Carlos Valencia: Tagsüber Schnulzensänger, nachts Serienmörder

Von Patricia Hecht, Bogotá

Der Kolumbianer Carlos Valencia ist Schnulzensänger, seine Lieder handeln von Liebe und Leiden. Nebenbei verfolgte der 25-Jährige eine steile Karriere als Auftragskiller. Die Polizei nennt ihn einen der gefährlichsten Verbrecher Bogotás - nun wurde er gefasst.

Valencia bei Festnahme: Aufnahme aus dem YouTube-Kanal der kolumbianischen Polizei Zur Großansicht
Policia National de Colombia

Valencia bei Festnahme: Aufnahme aus dem YouTube-Kanal der kolumbianischen Polizei

"Die Bullen hatten Glück, dass ich keine Waffe bei mir hatte", sagte Carlos Valencia nach seiner Verhaftung in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. "Zwei oder drei von ihnen hätte ich sonst bestimmt erschossen." Derart kaltblütig war Valencia bislang den Wenigsten bekannt. Der erst 25 Jahre alte Kolumbianer trat in der Öffentlichkeit als Schnulzensänger auf, seine Songs heißen "Ich vermisse dich" oder "Hinter der Tür", letzterer erzählt vom tragischen Ende einer Beziehung.

Nun jedoch werden Valencia neben Waffenhandel, Drogengeschäften und Erpressung mehr als 30 Morde zur Last gelegt. "Seine Dienste waren breit gefächert", sagte einer der 25 Ermittler, die an Valencias Verhaftung beteiligt waren, dem kolumbianischen Nachrichtenmagazin "Semana". Valencia arbeitete demnach für die Guerilla und die Paramilitärs, für Drogenhändler und Waffenschieber. "Hinter dem Mann, der romantische Lieder voller Verzweiflung sang, versteckte sich einer der gefährlichsten Verbrecher der Stadt", bestätigte Bogotás Polizeichef Francisco Patiño nach Valencias Verhaftung.

Die Musikvideos zeigen Carlos Valencia als schmächtigen Jüngling mit Kindergesicht. Die kurzen schwarzen Haare sind gegelt, die dunkle Lederjacke steht vor der Brust offen. Um den Hals trägt der Sänger eine Holzkette, an der ein Kreuz baumelt. Valencia singt von Liebe und vom Verlassenwerden, ballt leidenschaftlich die Faust und schließt immer wieder voller Pathos die Augen. Eiskalt aber scheint Valencia seinen zweiten Job erledigt zu haben: den des Killers.

Er nutzt seine Erfahrungen, um rücksichtslos zu töten

Seine kriminelle Karriere beginnt früh. Valencia wächst in der Region Caquetá im südlichen Kolumbien auf, wo er im Alter von 13 Jahren bei der Guerilla der Farc anheuert. Um 2006 herum desertiert er, um an einem Programm der kolumbianischen Regierung zur Demobilisierung von bewaffneten Kämpfern teilzunehmen. Danach startet er zwar einen Neuanfang in Bogotá - sagt sich jedoch keinesfalls von den Waffen los. Im Gegenteil: Er nutzt seine Erfahrungen, vor allem mit Sprengstoff und Granaten, um rücksichtslos zu töten.

Im armen und gefährlichen Süden der Acht-Millionen-Stadt, der Ciudad Bolívar, wo einfache Hütten die Berghänge säumen, wird Valencia zunächst Mitglied einer Erpresserbande, die Schutzgelder von kleinen Händlern fordert. Rund um Valencia machen frühere Guerilleros und ehemalige rechte Paramilitärs gemeinsame Sache. Nach und nach erarbeitet sich Valencia einen Namen in der Welt des organisierten Verbrechens - und bastelt zeitgleich an seiner Karriere als Sänger der volkstümlichen, klagenden "Música popular".

Er hat erste Auftritte in den Bars der südlichen Stadtviertel, nimmt CDs auf und Videos, vor allem im Internet hat er eine Fangemeinde. Den bürgerlichen Teil seines Doppellebens vervollständigen Frau und Kind. Mit einem Auftritt auf der Bühne verdient Valencia umgerechnet zwischen 80 und 100 Euro. Spät in der Nacht geht der Sänger mit dem unschuldigen Gesicht seinem Zweitjob als brutaler Killer nach. Je nach Opfer kassiert er auch hier nur rund hundert Euro, für Freunde tötet er mitunter gratis.

Einige Aufträge jedoch sollen wesentlich lukrativer gewesen sein: Bis zu 15.000 Euro, heißt es, habe er in einigen Fällen gefordert. Die Morde wickelt er routiniert ab: "Ich hab den Typen umgebracht", sagt er laut Zeitungsberichten am Telefon einmal zu seiner Frau. "Aber viel wichtiger: Was gibt es zu essen?" Im Fernsehen wird Valencia als Vorprogramm für Stars der "Música popular" gebucht.

