Muslim Boubakeur über Benedikt XVI.: "Ein Neuanfang ist nötig"
Was hat das Pontifikat von Benedikt XVI. für den Dialog zwischen Christen und Muslimen gebracht? Der deutsche Papst war viel zu altmodisch in seinem Verständnis des Islam, kritisiert Dalil Boubakeur, führender Muslim in Frankreich: "Er hat kein positives Wort für unseren Glauben gefunden."
Dalil Boubakeur empfängt in seinem Büro in der Pariser Großen Moschee, er hat Minze-Tee aufgetischt. Die Moschee ist ein imposanter Bau muslimischer Architektur, der 1926 unweit der Seine eingeweiht wurde - eine Verbeugung auch vor dem Einsatz der Kolonialtruppen, die im Ersten Weltkrieg auf der Seite Frankreichs gekämpft hatten.
Boubakeur, des Lateinischen mächtig und in der katholischen Kirchengeschichte so bewandert wie im Koran, ist ein Bewunderer Deutschlands, das er nach dem Krieg kennenlernte.
"Ich liebe seine Regionen, seine Literautur und seine Geschichte", sagt Boubakeur. Und entschuldigt sich für sein etwas eingerostetes Deutsch: "Es fehlt mir an Gelegenheit zu sprechen - das letzte Mal war es mit Papst Benedikt."
SPIEGEL ONLINE: Exzellenz, am 28. Februar tritt Benedikt XVI. als Papst zurück. Was wünschen Sie sich von dem künftigen Pontifex?
Boubakeur: Eine Wende. Das Christentum hat mit Benedikt XVI. eine doktrinäre Entwicklung genommen. Er war nicht in der Lage, die Muslime zu verstehen. Er hat keine direkte Erfahrung mit dem Islam, er hat kein positives Wort für unseren Glauben gefunden.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Benedikt XVI. bei seinem Besuch 2008 in Paris kennengelernt. Welchen Eindruck machte der Papst auf Sie im persönlichen Gespräch?
Boubakeur: Benedikt war scheu, reserviert, ganz das Ergebnis einer traditionellen, strengen Erziehung freundlich, aber stets auf Distanz.
SPIEGEL ONLINE: Der Papst hat, nur wenige Monate nach seiner Wahl, beim Weltjugendtag 2005 in Köln gefordert, dass der "interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden" dürfe. Sind den Worten Taten gefolgt?
Boubakeur: Nein, ganz und gar nicht. Es handelte sich um einen bloßen Ankündigungseffekt, eine Tatsache, die ich sehr bedauert habe. Und sein Vortrag im September 2006 an der Universität Regensburg hat meine Enttäuschung noch vertieft.
SPIEGEL ONLINE: Bei dieser Ansprache zitierte Benedikt den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos mit den Worten: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten." Was haben Sie damals empfunden?
Boubakeur: Ich wusste, dass es sich um eine Vorlesung vor Studenten und Professoren handelte, er also eine pädagogische Botschaft übermittelte. Aber der Auftritt war geprägt von einer veralteten Auffassung vom Verhältnis zwischen Christentum und Islam.
SPIEGEL ONLINE: Aufruhr in der muslimischen Welt, Protestkundgebungen in den arabischen Staaten und Übergriffe gegen Christen im Nahen Osten waren die Folge.
Boubakeur: Verständlicherweise. Die Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zum interreligiösen Dialog schienen wie vergessen, wir sind wieder bei dem Verhältnis, das als "islamisch-christlichen Polemik" bezeichnet wird: Mir kam es vor wie ein Rückschritt auf jene Frühzeit, als die christliche Kirche den Islam als Irrglauben verurteilte.
SPIEGEL ONLINE: Blieb ein Gefühl der Bitterkeit zurück?
Boubakeur: An die Konflikte zwischen Christentum und Islam zu erinnern, an diese furchtbaren Auseinandersetzungen, die Jahrhunderte andauerten, war falsch. Damit hat Benedikt einer dogmatischen, irreführenden Interpretation Platz eingeräumt.
SPIEGEL ONLINE: Kritik muss erlaubt sein: Der Papst hat Religionsfreiheit angemahnt, wenn Christen in arabischen Ländern diskriminiert oder verfolgt wurden.
Boubakeur: Richtig. Doch bisweilen kam dieses Eintreten mit einem Unterton von Islam-Phobie einher, wenn diese Kritik sich der Begriffe bediente, die sonst von Muslim-Gegnern verbreitet werden. Benedikt XVI. sprach nach, was man ihm sagte, aber ohne innere Anteilnahme. Wo blieben die Worte der Brüderlichkeit?
SPIEGEL ONLINE: War der deutsche Papst mehr Kontrolleur des theologischen Reinheitsgebotes als Hirte?
Boubakeur: Benedikt XVI. war sicher zutiefst geprägt durch seine Tätigkeit als "Präfekt der Glaubenskongregation", jenes Amt, das er vor seiner Wahl in Rom eingenommen hatte. Das war seine Rolle, seine Funktion, seine Mission.
SPIEGEL ONLINE: Eine ihrer zahlreichen Veröffentlichungen trägt den Titel: "Der Schock der Religionen: Juden, Christen, Muslime ist die Koexistenz möglich?". In dem Buch von 2004 beantworten Sie die Frage positiv. Und heute?
Boubakeur: Immer noch genauso. Aber es setzt voraus, dass die Religionen in Gesellschaften zusammenleben, die sich denselben Werten verpflichtet fühlen. Nur wenn keine Glaubensrichtung einseitig bevorzugt wird, existieren die Vorraussetzungen für eine wahre Demokratie und ein konfliktfreies Miteinander. Mit einem neuen Papst wäre ein Neuanfang im Dialog der Religionen also erstrebenswert.
Das Interview führte Stefan Simons in Paris.
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- Donnerstag, 28.02.2013 – 17:49 Uhr
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- Dalil Boubakeur, 73, wurde in Algerien geboren und ist Rektor des Muslimischen Instituts der Großen Moschee von Paris.
AFPEr studierte in Ägypten, Tunesien, Irland und Frankreich, er ist promovierter Mediziner.
Boubakeur machte in der Vergangenheit mehrfach mit liberalen Forderungen auf sich aufmerksam: Er sprach sich gegen die Vollverschleierung der Musliminnen aus, und fordert von Muslimen einen stärkeren Willen zur Integration in die europäischen Gesellschaften.
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