Zum Tod von Charles Manson Wie man einen Teufel macht

Ein Mann, viel Mythos: Charles Manson galt in den USA als das personifizierte Böse. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. Wie wurde der Kleinkriminelle zum Antichrist?

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Mit der Popkultur ist das so eine Sache, eine lustige und eine alberne. Lustig, weil Pop alles grell und einfach macht. Albern, weil Pop stets die Oberfläche dem Inhalt vorzieht und so seine Ikonen bis zur Sinnlosigkeit aufbläst.

Che Guevara ist so eine. Auf T-Shirts, Kaffeebechern, Buttons steht sein Konterfei für die meisten Menschen für "irgendwas mit Rebellion". Warum er gekämpft hat? Und wofür? Egal.

So ist es auch mit Charles Manson. Auf den bekannteren Fotos trägt er mehr oder weniger wirres Haar und einen mehr oder weniger irren Blick zur Schau. Es gibt sie mit Hakenkreuz auf der Stirn und ohne. Auf den weit weniger bekannten Bildern sieht er oft einfach müde aus. Manson steht für "irgendwas mit krass". Vielleicht noch garniert mit Schlagwörtern wie "Wahnsinn", "Satan" oder "Massenmörder". Ob das stimmt? Egal.

Er ist Pop und Punkt. Der Musiker Marilyn Manson vermählte in seinem Namen die beiden großen US-Ikonen Manson und Marilyn Monroe, die "South Park"-Weihnachtsepisode "Merry Christmas Charlie Manson" erinnert alljährlich an "den Stoff für Albträume einer ganzen Nation", wie der Journalist und TV-Moderator Geraldo Rivera seinen Gast vor einem Fernsehinterview 1988 nannte. Noch am 4. Januar, als der damals 82-Jährige in ein Krankenhaus gebracht wurde, ließ sich die Zeitung "Daily News" dazu hinreißen "Satan Calls for the Devil" zu Titeln.

Zurück in die Dreißigerjahre nach Cincinnati, Ohio.

Dort wuchs Manson auf, ein armer Junge mit einer schweren Kindheit. Seine Mutter war 16 als Charles Manson geboren wurde und vermutlich Alkoholikerin, seinen Vater lernte er nie kennen. Als er fünf war, wurde seine Mutter zu fünf Jahren Haft verurteilt. Charles wuchs bei Tante und Onkel auf, lebte dann einige Jahre bei seiner Mutter, die vergeblich versuchte, ihn zu Pflegeeltern abzuschieben. Ein Gericht steckte ihn schließlich in ein Internat, aus dem er nach wenigen Wochen floh.

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Charles Manson: Ein Leben im Gefängnis

Der kleine Junge reifte zu einem Kleinkriminellen heran. Er überfiel Tankstellen und Gemüseläden, stahl Autos, versuchte sich als Scheckfälscher und war eine Zeitlang Zuhälter eines 16-jährigen Mädchens.

Die Gaunerbiografie lässt erahnen, dass da jemand am Werk war, der dem Leben mehr abtrotzen wollte, als es ihm zu geben bereit war. Und, dass es ihm egal war, ob andere dabei zu Schaden kamen. Bis hierhin also eine gewöhnliche Entwicklung eines Kriminellen. Als er mit 32 Jahren aus seiner zweiten Erwachsenenhaftstrafe entlassen wurde, hatte er bereits rund 20 Jahre in Gefängnissen und Jugendbesserungsanstalten verbracht. Das war der damaligen Rechtspraxis geschuldet. Schon bei kleineren Vergehen wurden hohe Gefängnisstrafen verhängt.

Kurz gesagt: Arschlöcher

Im März 1966, ein Jahr vor dem Summer of Love, spuckte ihn die Strafanstalt Terminal Island in Los Angeles in die Blütezeit der Hippie-Bewegung. Ein hübscher Traum von einer neuen friedlichen Koexistenz aller Menschen war das. Aber auch ein Spielplatz für Typen mit großen Plänen und kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Machtbesessene Kerle, die narzisstisch und naiv genug waren, um zu glauben, dass die Welt ihnen etwas schuldete, dass diese Welt eigentlich zu ihnen aufsehen müsste. Und habgierig genug, um sich zu nehmen, was sie kriegen konnten. Kurz gesagt: Arschlöcher.

