannte sich eine "ganz normale Frau", doch ihre Aura begeisterte die Massen, egal welcher Couleur.

Fords wahres Verdienst aber ist ihr selbstloses Engagement für Alkohol- und Suchtkranke. Nachdem sie gezwungen worden war, sich mit ihren eigenen Dämonen zu konfrontieren, wandelte sie sich zur forschen Kämpferin für ihre Leidensgenossen. Ihr Betty Ford Center, die weltberühmte Suchtklinik, behandelte Stars und Staatschefs und half, das soziale Stigma des Alkoholismus in den USA zu beseitigen. Denn Ford wusste aus eigener, schmerzhafter Erfahrung, dass Sucht eine Krankheit ist, kein Laster, und dass es den meisten Suchtkranken geht wie ihr, bevor sie damals gesund wurde: "Ich dachte nie, dass es mich mehr belasten würde, als man es von Krebs oder Diabetes erwartet."

"Ich wurde als Alkoholikerin geboren"

Fords Griff zur Flasche eskalierte während der Karriere ihres Mannes, hatte seine Wurzeln aber viel früher: "Ich wurde als Alkoholikerin geboren." Ihr Vater, ein Handelsvertreter, und ihr Bruder waren ebenfalls alkoholsüchtig. Fords Krankheit verschlimmerte sich, als sie für chronische Nervenschmerzen Medikamente bekam, von denen sie schnell abhängig wurde. Die schlimmsten Schmerzen lagen jedoch woanders. "Ein Teil des Leids, das ich auszulöschen versuchte, war emotional", berichtet Ford in ihrer Autobiografie. Sie fühlte sich einsam, verloren, minderwertig. Vieles hatte mit dem politischen Aufstieg ihres Gatten zu tun: "Ich war überzeugt, dass ich umso unwichtiger wurde, je wichtiger Jerry wurde."

Dabei waren sie so innig verbunden wie sonst kaum ein Paar im Weißen Haus. Obwohl Betty Ford oft anderer Meinung war als ihr Ehemann, ein Republikaner, war sie seine Stütze, seine Seele - und sogar seine Stimme: Als ihm 1976 nach der Wahlniederlage gegen Jimmy Carter die Worte versagten, war sie es, die seine Abtrittsrede verlas, mit würdevollem Lächeln.

Sie hatten sich 1947 kennengelernt. Die Ex-Tänzerin, die einst bei Martha Graham studiert hatte, war frisch geschieden. Gerald Ford war Rechtsanwalt und, so seine spätere Frau, "der begehrteste Jungeselle in Grand Rapids", jener Stadt in Michigan, in der sie beide aufwuchsen. Anfangs ordnete sie sich den Plänen ihres Gatten stets unter. Die Hochzeit fand an einem Freitag statt, damit der Ex-Footballstar Ford ein wichtiges Spiel tags darauf nicht verpasste. Und die Hochzeitsreise verbrachten sie auf Wahlkampfterminen, da Ford sich gerade um einen Sitz im US-Repräsentantenhaus bewarb.

Er gewann die Wahl, und Betty zog mit ihm ins verhasste Washington, wo sie mehr als das nächste Vierteljahrhundert verbringen würde: "Wir kamen für zwei Jahre und blieben für 28." 1974 wurde Ford Vizepräsident unter Richard Nixon und beerbte ihn dann, als dieser 1974 im Zuge des Watergate-Skandals zurücktrat. Betty Ford hatte nie gewollt, dass ihr Mann einmal Präsident würde. Doch als es dann durch eine Kapriole der Geschichte doch geschah, setzte sie alles daran, das Beste daraus zu machen. "Wenn das Weiße Haus schon unser Schicksal ist", sagte sie, "dann, so beschloss ich, sollte ich wenigstens auch Spaß dabei haben."

Drogen, Sex, Krankheit - keine Tabuthemen für die Präsidentengattin

Ihre Zeit im Weiße Haus währte nicht lange, Ford amtierte nur bis zur nächsten Wahl, gerade mal 896 Tage. Trotzdem ist seine First Lady den meisten Amerikanern bis heute ein Begriff - mehr noch als Gerald Ford selbst. Sie lockerte das Korsett des Weißen Hauses, das ihre stocksteife Vorgängerin Pat Nixon geschnürt hatte. Sie kümmerte sich so rührend um das Dienstpersonal, dass der Stab sie nach ihrer Krebsoperation 1974 mit handgemalten Schildern begrüßte: "Wir lieben dich, Betty."

