Seenotrettung im Mittelmeer "Es ist keine Option, Menschen ertrinken zu lassen"

Bjarne Mädel unterstützt mit anderen Prominenten eine Kampagne zur Seenotrettung von Flüchtlingen. Im Gespräch erzählt er, warum er die Flüchtlingsdebatte oft als zynisch empfindet.

Kevin McElvaney/ SOS MEDITERRANEE

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA
    Bjarne Mädel, Jahrgang 1968, studierte nach dem Abitur Weltliteratur und kreatives Schreiben in Kalifornien, wurde danach an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam zum Schauspieler ausgebildet. Als Berthold "Ernie" Heisterkamp in der TV-Serie "Stromberg" wurde er deutschlandweit bekannt. Seit 2011 spielt er die Hauptrolle des Heiko "Schotty" Schotte in der Serie "Der Tatortreiniger". Mädel arbeitet auch als Hörbuch- und Synchronsprecher. Er lebt mit seiner Freundin in Berlin.

Die "Aquarius" hatte Hunderte Flüchtlinge an Bord, trotzdem verweigerte Italien dem Rettungsschiff vor zwei Monaten das Anlegen an seiner Küste. Seit wenigen Tagen ist das Schiff der Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen wieder auf dem Mittelmeer in Richtung libysche Küste unterwegs. In Deutschland wird seine Mission auch von Prominenten unterstützt.

Für die Kampagne #SpendeMenschlichkeit lassen sich Künstler wie Herbert Grönemeyer, Max Herre, Heike Makatsch oder Jan Delay in Rettungswesten fotografieren, um auf die Situation von Bootsflüchtlingen aufmerksam zu machen. Auch Schauspieler Bjarne Mädel ist bei der Aktion dabei, nachdem er von seinem Freund und Kollegen Olli Dittrich davon erfuhr. Schon länger unterstützt der Schauspieler die Hilfsorganisation "Sea-Watch".

Im Interview erzählt Mädel, warum er von seinen Mitbürgern mehr Engagement fordert und wie es sich anfühlt, einen Menschen aus dem Wasser zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum liegt Ihnen das Thema Seenotrettung am Herzen?

Bjarne Mädel: Ich finde es wahnsinnig zynisch, wenn über Zahlen von Ertrunkenen gesprochen wird, statt die Schicksale dahinter zu sehen. Es ist keine Option, Menschen ertrinken zu lassen. Ich finde es schlimm, dass private Organisationen wie die "Aquarius" vor der libyschen Küste patrouillieren müssen, obwohl die Staaten das Problem lösen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Sie und andere Prominente posieren in Rettungsweste, um das Team der "Aquarius" zu unterstützen. Was erhoffen Sie sich davon?

Mädel: Ich hoffe, dass Menschen, die unsere Filme und Musik mögen, es auch toll finden, wenn wir etwas im sozialen Bereich tun. Und vielleicht ist das für sie ein Ansporn, sich auch etwas mehr einzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf haben mit Spendenaktionen Geld für Flüchtlingsretter gesammelt. Inwieweit sollten sich Leute aus der Unterhaltungsbranche politisch mehr engagieren?

Mädel: Durch die berufsbedingte Öffentlichkeit ist es uns möglich, in kürzester Zeit viele Menschen zu erreichen und zum Helfen zu animieren, was Jan und Klaas ja damit gerade bewiesen haben.

SPIEGEL ONLINE: Über Seenotrettung im Mittelmeer und den Umgang mit Flüchtlingen wird gerade viel diskutiert.

Mädel: Ich finde die Debatte sehr schwierig. Wir können nicht einfach sagen: Es ist doch unglaublich, dass sich Italien weigert, weitere Flüchtlinge aufzunehmen! Das ist zu kurz gedacht. Denn angesichts der Zustände in den betroffenen Hafenstädten kann ich verstehen, dass die Bürger dort sagen, sie sind am Limit. Für sie ist es eine massive tägliche Belastung, die wir hier gar nicht sehen. Es müssen sich grundsätzliche Dinge ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Mädel: Ich meine, dass sich vor allem natürlich die Zustände in den Ländern ändern müssten, aus denen geflohen wird, und außerdem können wir nicht für Menschlichkeit plädieren - dann aber selbst keine Flüchtlinge aufnehmen. Jeder sollte sich an die eigene Nase fassen und fragen, ob er genug macht. Mir ist schon klar, dass nicht jeder einen Flüchtling bei sich wohnen lassen kann - aber jeder kann etwas von seinem Wohlstand abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie eine Option, sich die Arbeit der Seenotretter vor Ort anzuschauen oder gar mitzuhelfen?

