Depardieu-Intimus im Interview: "Er liebt den Geschmack der russischen Freiheit"

Was brachte Gérard Depardieu dazu, Russe zu werden? Nikolai Borodatschow, Direktor des Russischen Filmarchivs und Intimus des französischen Weltstars, meint es zu wissen: Nicht Steuergeiz, sondern die Liebe zur Freiheit hätte ihn nach Russland geführt.

SPIEGEL ONLINE: Was eigentlich findet Depardieu an Russland so toll, dass er die russische Staatsbürgerschaft angenommen hat?

Borodatschow: Wahrscheinlich steckt ein russisches Gen in ihm. Vielleicht gab es da ja in der Ahnenreihe irgendein Techtelmechtel, als die Kosaken 1814 bis nach Paris vordrangen. (lacht) Aber ernsthaft. Gérard ist in vielem wie wir Russen: Er steckt voller Emotionen, ist offen und sagt geradeheraus, was er denkt.

SPIEGEL ONLINE: Depardieu hat in dieser Woche eine Firma in Saransk registriert, der Hauptstadt der Wolgarepublik Mordwinien. Geht es ihm nicht nur darum, Steuern zu sparen?

Borodatschow: Nein. Die Entscheidung, Russe zu werden, kommt aus der Tiefe seiner Seele. Er liebt seine alte Heimat Frankreich. Aber er liebt auch Russland. Depardieu ist hierher gekommen, weil er den Geschmack der Freiheit liebt. Gérard wird in Russland die Steuern bezahlen, die hier anfallen, und in Frankreich diejenigen, die dort gezahlt werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Er hält sich aber nur wenig in Russland auf.

Borodatschow: Für einen Filmstar ist es normal, ständig in der Welt unterwegs zu sein. In den vergangenen Monaten aber war Depardieu häufig in Russland. Außerdem dreht er hier Filme, zum Beispiel in Tschetschenien "Herz des Vaters" mit der britischen Schauspielerin Elisabeth Hurley.

SPIEGEL ONLINE: Der Clan des tschetschenischen Gewaltherrschers Kadyrow hat Blut an den Fingern. Dort verschwinden Regierungsgegner, Feinde Kadyrows sind im Ausland ermordet worden. Was bewegt Depardieu, sich mit so jemandem einzulassen?

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Depardieu in Russland: "Aus der Tiefe seiner Seele"
Borodatschow: Krieg ist Krieg. Kadyrow kämpfte und kämpft gegen seine Feinde. Das sind keine edlen Freiheitskämpfer. Das sind Islamisten, darunter auch Kämpfer aus dem Ausland. Der Film, den übrigens ein amerikanischer Regisseur dreht, soll ein positives Bild von Tschetschenien zeichnen. Die stark zerstörte Hauptstadt Grosny ist innerhalb von fünf Jahren wieder aufgebaut worden. Tschetschenien war immer das kulturelle Zentrum des Nordkaukasus.

SPIEGEL ONLINE: Wladimir Putin hat in den Monaten seit seiner Rückkehr in den Kreml die Bürgerrechte eingeschränkt. Wie kann da von Freiheit die Rede sein?

Borodatschow: Ich will nicht behaupten, dass wir in Russland keine Probleme haben. Wir sind dabei, sie zu lösen. Vergleichen Sie nur das heutige Russland mit dem Chaos der neunziger Jahre. Überall wird gebaut, überall ist der Fortschritt mit den Händen zu greifen. Russland ist heute aber ein freies Land, eines der freiesten Länder der Welt. Es ist freier als die Westeuropäer. Das sind doch alles Vasallenstaaten der Amerikaner. Sie tanzen nach der Pfeife Washingtons. Jedem wirklich freien Menschen muss das auf die Nerven gehen.

SPIEGEL ONLINE: Putin-Gegner wie der Ex-Vizepremier Nemzow kommen im Staatsfernsehen nicht zu Wort. Stattdessen muss sich der populäre Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wegen angeblicher Korruption vor Gericht verantworten. Ist das etwa freier demokratischer Wettbewerb?

Borodatschow: Russland ist so frei, dass es bei uns einen Fernsehkanal namens Doschd (Regen) gibt, der den ganzen Tag die Regierung und Putin kritisiert. Das ist ein anti-russischer Sender und er wird trotzdem nicht geschlossen. Putin ist populär, besonders in der Provinz. Er liebt seine Heimat, was man nicht von allen Kreml-Führern sagen kann. Gorbatschow und Jelzin haben Russland verraten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Russland die Freiheit gebracht.

Borodatschow: Freiheit ist gut. Aber Gorbatschow und Jelzin brachten den Zerfall des Landes und ruinierten unsere Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was findet Depardieu an Putin?

Borodatschow: Die beiden haben sich mehrmals getroffen. Bei einem Wohltätigkeitskonzert in St. Petersburg sprachen sie lange miteinander. Gérard sieht in Putin nicht nur einen Politiker sondern einen Freund, so wie Depardieu auch mit Nicolas Sarkozy befreundet ist, dem ehemaligen französischen Präsidenten.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie Depardieu kennengelernt?

Borodatschow: Vor einigen Jahren in Paris über gemeinsame Bekannte. Wir mochten uns gleich. Weil wir uns ähnlich sind. Wir beide haben uns aus kleinen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Beide lieben wir das Kino und die Menschen. Beide hassen wir Unrecht.

Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Diktaturen sind nicht nur schlecht
mickt 22.05.2013
Was Russland und andere Länder lehren ist auch, dass für mache Regionen/Länder der Welt Diktaturen ökonomisch wie von der Stabilität her angebrachter erscheinen als Demokratie. Gorbatschow und Jelzin werden als Chaos und Ologarchen Begründer wahrgenommen und eine "starke Hand" Putins als Recht und Ordnung gebend … Vielleicht ist für manche Länder Demokratie keine gute Idee?
2. Eitelkeit macht krank!
mboness 22.05.2013
Dieser Mann hat ein Gefallsuchtshormon, durchaus sichtbar. Da passt die russische Seele in ihrer robusten grobschlächtigen Art - nichts gegen die Russen - Machtgeil, Herrschsüchtig, Eitel bis zur Selbstvernichtuing - ähnlich Nero, nur nicht so schlau.
3. Einst war ich...
goldi-rt 22.05.2013
...ein großer Depardieu-Fan. Heute frage ich mich, ob er schlicht seinen geamten Verstand versoffen hat.
4. Der Geschmack der russischen Freiheit
mischpot 22.05.2013
wenn es den überhaupt gibt, kann von sehr kurzer Dauer sein.
5.
cs01 22.05.2013
Klar sind Diktaturen nicht nur schlecht. Besonders für einen Diktator und seinen Anhang sind sie eine feine Sache.
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