Am beliebtesten bei den Amerikanern machte sie sich aber mit ihrer unverblümten Meinung, die sie zu jeder passenden - und unpassenden - Gelegenheit abgab. "Vielleicht war das für eine First Lady ungewöhnlich, aber es war mein Temperament", sagte sie einmal in einem Interview mit der "Washington Post". "Ich mag nicht unehrlich sein, also sagte ich, was ich dachte, wenn mich die Leute danach fragten."

Egal, dass das ihren Mann oft Wählerstimmen kostete. So bekannte sie, sie schlafe "so oft wie möglich" mit ihm, hätte in ihrer Jugend gerne mal Marihuana probiert und "wäre nicht überrascht", wenn ihre Tochter Susan - damals 18 - vorehelichen Sex hätte. Auch setzte sie sich öffentlich für die Gleichberechtigung ein, trotz Abertausender Protestbriefe, die sie bekam. Und wenn nötig, schwieg sie auch mal, etwa zur Abtreibungskritik der Republikaner.

Ihr öffentlicher Kampf gegen den Brustkrebs machte sie zum Vorbild für Millionen Frauen. 1974, kurz nachdem Gerald Ford Präsident geworden war, ließ sie sich die rechte Brust entfernen - und sprach offen über dieses damals noch selten diskutierte Thema. Sie bekam daraufhin mehr als 10.000 Briefe und Hunderte Telegramme, und das Weiße Haus wurde mit Blumensträußen überschüttet. Ford - die völlig vom Krebs gesundete - riet allen Frauen zur Vorsorge "so schnell wie möglich" und prägte damit ein neues Krebsbewusstsein.

Prominente Suchtkranke pilgern in die Betty-Ford-Klinik

Ihren Ehemann beriet sie jedoch oft erfolglos. So warnte sie ihn davor, Richard Nixon zu begnadigen, dem wegen Watergate kriminelle Ermittlungen drohten. Ford tat es dennoch und verdarb es sich damit mit vielen Amerikanern - einer der Gründe seiner Wahlniederlage.

Nach dem Auszug aus dem Weißen Haus bekam sie ihre Alkohol- und Pillensucht in den Griff - und tat daraufhin, was für viele genesende Alkoholiker zur Lebensgrundlage wird: Sie widmete sich dem Leiden anderer. 1982 gründete sie gemeinsam mit Leonard Firestone, dem ehemaligen US-Botschafter in China, die Betty-Ford-Klinik im kalifornischen Rancho Mirage, dem Ruhesitz der Fords nach Washington. Der idyllische Campus der Klinik südlich von Palm Springs wurde schnell zum Wallfahrtsort für suchtkranke Prominente - Elizabeth Taylor, Liza Minnelli, Stevie Nicks. Aber auch zahllose andere fanden Hilfe in der Kur der Klinik, die sich am 12-Stufen-Programm der Anonymen Alkoholiker orientiert.

Ford änderte die Vorurteile über Alkoholismus und Drogensucht. Indem sie ihren Namen für die Behandlung dieser Tabukrankheit gab, half sie vielen Süchtigen aus dem gesellschaftlichen Schatten heraus und gab ihnen ihre Würde zurück. Ihre persönliche Rolle erkannte sie jedoch ungern an: "Dankt mir nicht", sagte sie zu anderen, die sie in Meetings der Anonymen Alkoholiker ansprachen. "Dankt euch selbst."

Später scheute sie die Öffentlichkeit. Zuletzt gesehen wurde sie 2006, bei der Beerdigung ihres Mannes, die zu einer sechstägigen, nationalen Trauerfeier wurde. Wacklig kniete Betty Ford vor seinem Sarg nieder, der in der Rotunda des US-Kongresses aufgebahrt war.

Die Kondolenzschreiben zu ihrem Tod kommen nun aus der ganzen Welt. Staatsmänner und Stars würdigen ihre Taten. Der demokratische Kongressabgeordnete Barney Frank brachte es jedoch mit einem kurzen, einfachen Satz auf den Punkt: "Sie war eine wundervolle Frau."