Manson versuchte sich als Straßenmusiker. Ein Mitinsasse hatte ihm im Gefängnis das Gitarrespielen beigebracht und Manson hatte offenbar beschlossen, ein berühmter Musiker zu werden. Nicht Musiker, sondern ein berühmter Musiker. Auch als Anführer seiner "Family" versuchte er noch, Verbindungen zum Musikgeschäft aufzubauen, ein kurzes Interesse des Beach Boys Dennis Wilson brachte eine seiner Kompositionen auf eine B-Seite der Band. Nicht schlecht. Aber nicht das, was Manson wollte. Er wollte berühmt sein. Als Musiker. Als irgendwas.

Wann wird denn Charles Manson, der Kleinkriminelle und Straßenmusiker, endlich zu Charles Manson, dem Satan in Menschengestalt?

Na ja. Was dem 1,57 Meter großen Gauner im Hippie-Pelz oft nachgesagt wurde, war ein außergewöhnliches Charisma. Das sollten später auch seine Mitgefangenen bestätigen. Er habe das Talent, wird einer in dem Buch "Charles Manson - Meine letzten Worte" zitiert, "den gröbsten Unfug wie eine wichtige Botschaft rüberzubringen".

Selbst Nixon machte mit

Die Ausschweifungen der Hippies - die sexuelle Freiheit, die Drogen und die vielen neuen Gruppen und Kommunen - gaben Manson offenbar die Chance, dieses Charisma und seinen Hang zu Betrügereien miteinander zu verquicken. So brachte er es zu einem Sektenführer. Mit LSD, Gruppensex und kruden Theorien machte er sich seine "Family", wie sich seine Gefolgschaft nannte, gefügig, heißt es. Seine abstruse Kernthese war die Vorhersage eines Rassenkriegs, der ihn über ein paar Umwege zum Herrscher der USA machen würde. Hinweise darauf wollte Manson bei den vier Apokalyptischen Reitern entdeckt haben, allgemein besser bekannt als die Beatles. Besonders auf ihrem "White Album".

Wie es letztlich zu den Morden an der schwangeren Schauspielerin Sharon Tate und den sieben anderen kommen konnte, liegt verborgen. Zum einen in einem Dunst aus Drogen, Sex und Machtmissbrauch, zum anderen unter einem Berg von Berichten, Vermutungen und Geschichten.

So oder so führte dieses Verbrechen zu - sagen wir mal - dem einzigen Hit der Pop-Ikone Manson: seinem Prozess.

Eine aufgewühlte, sensationshungrige Öffentlichkeit, der die Hippie-Bewegung schon immer spanisch vorgekommen war, traf hier auf Reporter, die für jedes Detail über Morde und Angeklagte starke Worte und Bilder fanden.

Und Manson? Musste nicht viel tun. Hauptsächlich mal grimmig, mal irre in die Kameras blicken, sich ein Hakenkreuz in die Stirn brennen und viel Sitzfleisch beweisen, während Anwälte und Zeugen mit mächtig Verve an seinem Mythos feilten.

Unter den aufmerksamen Augen der Welt wurde die Verhandlung zu einer Show, die Beteiligten zu den Bühnenversionen ihrer selbst. Die Mitangeklagten Susan Atkins, 21, Leslie van Houten, 19, und Patricia Krenwinkel, 22 - die drei Todesengel für Charlie - lachten, kicherten, sangen und flirteten laut dem Gerichtsreporter des SPIEGEL mit "allem im Gerichtssaal, was nach Mann aussieht".

