Vergewaltigungsvorwürfe: "Strauss-Kahn ignorierte die Risiken seines wilden Privatlebens"

Ein New Yorker Richter hat einer zivilen Vergewaltigungsklage gegen Dominique Strauss-Kahn den Weg geebnet. Edward Epstein, Autor eines neuen Enthüllungsbuchs über die Sex-Affäre, erklärt im Interview, warum sich DSK für unverwundbar hielt - und doch in Gefahr wähnte.

Machtspiele: Der Fall Strauss-Kahn Fotos
REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Herr Epstein, Dominique Strauss-Kahn bleibt im Kreuzfeuer. Das Zimmermädchen Nafissatou Diallo darf den 63-Jährigen mittels Zivilklage auf Schadensersatz verklagen, entschied ein New Yorker Gericht. Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) könne sich nicht auf Immunität berufen. Was bedeutet das für den Franzosen?

Epstein: Nicht viel. Seine Anwälte werden in Berufung gehen, und ich glaube ohnehin nicht, dass es je zu einem Verfahren kommen wird. Allerhöchstens dürfte es auf einen Vergleich hinaus laufen, für alles andere ist einfach zu viel Seltsames passiert.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Epstein: Ein Strafverfahren gegen Strauss-Kahn ist ja bereits gescheitert, weil Diallo eine erwiesenermaßen falsche Aussage gemacht hat. Aber auch in einem Zivilverfahren würden die bizarren Umstände des Falls zur Sprache kommen. Als ich Strauss-Kahn für die Recherchen zu meinem Buch Mitte April in Paris traf, wiederholte er, dass aus seiner Sicht Diallo zwar nicht Teil einer Verschwörung gewesen, aber instrumentalisiert worden sei. Er sagte mir: "Ich war vielleicht zu naiv, aber ich glaubte nicht, dass sie so weit gehen würden." Mit "sie" meint er politische Gegner, die ihn erledigen wollten, wie es dann ja auch geschah.

SPIEGEL ONLINE: Geht es etwas konkreter?

Epstein: Strauss-Kahn fühlte sich seit langem beobachtet, deswegen hatte er sogar Sicherheitsdienste engagiert, die seine Computer und Telefone verschlüsseln sollten. Elektronische Datenauswertung zeigt am Tag des Vorfalls zudem ungewöhnlich intensive Kommunikation zwischen Sicherheitsleuten des Sofitel-Hotels, in dem die angebliche Vergewaltigung geschah. Mitglieder dieses Sicherheitsteams unterhielten enge Kontakte zum Umfeld von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy - dem Strauss-Kahn in Umfragen zur französischen Präsidentenwahl zu diesem Zeitpunkt weit enteilt war.

SPIEGEL ONLINE: Das ist starker Tobak. Aber wo sind die Beweise?

Epstein: Strauss-Kahn hat mit Hilfe einer Privatdetektei Überwachungsvideos des Hotels, Schlüsselkarten und Telefone analysieren lassen. Er geht davon aus, dass einflussreiche Leute genau wussten, was er wann wo tat - und diese Gelegenheit ausnutzten, um ihn in einen Skandal zu verstricken. Diallo sei ohne Putzwagen in seine Suite gekommen, wie sie es laut Auswertung der Schlüsselkarten aus ungeklärten Gründen schon zweimal zuvor tat.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll ein Freibrief für eine Sex-Attacke sein?

Epstein: Strauss-Kahn sagt, Diallo habe ihn in einer Weise angeguckt, die er als Aufforderung zum Geschlechtsverkehr habe verstehen können. Es sei zu hastigem, einvernehmlichem Sex gekommen. Und er glaubt, dass Diallo danach von seinen Gegnern zur Anzeige bei der New Yorker Polizei gedrängt wurde. Es ist in der Tat verblüffend, dass sie dies getan hat. Schließlich hatte sie genug Gründe, davon abzusehen - etwa ihre eigenen falschen Angaben bei der Bewerbung um ein US-Visum.

SPIEGEL ONLINE: Schlüssig lässt sich all das nicht belegen.

Epstein: Das ist das Problem. Auch ich bin etwa bei meinen Recherchen zu dem Ergebnis gekommen, dass Strauss-Kahns Smartphone manipuliert worden ist. Aber es ist verschwunden, bevor es untersucht werden konnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber neue Belege für Strauss-Kahns private Verfehlungen ausgegraben. Etwa eine Sex-Party mit Prostituierten in Washington am 12. Mai 2011, also einen Tag vor seiner Reise nach New York. Wie konnte er so leichtsinnig und skrupellos sein?

