Ex-Olympia-Held Bruce Jenner "Ich bin eine Frau"

Es war das TV-Interview des Jahres: Der einstige Zehnkampf-Star Bruce Jenner offenbarte sich im US-Fernsehen als Transgender. Die Sendung wurde zu einer überraschenden Lehrstunde in Akzeptanz.

Von , New York

ABC

Er kommt schnell zur Sache. Nach all den Monaten des Rätselratens und des Late-Night-Spotts läuft alles auf diesen Moment hinaus: Bruce Jenner, Ex-Olympia-Held und Macho-Mann, löst seinen Pferdeschwanz und lässt wortwörtlich das Haar herunter. Befreit schüttelt er den Kopf.

"Sind Sie eine Frau?", fragt Diane Sawyer, Amerikas Interview-Queen. Jenner zögert nur kurz. "Im Grunde ja", sagt er. "Ich bin eine Frau."

Da sind sie. Die Worte, auf die alle gewartet haben, die keinen mehr überraschen und die einem doch einen Moment lang den Atem rauben in ihrer couragierten, schonungslosen, unzweideutigen Klarheit: Der einst meistgefeierte Athlet der Welt offenbart sich als Transgender.

Und dann geschieht, womit nur wenige gerechnet haben: Jenners Coming-out, in einem viel gehypten Special des US-Networks ABC vor Abermillionen TV-Zuschauern, wird kein Dokusoap-Spektakel, wie es seine Familie, der allgegenwärtige Kardashian-Clan, ja so perfekt beherrscht. Sondern eine bewegende Lehrstunde in Akzeptanz.

Dass gerade er, der Stiefvater der Reality-Show-Prinzessinen Kourtney, Khloé und Kim Kardashian , als erster wirkliche Schlagzeilen verdient, amüsiert ihn selbst am meisten: "Wir haben in acht Jahren rund 425 Episoden gedreht", lacht er, "und die ganze Zeit dachte ich mir, mein Gott, die einzig wahre Geschichte in der Familie war die, die ich verheimlichte."

Das letzte Tabu

Die "transition" vom angeborenen zum gefühlten Geschlecht - und die Qual, so Jenner, "in der Mitte festzustecken" - ist eine zutiefst private, unendlich komplexe Angelegenheit. Weshalb Trans-Aktivisten diesem seit Wochen angekündigten Interview mit Zweifeln entgegengesehen hatten: "Wir sind doch keine Freakshow", sagte Melissa Sklarz, New Yorks erste transsexuelle Kommunalpolitikerin, zu SPIEGEL ONLINE.*

Aber Jenners Enthüllung entpuppt sich, auch dank der behutsamen Fragen Sawyers, als historisches TV-Ereignis. Ein Ereignis, das anderen im Schatten, die weniger prominent und reich sind, das Leben retten könnte: Viel zu viele Transsexuelle sterben bis heute an Mord oder Suizid - ein letztes Tabu dieser sich sonst öffnenden Gesellschaft.

Selbst Jenner, der 1,90 Meter große Superhero, kann davon berichten: Als die Paparazzi erstmals von seiner Geschlechtsumwandlung Wind bekommen hätten, habe auch er mit solchen Gedanken gespielt. "Das Einfachste der Welt", erinnert er sich. "eine Knarre holen, und bumm."

Denn seit der Kindheit habe er sich im falschen Körper gefühlt. Mit vier habe er heimlich Kleider seiner Schwester angezogen. Mehr Frau als Mann: "Das ist meine Seele." Jenner blättert durch alte Fotos: Ein Junge, lachend, schüchtern. Was er sehe, fragt Sawyer. "Jemanden, der seinem Leben davonrennt." Sehr einsam - und: "Todesangst."

Zehnkampf-Gold - und dann?

Diese Gefühle hätten ihn auch bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal geplagt, wo er gegen die sowjetische Sportlegende Mykola Awilow Zehnkampf-Gold holte und Amerikas Ehre rettete im Kalten Krieg. "Mein Gott", habe er sich gefragt, "und was mache ich jetzt?"

Seit den Achtzigerjahren schon nimmt Jenner Hormone, hauptsächlich Östrogen, um die Geschlechtsumwandlung einzuleiten. Ließ sich die Nase operieren und die Barthaare per Elektrolyse entfernen. Zwischenzeitlich verlor er die Nerven, setzte die Hormone wieder ab. Auch seinen ersten beiden Ehefrauen, sagt er, habe er sich nur halbherzig offenbart: "Ich war nicht so fair, wie ich hätte sein sollen."