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Charles Manson: Hakenkreuz auf der Stirn

Selbst Präsident Nixon übernahm eine Rolle in dem Schauerstück: Während des laufenden Prozesses sprach er bei einer eilig in Denver einberufenen Pressekonferenz schon mal selbst ein Urteil: "Charles Manson ist direkt oder indirekt des achtfachen Mordes schuldig." Die "Los Angeles Times" tadelte ihren Staatschef: "Die lange Geschichte des angelsächsischen Rechts hat das Prinzip entwickelt, dass dem Gesetz nur ohne die persönliche Intervention eines Königs oder eines Präsidenten Genüge getan werden kann".

Endlich berühmt

Besonders dankbar musste Manson allerdings Vincent Bugliosi sein, den er später nur noch Bugs nannte. In seinen Ausführungen und Befragungen gab sich der Staatsanwalt und Chefankläger alle Mühe, die Ausschweifungen der "Family" so bildhaft und direkt wie möglich darzustellen. In den Verhandlungspausen, so der SPIEGEL-Reporter im August 1970, scherzte und flüsterte Bugliosi dann mit den drei jungen Frauen.

Warum auch nicht. Eigentlich wusste ja nicht nur Nixon, sondern jeder, der damals eine Zeitung halten konnte, dass die Angeklagten wenig später hingerichtet werden würden. Bald nach dem Prozess hängte Staatsanwalt-Darsteller Bugliosi seinen Job dann auch folgerichtig an den Nagel und schrieb ein Buch über Manson. "Helter Skelter" verkaufte sich bis heute mehr als zehn Millionen Mal.

Und der eben erstandene Antichrist? Spielte bereitwillig die Rolle, in der die Welt ihn sehen wollte. Endlich war er berühmt.

Manson-Darsteller Manson

Wenig später folgte der Treppenwitz: Nachdem alle Beteiligten zum Tod in der Gaskammer verurteilt waren, wurde 1972 die Todesstrafe vorübergehend verboten. 629 Todesurteile wurden in Lebenslange Haftstrafen umgewandelt, darunter auch die von Manson und seinen Familienmitgliedern.

Die Beteiligten hatten ein Monster geschaffen - und wurden es nun nicht mehr los.

Als Manson am Sonntagabend starb, hatte das wahrhaft Böse 48 Jahre ununterbrochen im Gefängnis gesessen. Bis zuletzt erhielt er noch immer Jahr für Jahr Tausende Fanbriefe und Autogrammanfragen. Es war ihm zudem erlaubt, nach draußen zu telefonieren, ein Angebot, dass er weidlich nutzte, um seinen zahlreichen Followern zu predigen. 2015 hätte er beinahe geheiratet. Doch seine Verlobte, die 26-jährige Afton Elaine Burton wollte offenbar vor der Eheschließung eine Einwilligung von ihm, dass sie nach seinem Tod seinen Körper ausstellen dürfe. Quasi eine Lizenz zum Gelddrucken. Die Hochzeit kam nicht zustande.

Sein letztes Interview gab er 2013 dem "Rolling Stone". Die Schilderungen malten das Bild zweier Männer: des Manson-Darstellers Manson und des alten Kauzes Manson. Der erste konnte immer noch seine wirren Blicke und ziellosen Tiraden vorführen, sagen, in seinem Zimmer erlebe er tausend Jahre in einer Sekunde. Der andere beschwerte sich, dass es in der Zelle zieht.

insgesamt 26 Beiträge
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vasafay 20.11.2017
1. die Weihnachts-Episode "Merry Christmas Charlie Manson"
...der Serie "South Park", sollte man vielleicht dazu schreiben.
MeinungVonMir 20.11.2017
2. Wenn interessierts?
Ich frage mich, warum man hier so einen Bohei um einen assozialen Frauen- und Kindermörder macht. Gut das er tot ist und fertig.
jschm 20.11.2017
3. Die Welt
ist nun besser ohne ihn.
mgrevenstein 20.11.2017
4. ?
...wie kann man denn Manson mit Guevara vergleichen....
lupidus 20.11.2017
5.
Zitat von mgrevenstein...wie kann man denn Manson mit Guevara vergleichen....
Keiner von beiden hatte Skrupel im Sinne seiner Sache zu morden.
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