Epstein: Strauss-Kahn hat sich benommen wie ein "Master of the Universe", der nicht erwischt werden kann und unverwundbar ist. Ich glaube, er spekulierte zu diesem Zeitpunkt darauf, bald schon offizieller französischer Präsidentschaftskandidat zu sein. Und in Frankreich waren intensive Untersuchungen des Privatlebens der Kandidaten bislang tabu. Bizarr ist aber, dass Strauss-Kahn kurz vorher im Gespräch mit Journalisten genau dieses Szenario durchspielte - eine Frau klagt ihn an, sie vergewaltigt zu haben. Er schien die Risiken seines wilden Privatlebens zu erkennen, ignorierte sie aber.

SPIEGEL ONLINE: Der einstige Weltbankier wird heute selbst von Freunden und Bekannten gemieden, er lebt sehr zurückgezogen. Wie wirkte er im Interview in Paris?

Epstein: Ich war darauf eingestellt, einen gebrochenen Mann zu treffen. Aber ganz im Gegenteil: Strauss-Kahn war charmant, selbstbewusst, lebenslustig. Ausführlich diskutierte er, wie die Euro-Krise im Keim hätte erstickt werden können, wenn er sich am 15. Mai 2011 nicht in einer New Yorker Gefängniszelle wieder gefunden hätte, sondern wie geplant bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Man sollte ihn nicht unterschätzen: Ich gehe davon aus, dass in einem halben Jahr alle juristischen Verfahren gegen ihn vom Tisch sein werden, auch die französischen Vorwürfe wegen Prostitutierten-Partys. Dann wird Strauss-Kahn zumindest in der globalen Wirtschaftselite wieder eine führende Rolle spielen.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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1.
leidenfeuer 01.05.2012
Es war das überreichliche Maß an ihm zugeflossenen Geld, das Strauss-Kahn auf mehr als peinliche Abwege verführt hat.
2.
gsm1800 01.05.2012
wo der doch gern solche Skandälchen im Stürmer ausschlachtete.
3. Schlüssig
zeitmax 01.05.2012
Zitat von sysopEin New Yorker Richter hat einer zivilen Vergewaltigungsklage gegen Dominique Strauss-Kahn den Weg geebnet. Edward Epstein, Autor eines neuen Enthüllungsbuches über die Sex-Affäre, erklärt im Interview, warum sich DSK für unverwundbar hielt - und doch in Gefahr wähnte. Vergewaltigungsvorwürfe: "Strauss-Kahn ignorierte die Risiken seines wilden Privatlebens" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,830795,00.html)
Bei den meisten Verfahren wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung ist man argumentativ auf solche Indizien angewiesen, also ganz normal. Hier passt es gut, wie auch bei Kachelmann. Auch die politischen Motive passen sehr gut dazu, jeden Falls, was seine Kandidatur anbelangt. Wie er aber als "Macher"die Finazkrise hätte gelöst haben wollen, das ist das irre Märchen - und gibt mehr von seinem Charakter preis als er denkt! Bitte mehr dazu!
4.
dunnhaupt 01.05.2012
Zitat von sysopEdward Epstein, Autor eines neuen Enthüllungsbuches über die Sex-Affäre, erklärt im Interview, warum sich DSK für unverwundbar hielt - und doch in Gefahr wähnte.
Gerade das Element der Gefahr kann bei alternden Männern als zusätzliches Stimulant dienen, wie Marcello Mastroianni in seiner zufällig ebenfalls in Paris spielenden köstlichen Sexkomödie "Casanova Settanta" zeigte.
5. Strauss-Kahn
hubertrudnick1 01.05.2012
Zitat von sysopEin New Yorker Richter hat einer zivilen Vergewaltigungsklage gegen Dominique Strauss-Kahn den Weg geebnet. Edward Epstein, Autor eines neuen Enthüllungsbuches über die Sex-Affäre, erklärt im Interview, warum sich DSK für unverwundbar hielt - und doch in Gefahr wähnte. Vergewaltigungsvorwürfe: "Strauss-Kahn ignorierte die Risiken seines wilden Privatlebens" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,830795,00.html)
Man kann zu diesen Herrn nur sagen: Ein Mann ohne jeglicher Moral. HR
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Fotostrecke
Wut in Cambridge: Not welcome, DSK

Zur Person
Edward Jay Epstein ist ein bekannter amerikanischer Enthüllungsjournalist. Der Autor von 15 Büchern veröffentlichte im vergangenen November einen Artikel in der Zeitschrift "New York Review of Books". Darin diskutierte er, ob Strauss-Kahn Opfer einer Abhöraktion von Nicolas Sarkozys Partei UMP war oder ihm gar eine Falle gestellt wurde, um ihn als möglichen Gegenkandidaten auszuschalten. Die UMP dementierte heftig. In seinem Buch "Three Days in May: Sex, Surveillance and DSK" (Melville House) präzisiert Epstein nun seine Thesen.