Appell von Elton John Dolce & Gabbana nennen Boykottaufruf mittelalterlich

Wegen ihrer Kritik an Leihmutterschaft haben es sich Domenico Dolce und Stefano Gabbana mit vielen Promis verscherzt - und bemühen sich nun um Schadensbegrenzung. Aber Elton Johns Boykottaufruf finden die Designer trotzdem nicht zeitgemäß.

DPA

West Hollywood/New York - Das nennt man wohl einen Versuch der Beschwichtigung: Die Designer Domenico Dolce und Stefano Gabbana haben CNN ein Interview gegeben - zentrale Aussage: Wir respektieren jede Art der Familienplanung. Es ist eine Reaktion auf ein anderes Interview, das den Modeschöpfern massive Kritik eingebracht hatte.

Dem TV-Sender sagte Dolce, seine Ansichten zu künstlicher Befruchtung seien privat und beruhten auf seinem Bild einer traditionellen sizilianischen Familie. Das mag man gern glauben, wenn man liest, was er der italienischen Zeitschrift "Panorama" gesagt hatte: Durch künstliche Befruchtung entstandene Kinder seien "synthetische Babys" und Leihmütter "gemietete Gebärmütter". "Wer würde sich damit einverstanden erklären, der Vater von Chemie zu sein? Fortpflanzung muss ein Akt der Liebe sein, und jetzt sind nicht einmal Psychiater darauf vorbereitet, mit den Folgen dieser Experimente umzugehen."

Das war für Elton John der Anlass zum Boykottaufruf. Der Sänger hat mit seinem Mann David Furnish zwei Söhne, die eine Leihmutter zur Welt brachte. Viele Promis schlossen sich Johns Protest an: Sänger Ricky Martin, Courtney Love, Victoria Beckham, die ehemalige Weltklasse-Tennisspielerin Martina Navratilova, TV-Talker Andy Cohen und der Erfinder der Serie "Glee", Ryan Murphy.

"Nur ein Ausdruck meiner Privatmeinung"

Dieses Ausmaß an Kritik überraschte die Designer dann offenbar doch. "Dolce & Gabbana boykottieren? Wofür? Dass sie nicht so denken wie du? Das ist nicht korrekt. Wir haben das Jahr 2015. Aber das ist mittelalterlich", sagte Gabbana im CNN-Interview.

Die Designer wollten niemandem sagen, wie man zu leben habe. "Wir sind schwul. Wir lieben schwule Paare. Wir lieben schwule Adoptionen. Wir lieben alles. Es ist nur ein Ausdruck meiner Privatmeinung", sagte er.

Sie respektierten die Lebensentscheidungen anderer Leute, sagten die Designer - das schließe auch die Nutzung von künstlicher Befruchtung ein. Im Gegenzug sollten andere aber auch unterschiedliche Ansichten respektieren.

Bislang hat Elton John allerdings nichts zurückgenommen. Allerdings passt gar nicht zu seiner Kritik, dass kurz nach dem Boykottaufruf ein Bild auftauchte, das den Musiker mit einer Dolce & Gabbana-Tasche in der Hand beim Betreten eines Aufnahmestudios in Los Angeles zeigte. Das Foto sei digital nachbearbeitet worden, hieß es zunächst. Dann bestätigte ein Sprecher des Musikers allerdings, dass dies nicht der Fall sei. In der Tasche habe John aber lediglich sein Mittagessen getragen.

Top-Stylisten unsicher beim Umgang mit Dolce & Gabbana

Ein Zeichen, die Spannung zwischen John und den Designern zu lösen, wie der "Telegraph" mutmaßte? Oder Zufall?

Die Debatte dürfte auf jeden Fall noch eine Weile nachwirken - zumindest bei den Leuten, die über die Outfits der Stars entscheiden. Das zeigte sich bei einer Party, die das Branchenblatt "Hollywood Reporter" für die einflussreichsten Modeberater gab - ein alljährliches Stelldichein von Hollywoods Top-Stylisten.

