Insolvenzverfahren Beckers letzter Trumpf

Boris Beckers Insolvenzverfahren ist an einem entscheidenden Punkt angelangt. Nun will er plötzlich diplomatische Immunität geltend machen. Was steckt dahinter?

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Der Tennisspieler Boris Becker war ein Angreifer. Einer, der so oft wie möglich nach vorne ans Netz rannte und sein Heil in der Offensive suchte. Wenn er von seinen finanziellen Problemen spricht, von seinem Insolvenzverfahren in Großbritannien, greift er gerne auf Metaphern aus der Welt des Sports zurück.

Dann will er den Kampf annehmen und "den letzten Ball" spielen, dann ist von seinen "Marathonmatches" die Rede, die bis in den fünften Satz gingen. Als ihn die "Neue Zürcher Zeitung" im November fragte, wie es in der Angelegenheit weitergehe, antwortete Becker: "Der erste Satz ist gespielt. Nun stehen wir im zweiten, ich habe eben ein Break gemacht und schlage nun auf."

Sieben Monate später steckt das Insolvenzfahren tatsächlich in einer ganz entscheidenden Phase. Und Becker will es mit einem krachenden Aufschlag beenden: Sein britischer Anwalt stellte beim High Court in London den Antrag, das Verfahren zu stoppen, weil Becker als Sport- und Kulturattaché der Zentralafrikanischen Republik diplomatische Immunität genieße.

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Boris Becker: Up and down, up and down

Die Einleitung des Insolvenzverfahrens sei ungerechtfertigt und ungerecht gewesen, teilte Becker mit. Er berufe sich auf seine Immunität, um "diese Farce zu einem Ende zu bringen", sodass er anfangen könne, "sein Leben wieder aufzubauen".

Doch damit nicht genug: Wenn die Abzocke gestoppt sei, würden seine Anwälte sich der Frage einer Wiedergutmachung widmen, so Becker. "Ich werde diejenigen verfolgen, die diesen Prozess erzwungen haben und sie öffentlich verantwortlich machen für ihre Taten." Becker, der Angreifer.

Die Bank habe sich "quergestellt"

Doch was steckt hinter dem Vorstoß? Vor knapp einem Jahr erklärte ein Gericht in London den früheren Tennisstar für insolvent - auf Antrag der Privatbank Arbuthnot Latham & Co., die von Becker mehr als elf Millionen Euro fordert. Später meldeten sich immer mehr Gläubiger, allein der Schweizer Geschäftsmann Hans-Dieter Cleven verlangt knapp 40 Millionen Euro. Becker sagte wiederholt, er sei nicht pleite.

Das britische Insolvenzrecht sieht vor, dass ein Insolvenzverwalter das Vermögen des Betroffenen sichert und irgendwann zu Geld macht. Das Verfahren endet in der Regel bereits nach einem Jahr. Demnach wäre Becker am 21. Juni schuldenfrei. Er selbst hatte das als Ziel ausgegeben, in einer ARD-Doku zu seinem 50. Geburtstag etwa.

Am 31. Mai aber beantragte Insolvenzverwalter Mark Ford bei Gericht, die Frist zu verlängern. Offenbar hat er Beckers Vermögenslage noch nicht abschließend klären können. In einem Statement rügte Ford, Becker habe ihm Informationen vorenthalten. Bereits im Januar bat der Insolvenzverwalter öffentlich um Hinweise - mehrere Trophäen Beckers seien nicht auffindbar.

Ein Becker-Vertrauter sagte dem SPIEGEL, die Bank sei der "einzige ernst zu nehmende Gläubiger". Vergeblich habe Becker in den vergangenen Monaten versucht, sich auf einen Vergleich zu einigen. Doch die Bank habe sich "quergestellt", beharre auf der Maximalsumme, insbesondere auf 25 Prozent Zinsen pro Jahr, die man für sittenwidrig halte. Daraufhin habe Becker sich geweigert, zu kooperieren. Dass er nun auf Immunität pocht, dürfte ein Indiz für diese Blockadehaltung sein.

Seine Ernennung zum Attaché hatte Becker Ende April auf Twitter öffentlich gemacht - auf einem Foto schüttelt er Präsident Faustin Archange Touadéra die Hand. Der Staatsmann sagte damals, er sei sehr erfreut, dass ein Weltstar wie Boris Becker die Zentralafrikanische Republik unterstützen wolle. Wie die Unterstützung bisher aussah, ist unklar.

Die Zentralafrikanische Republik gilt als eines der ärmsten und instabilsten Länder der Welt. Sie ist von politischer Unruhe, Gewalt und Not der Bevölkerung geprägt: Laut Auswärtigem Amt gibt es so gut wie keine Infrastruktur, das Land mit rund 4,9 Millionen Einwohnern ist fast völlig auf internationale Hilfe angewiesen.

Touadéra ist seit 2016 Staatsoberhaupt, zuvor fungierte er als Regierungschef. Trotz der Präsenz Tausender Uno-Soldaten ist ein Großteil des Landes weiter unter der Kontrolle bewaffneter Gruppen.

Die Sicherheitslage habe sich 2017 nochmals verschlechtert, heißt es beim Auswärtigen Amt. Reisen im gesamten Land seien mit "erheblichen Risiken" verbunden. Es bestehe die Gefahr, Opfer von Gewaltkriminalität in Form von Entführungen, Plünderungen und Straßenüberfällen sowie von militärischen Handlungen zu werden - auch aufgrund "wieder aufflammender Kampfhandlungen". Amnesty International berichtete von Gräueltaten bewaffneter Gruppen, darunter Folter, sexuelle Übergriffe und die Rekrutierung und Ausbeutung von Minderjährigen.

Laut Unicef ist die Lebenserwartung extrem niedrig, die Kindersterblichkeit hoch. In weiten Teilen des Landes gebe es nicht einmal eine minimale Gesundheitsversorgung. Viele Menschen könnten weder lesen noch schreiben.

"Etwas Bedeutsames"

Becker teilte nun mit, er sei "ungemein stolz" auf seinen Posten. "Sport ist unglaublich wichtig in Afrika und wird schnell zu einer universellen Sprache, einer Art sozialen Diplomatie und einem Gleichmacher zwischen Menschen aus ganz verschiedenen und ungleichen Milieus auf der ganzen Welt." Seine diplomatische Rolle, so Becker, ermögliche ihm, "etwas Bedeutsames an Sportfans in einer der ärmsten Regionen der Welt zurückzugeben".

Sein deutscher Anwalt Christian-Oliver Moser bemühte sich auch, dem Verdacht entgegenzutreten, Becker habe sein diplomatisches Amt angenommen, um sein Insolvenzverfahren zu beenden. Sein Mandant sei nach wie vor inhaltlich von der Position überzeugt.

Boris Becker könne ohne die Zustimmung der Zentralafrikanischen Republik keinem rechtlichen Verfahren unterworfen werden, teilten seine britischen Anwälte mit. Ob die Argumentation vor dem Gericht in London verfängt, bleibt abzuwarten.

Insolvenzverwalter Mark Ford sagte jedenfalls, man begrüße Beckers Auftrag, den Sport in der Zentralafrikanischen Republik zu fördern. "Wir glauben aber, dass dieses Engagement keinen wesentlichen Einfluss auf das Insolvenzverfahren hat."

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