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
thepunisher75 10.07.2011
1. Die einzigen die die Betty-Ford Klinik interessiert sind...
Zitat von sysopSie nahm kein Blatt vor den Mund, schockierte und begeisterte mit ihrer Offenheit die Amerikaner. Das wahre Verdienst von Betty Ford aber war ihr Einsatz für Suchtkranke - Tausende Menschen verdanken der früheren First Lady ihr Leben. Nun ist die alte Dame gestorben. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,773456,00.html
..Hollywood Schauspieler, Reiche Deutsche, die sich an einem Image aufgeilen, das total irrelevant zur Diskussion ist und Leute, die Alkohol und andere Drogen als Problem sehen, aber selbst nicht kapieren, das es von der Wirtschaft benutzt wird um noch mehr Geld aus den Taschen der Leute zu nehmen. Mal Ernsthaft, WARUM wird PHILIP MORRIS nicht verboten Zigaretten an die Weltbevölkerung zu verkaufen, wenn sie so 'gefährlich' sind ??? Na ?! Weil die Regierungen an dessen Verkauf verdienen. Genauso wie mit Alkohol, mancher Drogen, Casinos (wo der Staat auch kräftig mitverdient, JA auch Deutschland !) und Sex ! Warum etwas verbieten das dem Staat die Taschen füllt ??
EuroStar2011 10.07.2011
2. Rip
Zitat von sysopSie nahm kein Blatt vor den Mund, schockierte und begeisterte mit ihrer Offenheit die Amerikaner. Das wahre Verdienst von Betty Ford aber war ihr Einsatz für Suchtkranke - Tausende Menschen verdanken der früheren First Lady ihr Leben. Nun ist die alte Dame gestorben. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,773456,00.html
Rest in Peace Betty
HappyLuckyStrike 10.07.2011
3. Jaja, die Betty...
die sich wie alle Präsidentengattinnen dem sinnlosen "War on Drugs" (falls sich die Jüngeren hier fragen, was vor dem "War on Terror" eigentlich so war) widmete, hatte wenigstens etwas Sachverstand. Ihre Vorgängerin Nancy Reagan war ja durch das robuste "Just Say No !" berüchtigt geworden. Dabei war ihr Göttergatte Ron (seine beste Rolle lieferte er meiner Meinung nach in "Tod eines Killers mit Lee Marvin) klar süchtig auf Jelly Beans. Der Mann wußte, wie man das Leben richig genießt !
dilletantes 10.07.2011
4. +
Zitat von HappyLuckyStrikedie sich wie alle Präsidentengattinnen dem sinnlosen "War on Drugs" (falls sich die Jüngeren hier fragen, was vor dem "War on Terror" eigentlich so war) widmete, hatte wenigstens etwas Sachverstand. Ihre Vorgängerin Nancy Reagan war ja durch das robuste "Just Say No !" berüchtigt geworden. Dabei war ihr Göttergatte Ron (seine beste Rolle lieferte er meiner Meinung nach in "Tod eines Killers mit Lee Marvin) klar süchtig auf Jelly Beans. Der Mann wußte, wie man das Leben richig genießt !
Alles okay, aber Nancy war ne Nachfolgerin, Reagan war das Herzchen vor Bush Sen. und nach Jimmy Carter...
diamorphin 10.07.2011
5.
Ich muss allerdings sagen, das "Alkoholkrank" doch sehr "Relativ" ist für jemanden wie Betty Ford - soll heissen, jemand der selbst gaaaaanz weit oben steht, für den ist es zwar auch ein Stigma, aber die Behandlungsmöglichkeiten sind ganz andere. Die medizinische Versorgung der (Ex-)Präsidentengattin dürfte eine weitaus bessere gewesen sein, als die eines Penners auf der Strasse. Man die besten Ärzte, Medikamente, Therapien usw. nunja... weitaus bessere Karten, das Problem zumindest in den Griff zu kriegen als einer von der Unterschicht. Das Betty Ford Center hilft ja - laut Wikipedia - auch Armen, wobei ich mich da zu wenig auskenne, was jetzt Real und was Klischee ist... werden da die Armen wirklich unentgeltlich behandelt oder so? Kann ich mir schlecht vorstellen, das die einen unbekannten Crack-Head von der Strasse in ein solches Zimmer im Pavillon gleich neben den Superstar aus Hollywood stecken, und das die Rechnung des Crack-Heads auch noch von der Stiftung bezahlt wird? Wie sieht das in der Praxis, in der Realität eigentlich aus im Betty Ford Center? Aber nunja, gerade als Heldin hochstilisieren, ich weiss nicht... natürlich braucht es Mut, über solche Themen zu sprechen vor allem wenn man die First Lady ist, aber ich denke sie war wohl schon immer so veranlagt, als Mensch, als Person. Mit dem Präsidentenamt ihres Gatten hat ihre Suchtgeschichte und Co. eher weniger zu tun, auch wenn dies entgegen den Artikel geht. Freundliche Grüsse diamorphin
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