Britische TV-Köchin Nigella Lawson Der tiefe Fall der Küchenfee

Sie war die Mutter, die aussieht wie ein Model und die besten Muffins backt. Nun gesteht die britische Fernsehköchin Nigella Lawson Kokaingebrauch und kämpft in einem schmutzigen Scheidungskrieg um ihren Ruf.

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Die Demontage von Nigella Lawsons heiler Welt begann im Juni. Fotos in einem Sonntagsblatt zeigten, wie die britische Fernsehköchin von ihrem Mann Charles Saatchi auf der Terrasse eines Londoner Restaurants mit beiden Händen gewürgt wurde. Das erschrockene Gesicht der 53-Jährigen löste landesweit Entsetzen aus, Saatchi wurde von der Polizei verwarnt. Aus der "Göttin der Häuslichkeit" sei jetzt das "Gesicht der häuslichen Gewalt" geworden, diagnostizierte der "Guardian".

Bis dahin hatte "Nigella", wie sie in Großbritannien genannt wird, mit ihren Kochbüchern und TV-Shows die Illusion vom perfekten Familienleben genährt. Sie war die Mutter, die aussieht wie ein Model und die besten Muffins backt. Nach ihrem Bestseller "How to be a domestic goddess" im Jahr 2000 hatte sie den Spitznamen "Göttin" weg. Sie brachte Glamour in die Küche, und sie verdiente Millionen. Nach den Restaurant-Fotos reichte sie die Scheidung ein und zog mit ihren Kindern bei Saatchi aus.

Die Fotos sollten nur der Anfang des Dramas sein. Seit einer Woche läuft vor dem Krongericht Isleworth in London der zweite Akt. Bereits vor ihrer Scheidung hatten Saatchi und Lawson zwei frühere Angestellte des gemeinsamen Haushalts wegen Veruntreuung verklagt. Die italienischen Schwestern Elisabetta und Francesca Grillo, einst als Kinderfrau und Haushaltshilfe eingestellt, sollen von 2008 bis 2012 mit Kreditkarten von Saatchis Firma knapp 700.000 Pfund unautorisiert für den eigenen Bedarf ausgegeben haben.

Zu ihrer Verteidigung brachten die beiden Frauen nun vor, Lawson habe die Ausgaben gebilligt und dafür Stillschweigen zu ihrem Drogenkonsum erwartet. Saatchi zeigte sich vor Gericht überrascht: Er habe in zehn Jahren Ehe nie etwas von dem Drogengebrauch seiner Frau bemerkt.

Lawsons "Sommer des Mobbings"

Die Enthüllung, Lawson habe jahrelang täglich Kokain geschnupft, löste die nächste Schlagzeilenwelle aus. "Higella" titelte die "Sun". Die Mischung war für die Blattmacher einfach unwiderstehlich: Prominenz, Exzess, Betrug und dann auch noch harte Drogen.

Am Mittwoch trat nun erstmals Lawson selbst vor Gericht auf. Sie bestritt den Vorwurf, eine "regelmäßige Drogennutzerin" gewesen zu sein. Sie habe nur zu zwei Zeitpunkten in ihrem Leben Kokain geschnupft: einmal in den neunziger Jahren, als ihr erster Mann John Diamond mit Krebs diagnostiziert worden war, und dann im Juli 2010, als Saatchi sie "terrorisiert" habe. Im letzten Jahr ihrer Ehe habe sie auch "gelegentlich" einen Joint geraucht, um ihr Leben erträglicher zu machen. "Ich war aber nie drogenabhängig."

Lawson warf ihrem Ex-Mann vor, den Prozess zu benutzen, um sie zu verleumden. Sie habe einen "Sommer des Mobbings" hinter sich, der Prozess sei das nächste Kapitel. Die Drogengerüchte seien bereits vor dem Prozess in einem Blog aufgetaucht, in der Absicht, "Herrn Saatchis Ruf zu retten und meinen zu zerstören".

Längst ist die Geschichte zu einem PR-Krieg zwischen zwei führenden Mitgliedern der Londoner Society eskaliert. Beide haben einen Ruf zu verlieren. Der 70-jährige Saatchi hat ein Millionenvermögen mit der Werbeagentur Saatchi und Saatchi gemacht und ist als Gründer der Saatchi-Galerie ein weltbekannter Kunstmäzen. Lawson, Tochter des früheren Schatzkanzlers Nigel Lawson, ist eine nationale Ikone.

Die Scheidung hatte das Promi-Paar im Juli noch schnell und ohne großes Aufsehen über die Bühne gebracht. Doch offensichtlich gibt es noch offene Rechnungen. Saatchis Image ist seit den Würgefotos nachhaltig beschädigt. Und die Grillo-Schwestern fühlen sich nach jahrelangem Dienst in der Familie durch die Klage ungerecht behandelt. Der Prozess führt nun dazu, dass das Leben in der großen Villa in Chelsea in allen schmutzigen Details öffentlich ausgebreitet wird.

Die beiden Angeklagten spielen dabei eine Nebenrolle. Sie haben es sich offenbar gutgehen lassen, unbekümmert Designerhandtaschen gekauft, Transatlantikflüge und Luxushotels wie das Pariser Ritz gebucht. Gemerkt hat es angeblich niemand, weil die Rechnungen direkt an Saatchis Firma gingen. Die Medien sind allerdings vor allem an dem Rosenkrieg der Hausherren interessiert.

Vor dem Gerichtsgebäude in einem ruhigen Wohnviertel in Westlondon parkten am Mittwoch ein halbes Dutzend Übertragungswagen, zig Fotografen warteten auf den Star des Dramas, Nigella. In weiser Voraussicht hatte Lawson zunächst gezögert, als Zeugin in dem Prozess auszusagen. Sie habe geahnt, dass sie selbst in dem Verfahren zur Angeklagten werden würde, sagte sie dem Gericht. Sie sollte recht behalten.



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