Marc Jacobs ist guter Dinge. Er wurde nach Berlin eingeflogen, um die Finalisten des Nachwuchswettbewerbs "Designer For Tomorrow" zu unterstützen und die Werbetrommel zu rühren. Bewacht von einer Horde Pressesprecherinnen und Assistenten absolviert er einen Interviewmarathon.
Jacobs ist sehr freundlich. Sehr muskulös. Sehr gebräunt. Auf dem Tisch steht Cola Light. Er müsse noch eine SMS zu Ende tippen, dann sei er "ganz mein", sagt er. Müde? Ein bisschen. Er entblößt viele weiße, amerikanische Zähne. Der Raum ist schattig, sein Gesicht dunkel. Sein Lächeln hängt in dem Raum wie das Schmunzeln der Grinsekatze.
SPIEGEL ONLINE: Herr Jacobs, Sie sehen aus, als würden Sie viel Zeit draußen verbringen. Oder stammt Ihre Bräune aus dem Solarium?
Jacobs: Die Bräune ist aus Rio, da habe ich meinen Geburtstag gefeiert.
SPIEGEL ONLINE: Seit wann mögen Sie Tageslicht? Noch vor ein paar Jahren hätte man Sie definitiv als Nachtgestalt eingeordnet.
Jacobs: Es ist nicht so, dass ich gar nicht mehr ausgehe. Aber ich habe das Gefühl, man hat mehr davon, wenn man es nur ab und zu macht. Früher hat die Nacht meine Arbeit geprägt. Was für die anderen eine Ablenkung war, war mir eine Inspiration. Aber ich bin da rausgewachsen. Menschenmengen machen mich nicht mehr an. Jetzt gehe ich eher abendessen mit Freunden. Außerdem habe ich tagsüber wahnsinnig viele Sachen zu tun.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie?
Jacobs: Wenn die Schauen näher rücken, sind es sieben Tage die Woche, manchmal 12, 16, 20 oder sogar 24 Stunden am Tag. Wenn es ruhiger ist, wache ich um 7 auf und bin ab 10 Uhr im Fitnessstudio. Ab 12 bin ich im Office, um 19.30 ist Feierabend. Ich versuche, nicht allzu spät ins Bett zu kommen. Dann sieht man am nächsten Morgen besser aus.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eitel?
Jacobs: Bis zu einem gewissen Grad. Ich will gut aussehen, ich trainiere fast täglich. Gestern war ich bei der Maniküre, meine Hände sahen echt abgenagt aus. Aber ich stehe nicht jeden Tag stundenlang vor dem Spiegel, um meine Haare zu machen. Heute habe ich mich nicht einmal rasiert. Ich bin für gesunde Eitelkeit. Es ist mein Beruf.
SPIEGEL ONLINE: Ist Mode genau das: gesunde Eitelkeit?
Jacobs: Menschen befriedigen ihren natürlichen Instinkt, wenn sie sich mit Kleidung und Make-up beschäftigen. Sich von anderen abzuheben, sein Ich nach außen zu tragen, ist ein Bedürfnis, auf dem die ganze Modebranche aufbaut.
SPIEGEL ONLINE: Wann wird es ungesund?
Jacobs: Gestern habe ich im Hotelaufzug eine Frau gesehen. Keine Ahnung, wie alt sie war, vielleicht 150, vielleicht 30. Man konnte es wirklich nicht schätzen. Sie sah wie konserviert aus. Sie hat sich mittels Schönheitschirurgie in eine Plastikkreatur verwandelt, die nicht einmal ihre Augenbrauen bewegen konnte. Ich fand das beängstigend. Aber solange sie in den Spiegel schaut und glaubt, schön zu sein, ist es ihr gutes Recht. Es gibt keine No-gos. Das Individuum entscheidet, was gut ist. Ich habe da gar nichts zu sagen.
SPIEGEL ONLINE: Keine falsche Bescheidenheit. Immerhin gelten Sie als einer der einflussreichsten Modemacher der Gegenwart.
Jacobs: Ich biete meine Vision von Schönheit an. Aber ich schreibe niemandem vor, in welcher Kleidung er sich schön fühlen soll. Wenn ich Kleidung entwerfe, denke ich zuerst an Ästhetik und an die Show, die wir auf die Beine stellen werden. Aber ich möchte natürlich, dass meine Kleidung den Übergang ins echte Leben schafft. Letztendlich entscheidet der Kunde. Bei meiner eigenen Kleiderwahl frage ich mich zuallererst ja auch, ob ich Lust darauf habe.
SPIEGEL ONLINE: In der Retrospektive betrachtet: Haben Sie mal richtig daneben gegriffen?
Jacobs: Wenn ich etwas anziehe, frage ich mich nie, ob ich mich später dafür schämen werde. Es soll sich für den Moment richtig anfühlen. Ich hatte mal blaue Haare, ich hatte pechschwarze Haare. Ich fand es schick, so auszusehen, als sei mir mein Äußeres zutiefst egal. Das ist ein Teil der Mode. Man hat seine Phasen und zehn Jahre später fragt man sich: Wie konnte ich diesen Männerrock jemals anziehen?
SPIEGEL ONLINE: Was zieht man am besten unter einen Männerrock an?
Jacobs: Längere Shorts. Schlicht. Schwarz. Blickdicht sollten sie sein.
Das Interview führte Wlada Kolosowa
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