Mädel: Viele würden jetzt schnell ja sagen, aber bei der Frage des Engagements sollten wir ehrlich bleiben und nicht leichtfertig behaupten, dass wir nach Libyen reisen würden, um dort zu helfen. Man muss bedenken, was ein solcher Einsatz mit einem Menschen macht. Ich habe größten Respekt vor Menschen, die ihre Lebenszeit der Hilfe anderer widmen. Wenn ich mit Geld oder mit meiner Bekanntheit diese Kampagne unterstützen kann, dann ist das meine Art zu helfen. Auf dem Schiff würde ich wahrscheinlich nur im Weg stehen.

SPIEGEL ONLINE: In Malta muss sich der Kapitän eines Rettungsschiffes vor Gericht verantworten. Auch in Italien ist der Druck auf die Retter groß.

Mädel: Für mich ist das ein Skandal. Die privaten Organisationen sind vor Ort, um das Schlimmste zu verhindern und für diese Hilfe werden sie auch noch bestraft. Wenn das Engagement der Regierungen bei der Bestrafung von Menschen, die für urchristliche Werte einstehen, größer ist als bei der Rettung von Menschenleben, finde ich das unfassbar arm.

SPIEGEL ONLINE: Was entgegnen Sie Menschen, die Seenotretter als Helfer der Schlepper bezeichnen?

Mädel: Das ist doch extrem zynisch! Wer so denkt, würde seine Meinung bestimmt ändern, wenn er sehen würde, wie jemand zu ertrinken droht. Ich habe das als Teenager in Nigeria am Strand miterlebt. Uns wurde damals gesagt, dass wir nicht ins Wasser springen sollten, um einen erwachsenen Mann im Meer zu retten. Denn wenn wir es nicht schaffen würden, würde man uns die Schuld an seinem Tod geben. Ich war damals 14 Jahre alt und in einem wahnsinnigen Konflikt, weil ich ihm helfen wollte und zugleich wusste, dass ich ihn niemals alleine aus dem Wasser ziehen könnte. Zum Glück waren wir mit fünf Leuten am Strand und haben ihn zusammen rausgeholt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer Jugend eineinhalb Jahre in Nigeria gelebt. Wie hat die Zeit ihr heutiges Weltbild geprägt?

Mädel: Ich habe direkt gespürt, was mit einem Land passiert, das ausgebeutet wurde. Nicht nur Nigeria ist davon betroffen - die Europäer haben den ganzen Kontinent im Kolonialismus massiv ausgebeutet. Heute schicken wir zum Dank dort unseren Müll hin. Wenn die betroffenen Menschen keine Überlebenschancen mehr sehen, vor Krieg und Hungersnöten fliehen und sich ein besseres Leben in der Ferne erhoffen, dann wird uns das hier unangenehm - weil wir nicht mehr schön unter uns bleiben und unseren Reichtum aufteilen, sondern auch mal was abgeben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat sich für Sie mit Ihrer Rückkehr nach Deutschland geändert?

Mädel: Materielle Dinge sind mir immer unwichtiger geworden. Ich habe damals gelernt, dass ich einfach nur Glück hatte, als Weißer in Deutschland und nicht in diesen Regionen der Welt geboren worden zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Momente, in denen Ihnen das besonders bewusst wird?

Mädel: Ich muss oft daran denken, wenn ich unter der Dusche stehe. Was für ein Wunder es ist, dass aus der Wand einfach Wasser kommt. Wenn mir zu heiß ist, kann ich mich abkühlen. Wenn mir zu kalt ist, kann ich mich aufwärmen. Das ist nicht selbstverständlich und in vielen Ländern dieser Welt nur den Reichen zugänglich. Wenn wir uns wirklich radikal vor Augen führen würden, wie gut es uns hier geht, und die täglichen schlimmen Nachrichten wirklich in unser Herz lassen würden, dann könnten wir eigentlich gar nicht mehr so leben, wie wir es tun. Dann müssten wir viel mehr weggeben, weil wir so ein schlechtes Gewissen hätten. Aber Verdrängung ist allgemeiner Konsens. Das Team der "Aquarius" leistet eine Arbeit gegen diese Verdrängung und hilft genau dort, wo wir nicht wegschauen dürfen.

Forum
    Liebe Leserinnen und Leser,
    im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.