Buch von "Modern Talking"-Sänger Hauptsache Anders

Thomas Anders kann machen, was er will, er wird Dieter Bohlen nicht los. Als "Modern Talking" waren die Musiker Dauergäste in Charts und Klatschspalten. Jetzt hat der Sänger seine Autobiografie geschrieben - und muss sich vergewissern, wer darin die Hauptperson ist: er? Oder doch der Poptitan?

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Hamburg - Es ist zum Verrücktwerden. Dieter Bohlen, Dieter Bohlen, immer wieder Dieter Bohlen. Thomas Anders ist 48, hatte ein Leben vor seiner " Modern Talking"-Zeit, eines danach, und trotzdem holt ihn Dieter Bohlen zuverlässig ein. Selbst jetzt, wo Anders ein Buch geschrieben hat, in dem es doch um ihn gehen sollte - und in dem es doch wieder um einen anderen geht. "Bohlen hat meine musikalische Karriere begleitet und geprägt", sagt Anders und schiebt einen Satz hinterher, der irgendwie symptomatisch erscheint: "Ich wäre Dieter Bohlen, wenn ich das leugnen würde." Er kann es nicht lassen.

Das Buch ist Anders' Versuch, seine Sicht der Dinge darzustellen, "so, wie ich sie erlebt habe". Ein Akt der Emanzipation gegenüber Bohlen, der sich wie ein Leit- beziehungsweise Leidmotiv durch Anders' Leben zieht. Bohlens Geschichte quasi, erzählt von Anders? "Das ist es nicht, im Buch steht genügend anderes drin", sagt er. "Es würde mir aber niemand abnehmen, wenn ich nichts über Dieter Bohlen geschrieben hätte."

Verfasst hat Anders das Werk mit Unterstützung der "Bunte"-Reporterin Tanja May. Es heißt "100 Prozent Anders. Mein Leben - und die Wahrheit über Modern Talking, Nora und Dieter Bohlen". Um keinen Zweifel über die Hauptperson zu lassen, wo Dieter Bohlen sogar so prominent im Titel auftaucht, ist "Anders" fett gedruckt.

Der 48-Jährige ist auch als Solokünstler erfolgreich, "aber mit Bohlen hatte ich meine erfolgreichste Zeit". Nach der zweiten Trennung von "Modern Talking" 2003 blieb Bohlen als "Poptitan" bei " Deutschland sucht den Superstar" und "Das Supertalent" präsent, war ständig im Fernsehen und im Gespräch. Jetzt steht Anders im Mittelpunkt, zumindest kurzfristig. "Bild" thematisiert das Buch auf der Titelseite, an diesem Mittwoch ist Anders bei "Stern TV".

Zeit für eine Lebensbilanz

Und bald kann jeder für 19,90 Euro seine Memoiren lesen: Die Geschichten über seine erste Frau Nora, seine zweite Frau Claudia, Mamas Tante-Emma-Laden als erste Bühne - und vor allem und immer wieder über Bohlen. Der hatte in seinem Buch "Hinter den Kulissen" kräftig gegen Anders ausgeteilt und beschuldigte ihn, Geld aus Tourneen eingesteckt zu haben. Das Landgericht Berlin verbot die Passagen.

Anders sagt, er habe 2003 bewusst nichts geschrieben. Abstand gewonnen. Jetzt, nach acht Jahren, habe er das Gefühl gehabt: "Es ist an der Zeit."

Zeit wofür? "Eine Lebensbilanz", sagt Anders. "Jeder Mensch sollte über sein Leben schreiben." Es klingt wie: Und ich hatte dafür besonders viele Gründe. "Ich habe sehr viel erlebt und sehr viele Geschichten zu erzählen", sagt Anders. "Das wird mir immer wieder bestätigt."

Mit 19 lernte Anders Bohlen kennen. Wenn man ihm damals gesagt hätte, was ihm bevorstehe, hätte er seine Karriere anders gestaltet, sagt Anders heute. Trotzdem sei das Buch eines auf keinen Fall: "Eine Abrechnung mit Dieter Bohlen." Dafür wird auf 320 Seiten aber ordentlich geholzt:

  • "Wenn man auf den Typus Mensch Dieter Bohlen steht, kann man nicht gleichzeitig Thomas Anders gut finden - dazu sind wir viel zu unterschiedlich."
  • "Was für ein niveauloser und egoistischer Typ dieser Bohlen doch war!"
  • "Dieter ist der geizigste Mensch, den ich kenne."
  • "Insgeheim glaube ich fast, dass bei Dieter zwei Drähtchen im Kopf nicht richtig zusammengelötet sind."
  • "Ihm fehlt meines Erachtens ein Gefühls-Gen."
  • "Dieter saugt Menschen aus wie ein Schwamm. Er entzieht anderen die Energie, nur damit er noch heller leuchten kann."

Im Buch schreibt Anders, Bohlen und er seien wie Feuer und Wasser. Im Gespräch sagt er erklärend: "Das Schicksal führte zwei Menschen zusammen, die nicht zueinander passen." Bohlen sei nicht immer der Schlechte gewesen und er der Gute. Und die Welt sei zum Glück groß genug, dass man sich aus dem Weg gehen könne.

Wenn man es denn will. Denn: Von dem Spannungsverhältnis profitieren beide, zumindest kommerziell. Anders' Geschichte ist Bohlens Geschichte. Und umgekehrt. Anders' Buch erscheint am 21. September, die neue "Supertalent"-Staffel mit Bohlen beginnt an diesem Freitag. Gräbt man Bohlen so vielleicht die Publicity ab? "Von meiner Seite war es nicht so geplant", sagt Anders. Selbst wenn - es würde passen.

Gut abgestimmter Erscheinungstermin

Die Beziehung des Duos funktioniert nach dem Prinzip des Battle-Raps: Man will sich selbst möglichst gut und den Gegner möglichst schlecht aussehen lassen und irgendwie braucht man einander auch. Nur sind die Protagonisten in diesem Fall zwei gut gebräunte Herren mittleren Alters. Und es zeigt sich: Auch der kunstvolle verbale Angriff unter der Gürtellinie will gelernt sein.

"Man darf Autobiografien nicht trauen - es sei denn, sie enthüllen etwas Beschämendes", hat George Orwell einst gesagt. Bei diesem Maßstab sind Bücher wie "100 Prozent Anders" oder "Hinter den Kulissen" mit Vorsicht zu genießen. Es sei denn, Orwell hätte auch Fremdschämen gemeint.



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