"Ich fahre gleich hin und erledige ihn"

Seine nächtlichen Aktivitäten ziehen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich, fast vier Jahre sind die Ermittler ihm auf der Spur. Als sie ihn schließlich festnehmen, können die Beamten nicht glauben, wen sie da vor sich haben: Valencia ist klein, schmächtig. Er soll für eine Serie schwerster Verbrechen verantwortlich sein, darunter verschiedene Sprengstoffanschläge.

2009 begann er, Fehler zu machen. Er setzt sich zunächst aus Bogotá ab, kehrt jedoch zurück. Zwar wechselt er alle paar Monate das Handy, mit dem er bei den Killer-Aufträgen kommuniziert, behält das Telefon aber bei, mit dem er seine Aufritte organisiert. Nach getaner Arbeit als Killer ruft er außerdem meistens den Auftraggeber an, um zu berichten, wie die Dinge gelaufen sind.

Als ein Opfer den Mordversuch trotz einer Granate schwer verletzt überlebt, zeichnen die Ermittler auf, wie Valencia zu seinem Auftraggeber, einem Lebensmittelhändler, sagt: "Bruder, eine Sache. Der Typ lebt noch und liegt im Krankenhaus. Aber keine Sorge, ich fahre gleich hin und erledige ihn." Den Tod des Mannes sowie einen weiteren Anschlag konnten die Ermittler verhindern: Valencia wollte eine 20-Kilo-Bombe in einem Transportunternehmen explodieren lassen, das kein Schutzgeld zahlen wollte.

In den letzten sechs Monaten ist die Telefonüberwachung Valencias schließlich so engmaschig, dass schließlich ein Haftbefehl ausgestellt wird. Valencia ist gerade dabei, sich ein Visum für einen Flug nach Madrid am 12. Juli zu besorgen, um dort einen Auftrag zu erledigen. Ob er von der Überwachung gewusst hat und sich ins Ausland absetzen wollte, ist unklar. Nun sitzt er in Bogotá hinter Gittern - wahrscheinlich für den Rest seines Lebens.

Ein kolumbianischer Fernsehsender veröffentlichte ein Video, auf dem offenbar Valencias Verhaftung zu sehen ist. Im Dunkeln ist Handgemenge zu erkennen, Schüsse fallen - Valencia hatte versucht, zu fliehen. Später führen ihn zwei Beamte ab, die, wie in Kolumbien üblich, dunkle Schirmmützen tragen und helle gelbe Westen übergeworfen haben. Valencia, einen guten Kopf kleiner als die Beamten, verzieht den Mund. Er trägt dieselbe dunkle Lederjacke wie in seinen Videos.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Titelverweigerer
Indigo76 06.06.2011
Zitat von sysopDer Kolumbianer Carlos Valencia*ist Schnulzensänger, seine Lieder handeln von Liebe und Leiden. Nebenbei verfolgte der 25-Jährige eine steile Karriere als Auftragskiller. Die Polizei nennt ihn einen der*gefährlichsten Verbrecher*Bogotás - nun wurde er gefasst. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,766845,00.html
Hm - mit diesem Wissen sollte man vielleicht mal das Privatleben von Dieter Bohlen genauer durchleuchten.
2. oooo
taiga 06.06.2011
Zitat von sysopDer Kolumbianer Carlos Valencia*ist Schnulzensänger, seine Lieder handeln von Liebe und Leiden. Nebenbei verfolgte der 25-Jährige eine steile Karriere als Auftragskiller. Die Polizei nennt ihn einen der*gefährlichsten Verbrecher*Bogotás - nun wurde er gefasst. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,766845,00.html
Das wird bestimmt verfilmt.
3. *Strike*
Euphemismus 06.06.2011
Zitat von Indigo76Hm - mit diesem Wissen sollte man vielleicht mal das Privatleben von Dieter Bohlen genauer durchleuchten.
Wie geil...You made my day! :)
4. -
citizengun 06.06.2011
Na, aus der Tarnung hätte man mehr machen können. (Das war ausbaufähig.) Ein echter "Macher", dem die Frauen auch im Knast zu Füssen liegen werden. (So stelle ich mir seine Zukunft zumindest vor :-)
5. Nebentätigkeit
exomologesis 06.06.2011
Auch hier in Deutschland sind immer mehr Menschen gezwungen, sich mit zwei oder mehr Jobs über Wasser zu halten. Man macht halt, was man kann :))
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