Bohlens DSDS-Sprüche: "Bei Beuys sagen auch viele, das sei keine Kunst"

Ist Dieter Bohlen Künstler? Über dieser Frage brüten gerade die Richter des Bundessozialgerichts. Medienrechtler Michael Fuß erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum die Entscheidung für RTL so wichtig ist - und was der Juror von "Deutschland sucht den Superstar" mit Joseph Beuys gemeinsam hat.

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DSDS-Juror Bohlen: "Du guckst wie ich beim Kacken"

SPIEGEL ONLINE: Herr Fuß, das Bundessozialgericht entscheidet am Donnerstag, ob Dieter Bohlens Tätigkeit bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) Kunst ist. Sollte man das nicht dem Publikum überlassen?

Michael Fuß: Von der Einschätzung, ob die Tätigkeit der Jurymitglieder bei DSDS Kunst ist, hängt die Frage ab, ob RTL für das Anheuern von Bohlen und anderer Juroren Abgaben an die Künstlersozialkasse (KSK) zahlen muss. Dafür muss der Kunstbegriff des Künstlersozialversicherungsgesetzes definiert werden. Eine Beurteilung durch das Publikum ist dabei nicht vom Gesetzgeber vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Aus Laiensicht scheint das Urteil ziemlich klar: Sprüche wie "Du guckst wie ich beim Kacken" dürften selbst rechtlich wohl kaum als Kunst durchgehen, oder?

Fuß: Bei der Fettecke von Joseph Beuys sagen auch viele Leute, das sei keine Kunst. In Deutschland haben wir aber einen offenen Kunstbegriff. Es geht nicht um die Qualität, sondern um den eigenschöpferischen Gehalt einer Tätigkeit. Im Fall von DSDS heißt das: Geben die Juroren als Experten eine sachliche Einschätzung ab? Oder inszenieren sie sich selbst, um das Publikum zu unterhalten?

SPIEGEL ONLINE: Dann also Ihre Meinung als Fachmann - sind Bohlen und seine Kollegen Künstler?

Fuß: Meiner Ansicht nach muss man unterscheiden zwischen den Auswahlshows und den Mottoshows. Wenn Bohlen und seine Kollegen durchs Land reisen und Tausende vermeintliche Talente begutachten, geht es doch in erster Linie darum, Kandidaten in mehr oder weniger unterhaltsamer Weise vorzuführen. Besonders schräge Vögel werden gezeigt und möglichst wortreich kommentiert, um die Zuschauer zu amüsieren. Demnach kann das rein rechtlich als Unterhaltungskunst eingeschätzt werden. In den Mottoshows geben die Juroren dagegen in erster Linie eine Experten-Meinung ab, aufgrund derer die Zuschauer dann entscheiden. Da die Mottoshows der Schwerpunkt der Sendung sind, neige ich dazu zu sagen: Die Juroren sind keine Künstler. Aber auch eine andere Einschätzungen ist möglich.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich an, als müssten Anwälte und Richter einen Gutteil der Sendungen gesehen haben, um ein angemessenes Urteil zu fällen.

Fuß: Sie sollten sich schon ausgiebig informiert haben.

SPIEGEL ONLINE: In dem aktuellen Fall geht es um Beiträge von 173.000 Euro. Aber was, wenn das Bundessozialgericht der KSK Recht gibt? Müssen RTL und andere Sender dann womöglich für sämtliche Friseur-, Girlband- und Supertalent-Castings Beiträge für die Juroren nachzahlen?

Fuß: Dies ist eine Entscheidung im Einzelfall und bedarf somit der Überprüfung. Es kommt auf die konkrete Ausübung der Jurorentätigkeit an. Ein Urteil für Bohlens Kollegin Anja Lukaseder könnte damit anders ausfallen als für ihn.

SPIEGEL ONLINE: Über die Künstlersozialkasse erhalten selbständige Künstler Zuschüsse zur gesetzlichen Renten-, Alters- und Krankenversicherung. Wenn RTL jetzt für Bohlen & Co. Beiträge nachzahlt - stehen den Juroren dann im Alters- oder Krankheitsfall auch Zahlungen zu?

Fuß: Nein. Es geht um eine gesetzliche Abgabe, die jedes Unternehmen zahlen muss, das regelmäßig selbständige Künstler engagiert, unabhängig davon, ob diese über die Künstlersozialkasse bezuschusst werden oder nicht. Das Gesetz folgt damit dem Solidaritätsgedanken, wonach insbesondere weniger bemittelte Künstler unterstützt werden sollen. Ich glaube nicht, dass Bohlen oder ein anderer DSDS-Juror von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

Das Interview führte Anne Seith.

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Forum - Ist Bohlen Kunst?
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1.
Seldon, 01.10.2009
Zitat von sysopIst Dieter Bohlen Künstler oder nicht? Über dieser Frage brüten gerade die Richter des Bundessozialgerichts. Die Entscheidung ist wichtig für Bohlens Arbeitgeber RTL - ist Bohlen Kunst? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,652529,00.html
Ist das tatsächlich Ihr Ernst, sowas im Wirtschaftsthread diskutieren zu wollen? Ganz abgesehen davon, das die Thematik auch generell nicht allzu viel Substanz für angeregten Austausch zu bieten scheint...Auf zur weiteren Boulevardisierung?
2.
evolut 01.10.2009
Zitat von sysopIst Dieter Bohlen Künstler oder nicht? Über dieser Frage brüten gerade die Richter des Bundessozialgerichts. Die Entscheidung ist wichtig für Bohlens Arbeitgeber RTL - ist Bohlen Kunst? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,652529,00.html
Es bereitet zwar fast körperliche Schmerzen das zu sagen, aber ja, er ist ein Künstler. Das Spektrum ist weit gefasst.
3.
evolut 01.10.2009
Zitat von SeldonIst das tatsächlich Ihr Ernst, sowas im Wirtschaftsthread diskutieren zu wollen? Ganz abgesehen davon, das die Thematik auch generell nicht allzu viel Substanz für angeregten Austausch zu bieten scheint...Auf zur weiteren Boulevardisierung?
Es geht um Beiträge zur Künstlersozialkasse. http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Dieter-Bohlen-Fernsehen-RTL;art15532,2418780
4.
BillBrook 01.10.2009
Zitat von SeldonIst das tatsächlich Ihr Ernst, sowas im Wirtschaftsthread diskutieren zu wollen? Ganz abgesehen davon, das die Thematik auch generell nicht allzu viel Substanz für angeregten Austausch zu bieten scheint...Auf zur weiteren Boulevardisierung?
Die Frage, um die es dabei geht, ist nun mal eine wirtschaftliche. Das Bundessozialgericht hat eher weniger mit Boulevard zu tun.
5.
altebanane 01.10.2009
Zitat von sysopIst Dieter Bohlen Künstler oder nicht? Über dieser Frage brüten gerade die Richter des Bundessozialgerichts. Die Entscheidung ist wichtig für Bohlens Arbeitgeber RTL - ist Bohlen Kunst? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,652529,00.html
Künstlich ist er jedenfalls in keinster Weise, und das schätzen wir so an ihm.
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Zur Person
Michael Fuß ist Rechtsanwalt und Partner der Kanzlei Fuß & Jankord im Dortmunder Hafen. Fuß ist Experte in Fragen des Künstlersozial-Versicherungsrechts. Zudem berät er insbesondere Werbeagenturen, IT-Unternehmen und Medienunternehmen bei der Umsetzung ihrer Projekte und der Durchsetzung von Schutzrechten.