Vertreten war unter anderem Samantha McMillen, die für Johnny Depp und Chris Hemsworth arbeitet. Sie liebe die Kreationen von Dolce & Gabbana immer noch, sagte sie. Aber durch die Aussagen der Designer fühle sie sich in eine "seltsame Position" gerückt. "Momentan weiß ich nicht, was ich tun soll", sagte McMillen. Ein anderer Partygast sagte, er habe für seinen prominenten Kunden ein D&G-Outfit ausgesucht, aber der PR-Berater habe diese Wahl gestoppt.

Taylor Swifts Stylist Joseph Cassell sagte, er sei unsicher, was die Kontroverse für das Modelabel bedeute. "Ich bin ein schwuler Mann. Ich habe zwei Kinder adoptiert. Ich bin mit ihnen so beschäftigt, ich kann mich nicht damit abgeben, was die Designer gesagt haben oder auch nicht." Falls er mit Dolce und Gabbana sprechen würde, so Cassell, hätte er nur eines zu sagen: "Mit der Presse zu sprechen ist gefährlich."

ulz/AP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
andy69 19.03.2015
1. Erschreckend
... wie wenig heute noch das Recht auf freie Meinungäusserung gilt. Die zwei sind selbst schwul, Homophobie kann man ihnen also kaum vorwerfen. Und nur weil sie eine eigene Meinung zu einem Aspekt/Teilbereich haben, der nicht jedem schmeckt, kommt sofort ein Boykottaufruf. Das Gut der feien Meinungsäußerung wird mit Füßen getreten - ausgerechnet von Leuten, die sich selbst für wahnsinnig tolerant halten...
zapp-zarapp 19.03.2015
2. Die Welt ist eine Scheibe
... zumindest für viele Promis. Flach von einem begrenzten Horizont bis zum anderen. Was soll man von einem begnadeten Musiker wie Elton John halten, der eine allgemeine Aussage von Modeschöpfern gleich auf seine Familie bezieht und deswegen plötzlich den Produkten besagter Produzenten die Qualität abspricht? Was soll man von vermeintlichen Stilexperten halten, die wegen solch einer Promi-Posse plötzlich irritiert nach Orientierung suchen, als ob gerade oben und unten vertauscht worden wären. Und was soll man von den Medien halten, die dieses Thema, über diesen Aufhänger, seit Tagen am Leben hält? Diese flache Scheibe verdient ein wenig mehr Niveau. Sonst wird sie zur langweiligen Platte die offensichtlich hängt ...
peroxyacetylnitrat 19.03.2015
3. richtig so
ich finde den boykottaufruf auch überzogen. was haben sie denn mehr getan als ihre Meinung dazu gesagt? und das, ohne Anhänger anderer Meinungen auf ihre Linie trimmen zu wollen. Jeder sollte gut finden können was er will, solange er anderen nicht seine Lebensweise aufdrückt...kann doch ein schwules paar künstliche Befruchtung nicht gut finden können oder von mir aus auch ein heterosexuelles paar ein schwules paar nicht gut finden. Diese ewige PC heutzutage... Toleranz wird viel zu oft mit Akzeptanz oder befürwortung verwechselt. Toleranz sollte man in einer aufgeklärten, freien gesellschaft gegenüber Ansichten, die man nicht teilt, aufbringen können. Genauso gehört zur Freiheit aber auch, nicht alles gut finden zu müssen. Und wenn dann ein homosexuelles paar der Vorstellung von klassischer Familie anhängen möchte, ist doch ok. Natürlich kann auch elton John die Aussage nicht gut finden, aber ein boykottaufruf ist dann doch noch mal eine andere Größenordnung. Im showbiz gehört da wohl aber immer Drama dazu und solche Empörung vom Sessel zuhause über Twitter ist wohl eine willkommene Gelegenheit für John, beckham, Martin und Co. sich wieder in die Schlagzeilen und in Erinnerung zu bringen ;-)
lupidus 19.03.2015
4.
da muss ich den beiden recht geben. mit welchem recht will man jemanden boykottieren, der zu einem bestimmten thema eine andere meinung hat als man selbst ?
mr_bond 19.03.2015
5. Eher andersrum
Mittelalterlich ist wohl eher die Einstellung zum Thema Familie und Leihmutterschaft von D&G. Vielleicht sollten die beiden ja gemeinsam mit Herrn Barilla den nächsten happy Family Pastaspot drehen.
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