Dann kam Kris Kardashian, die Ex-Frau des Staranwalts Robert Kardashian. 23 Jahre hielt die Ehe: "Ich habe Kris geliebt." Aber auch ihr gegenüber habe er es nicht länger "faken" können. Einmal habe sie ihn in einem Kleid vor dem Spiegel erwischt: "Das war hart für sie."

Am Ende stehen freilich alle hinter ihm: Kris, die vier Dokusoap-Töchter und seine sechs Kinder aus den ersten Ehen bekunden ihm ihre Liebe. Am verständnisvollsten, sagt Jenner, sei Kim Kardashian gewesen - dank ihres Mannes, des Rapkünstlers Kanye West: "Ich wäre nichts", habe der gesagt, "wenn ich nicht ich selbst sein könnte."

Die Transfrau bekommt eine TV-Serie

Viele andere Stars schließen sich an, noch während das Interview läuft. "Lasst uns Menschen wie Bruce auf der ganzen Welt stärken", schreibt Pop-Idol Lady Gaga auf Twitter, "indem wir sie lieben."

"Millionen Menschen erfuhren heute, dass jemand, den sie kennen, transgender ist", erklärte Kate Ellis, Chefin der LGBT-Gruppe GLAAD. Damit habe Jenner "zahllose Menschen auf der ganzen Welt inspiriert".

Seit eineinhalb Jahren ist Jenner wieder auf Hormonen. Doch seine Umwandlung ist längst nicht vollendet. Noch besteht er auf dem männlichen Pronom und dem Namen Bruce. Irgendwann werde er die nötigen Operationen angehen: "Gesicht, Brüste, all diese Sachen." Aber das habe seine Zeit: "Ich will nur, dass meine Seele frei ist."

Außerdem gibt es dafür ja eine neue Dokusoap. Der Entertainment-Sender E! bestätigt noch am Abend, dass Jenner "Leben als Transfrau" Gegenstand einer eigenen TV-Serie sein werde. Premiere: 26. Juli.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Crom 25.04.2015
1.
TV-Interview des Jahres? Ist das nicht etwas hoch gegriffen? Den oder die kennt in Deutschland sowieso kaum jemand. Da gab es dieses Jahr schon bedeutendere Interviews.
stranzjoseffrauss 25.04.2015
2. Neues aus der SPON-Retroecke
Gab es das nicht schon Anfang des Jahres schon mal zu lesen?
va.engineering.net 25.04.2015
3. Qed
Bruce Jenners Geschlechtsumwandlung belegt im Sinne der Genderreligion überhaupt nichts, ganz im Gegenteil: wenn sich ein Mann zur Frau umschaffen lässt, offenbart das exakt die lückenlose Geltung der Heteronormativität. Es ist schliesslich kein einziger Fall bekannt, in dem sich jemand in eines der 45 bis 900 anderen "Geschlechter" umwandeln liess, mit denen uns die geschwätzwissenschaftlichen Ballonaufblaser und extraordinären Gendertanten belästigen.
io_gbg 25.04.2015
4.
Man braucht hier im Thread sicher nicht lange zu warten, bis die üblichen unkundigen, diskriminierenden und z. T. hasserfüllten Kommentare erscheinen, die sich gegen Transpersonen richten. (Merke: Wenn man anonym ist, kann man auf Anständigkeit zwar verzichten, aber man sollte es trotzdem nicht tun.) Merkwürdigerweise fast immer nur gegen diejenigen, die in Richtung Mann-zu-Frau unterwegs sind. Oder doch nicht so merkwürdig, denn Weiblichkeit, Femininität, ist in der Sicht vieler Menschen (vor allem, aber nicht nur Männer) etwas Minderwertiges.
io_gbg 25.04.2015
5.
Man braucht hier im Thread sicher nicht lange zu warten, bis die üblichen unkundigen, diskriminierenden und z. T. hasserfüllten Kommentare erscheinen, die sich gegen Transpersonen richten. (Merke: Wenn man anonym ist, kann man auf Anständigkeit zwar verzichten, aber man sollte es trotzdem nicht tun.) Merkwürdigerweise fast immer nur gegen diejenigen, die in Richtung Mann-zu-Frau unterwegs sind. Oder doch nicht so merkwürdig, denn Weiblichkeit, Femininität, ist in der Sicht vieler Menschen (vor allem, aber nicht nur Männer) etwas Minderwertiges.
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